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Die Zukunft des Parkens

Inzwischen sind wir im vierten Tag in Marseille und ich kann nicht sagen, das sich  im positiven Sinne irgendetwas ereignet hat, was mich froh und munter gestimmt hätte. Ausser, dass die Sonne mindestens acht Stunden am Tag scheint und das Apartment am alten Hafen fast alle Voraussetzungen erfüllt, die ich von einem Stadtapartment verlange, sofern das bei Organisationen wie airbnb überhaupt einzuschätzen ist.
Ich bin auch noch krank, die hartnäckige Hals-Mandel-Bronchen-Maladie scheint nur sehr langsam besser zu werden und ich bin nur außer Hauses gewesen, um mit Eva das Parkplatzproblem einigermaßen lösen zu können, da Marseille den Autofahrern eine sehr strikte und teilweise irrationale Verordnung übergestülpt hat, die es Gästen nahezu unmöglich macht, einen geeigneten Parkplatz zu finden, der dem Reisenden nicht pro Tag 15 Euro mindestens aus der Tasche zieht. Zudem ist das Straßenwirrwarr mit Einbahnstraßen, Bustrassen, Verboten und einspurigen Schnellstraßen dermaßen anstrengend, dass man auch mit einem Navigationsgerät nicht ohne mehrmalige Fehlversuche sein Ziel erreichen kann. Nachdem am Samstag, als wir ankamen, die Stadt voller Tagestouristen war, brauchte man sich keine Mühe machen, einen kostenlosen (die sind unter 1 Prozent) oder bezahlbaren Parking aufzuspüren, also übernachtete der Wagen im Parkhaus des Bürgermeisterpalais am Hafen. Sonntags habe ich im Internet stundenlang recherchiert, um eine Lösung zu finden, bis ich einsehen musste, dass man am besten ausserhalb der Innenstadt parken sollte. Da ich die Endstation der Metrolinie 1 La Rose sehr gut kannte, fuhren wir dorthin und parkten den Wagen auf einem kostenlosen Parkplatz an einer Durchgangsstraße. Wir fuhren dann mit der Metro wieder zurück und hofften, dass dort der Wagen sicher vor Polizei und Dieben oder Randalierern eine vorübergehende Heimat gefunden hatte. In der Zwischenzeit machte ich eine Organisation ausfindig, die in ganz Frankreich gesicherte Parkmöglichkeiten anbietet, die im Monat zwischen 50 und 100 Euro kosten. Angeblich verfügen diese Internetunbekannten über 22.000 Parkplätze. Allein in Marseille gibt es mindestens sieben oder acht Garagen oder mit Zäunen abgesicherte Abstellplätze. Aber alles funktioniert nur mit einer app, einem Marathon durch viele Fragen und Bedingungen, wobei alles letztendlich nur mit einer Kreditkarte machbar ist. Wo die Bediensteten der Yespark-Company die Strippen ziehen, war nicht herauszubekommen. Schöne neue Welt. Menschen werden kaum noch benötigt, Autos haben Vorrang und iPhones kommen noch vor den Klienten, die sich auf diese Möglichkeiten einlassen oder einlassen müssen. Nachdem ich endlich die App als Ikon auf meinem Display sehen konnte, dachte ich, nachdem ich mir die gesamten Bedingungen durchgelesen hatte, dass Parken nun zum Cyberkinderspiel werden würde. Am Montag ging es mir wieder so schlecht, dass ich den ganzen Tag im Bett lag. Um am anderen Tag fit zu sein und um Yespark mit unserem Auto und uns zu beglücken, veranstaltete ich mit meinem Körper einige Schwitzkuren, lutschte viele Kräuterdrops und versuchte mich seelisch-geistig in eine Gesundungsselbsthypnose zu begeben.
Heute Morgen sind wir dann zunächst mit der Metro nach La Rose gefahren, um das Auto abzuholen, um dann in einem “wilden” Viertel nördlich von La Villette in der rue Maillard endlich den angewiesenen Parkplatz No 14 auf der 0-Ebene besetzen zu können. Umwege gehören in Marseille dazu, weil die Navis bestimmte Schilder negieren und überhaupt mit der chaotischen Urbanität dieser Stadt nicht zurechtzukommen scheinen. Wir fanden jedoch das Areal mit einem großen vergitterten Tor und ich stieg aus, um mit dem iPhone das Rolltor mit der App zu öffnen. Nach einer Stunde habe ich es aufgegeben und wir sind frustriert wieder in unsere Gegend gefahren, natürlich ging es wieder nur mit einer unfreiwilligen Stadtrundfahrt, da Umwege und “Verfahren” zum Repertoire des Fahrenden dazugehören.
Allerdings wusste ich, dass unmittelbar in unserer Nähe eine Straße existierte (das hatte ich en passent herausgefunden), in der man ohne Parkschein oder Polizeianmache denWagen abstellen konnte. Ich werden den Namen der Straße  nicht nennen, aber allen denjenigen, die irgendwann einmal in Marseille einen kostenlosen Parkplatz suchen und nahe der Verzweiflung sind, werde ich den Namen nach Anfrage bekanntgeben. Wir stehen dort erst einmal sicher und sehen wie sich alles weiterentwickelt. Gesund werden, ist viel wichtiger.

Nachtrag

Als wir am Samstag in Vierolles die A7 verließen, es war auch gleichzeitig das Ende der kostenpflichtigen Autobahn, um einzukaufen, stand ein beträchtliches Aufgebot der gilets jaunes an der Mautstellen. Sie standen vor jeder Kabine, an der das Geld einkassiert wird. Wir öffneten die Scheiben und eine Frau sagte uns, dass wir ihr das Ticket geben sollten, heute wäre alles frei. So sind wir dank der Robin Hood Aktion der Gelbwesten um mindestens 30 Euro herumgekommen. Allerdings weiß ich immer noch nicht, wie sich diese lockere Protestbewegung ideologisch oder politisch zusammensetzt, weil es kaum Hierarchien und offiziell bekannt gewordene Strukturen gibt. In Paris haben sie am Wochenende ordentlich Randale veranstaltet, wobei selbst die Regierung und die Ordnungskräfte nicht genau wissen, welche Flügel für die Zusammenstöße und Autoverbrennungen in Frage kommen. Offensichtlich existieren Demonstrierende, die gewaltfrei sind und auf der anderen Seite mischen hard-core-Protestierenden mit Anhängern der Insoumise wie dem Rassemblement Nationale der Le Pen-Partei mit Hooligans und hauptberuflichen Zerstörungswütigen mit, die vor nichts zurückschrecken. Nichts desto trotz kann diese Bewegung der Grande Nation auch in Zukunft soviel Ärger machen, dass eine schwere Staatskrise das Resultat sein wird. Es geht nicht in Ordnung, ja es ist eine Schande, Reformen durchsetzen zu wollen, bei denen die Begüterten bis Superreichen schlicht verschont werden.

Wolfgang Neisser