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Ein Virus sitzt auf einen Zaun und ein Pangolin fliegt vorbei

Manch einer dreht schon in normalen Zeiten durch, was „normal“ auch immer heißen mag, denn was ist schon normal in einer Welt, die sich vor ratloser Absurdität an einem seidenen Fadengewirr unentwirrbarer Rationalitäten klammert. Wir bezeichnen normal als das, was wir glauben zu kennen und was zu der Konformität der jeweiligen Zeiterscheinungen passt, was uns eine gewisse subjektive Sicherheit vermittelt oder uns auch nur einen Zustand des Bekannten vorgaukelt. Wir erleben eine Zeit, die alle uns vertraut erscheinenden, sogenannten „normalen“ Zustände und Gepflogenheiten ins Wanken bringen und nach den Wochen der verordneten Einschränkungen des sozialen Lebens Verärgerung, Niedergeschlagenheit, Angst und zorniges Aufbegehren in uns hat gären lassen. Ordnung, Gehorsam und Sicherheit werden in Großbuchstaben über unser Zusammenleben geschrieben und manch einer fühlt sich bemüßigt, sich als Hilfssheriff aufzuspielen und jede Übertretung  lautstark und gestenreich anzumerken. Inzwischen blühen Denunziationen ob der kleinen Vergehen gegen die staatlichen Verordnungen wieder auf und man gerät in eine Haltung der Selbstkontrolle. Wir haben uns gefügt und unser Leben auf die notwendigsten interaktiven und sozialen Begegnungen beschränkt und sind in dieser Situation noch sehr weit davon entfernt, diese neue Weltverhaltensordnung zu akzeptieren und mit den Geboten zurecht zu kommen. Auch wenn immer wieder in den Medien behauptet wird, dass sich die meisten Bürger sehr vernünftig verhalten.
Die Liedzeile aus „Bobby McGee“ – „Freedom is just another word for nothing left to lose“ ist in ihrer Bedeutung noch weit entfernt von unserer tatsächlichen psychischen Lage, aber es wird schon sichtbar, dass der Begriff „Freiheit“ in ein anderes Stadium übergegangen ist.
Für die Menschen in den Favelas und Slums, den Elendsquartieren und Townships der Schwellenländer und der „Dritten Welt“ hängen sie wie eine Kohorte von Damoklesschwertern über den Häuptern derjenigen, die nichts haben und die das Wenige, was sie vielleicht noch besitzen, was ihnen als Hab und Gut verblieben ist, auch noch verlieren werden. Für Diejenigen, die hungern und sterben, hat Corona tatsächlich erreicht, dass diese Menschen nichts mehr zu verlieren haben. Aufbegehren, Aufstände, Unruhen und gewaltsame Auseinandersetzungen werden nicht lange auf sich warten lassen, wenn die Lebensumstände dermaßen prekär geworden sind oder schon so zerstört wurden, das die Betroffenen außer der Freiheit, nichts mehr zu verlieren haben, ihnen nur noch die Hoffnung bleibt. Die These von den sich selbst regulierenden Märkten und des grenzenlosen Profits hat mit der Pandemie einen vorläufigen Stillstand erreicht und ist in einer Sackgasse gelandet. Jetzt wird es höchste Zeit, dass dem Begriff Gerechtigkeit endlich der Wert und die Beachtung zugeordnet wird, der für alle Menschen zwischen den reichen Villenghettos und den ärmsten Wellblechhütten gültig und verbindlich sein muss. Selbst das Virus, dieses im Prinzip einfache Molekül mit der Zerstörungskraft einer Zeitbombe, welches im Tierleben millionenfach als relativ harmlos geltend vorkommt, mutierte nach der zoonotischen Übertragung auf den Menschen als ungerechter Killer. Es kann nicht gerecht sein, weil es zwar jeden befallen kann, aber es traf bislang hauptsächlich die Armen, die Alten, die Schwachen und die Kranken. Sie haben weniger Chancen als diejenigen, die sich selbst in eine komfortable Quarantäne begeben konnten, indem sie die Flucht ergriffen, als sie merkten, dass es ihnen an die Substanz des Lebens ging. Zeitungen berichteten, dass reiche Bürger aus den Metropolen wie Paris, London und New York sich mit Hilfe ihres Vermögens auf ihre Yachten oder in ihre Landhäuser zurückziehen konnten. Der Satz „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ ist nicht vergessen und wird als Fanal irgendwo in einer Favela wieder aufflackern, wenn die Seuche für die Mehrzahl der auf der gesamten Welt lebenden Menschen eine Frage auf Leben und Tod bedeutet. Leider haben wir in unseren komfortablen Zivilisationen all das Chaotische, das Menschenunwürdige, das Kriegssterben und die hungernden Kinder in vielen Ländern der Erde aus dem Blick verloren, weil uns deren Elend nicht hautnah betroffen hat. Vieles haben wir verdrängt und so manches wurde schlicht vergessen. Erst jetzt, als das unberechenbare Virus der Definitionslosigkeit einen Schatten über uns geworfen hat, merken wir selbst, wie schnell die Strukturen des Zeitgeschehen außer Kraft gesetzt werden und kippen können und wir ebenso von Krankheit und Tod bedroht werden. Es mag für manche zynisch klingen, aber wir müssen konstatieren, dass wir in Europa in der Coronakrise nur eine leichte Grippe haben, während in Südafrika, in Indien, in Brasilien oder auf den Philippinen die Menschen nur von Glück reden können, wenn der Tod sie verschont. In diesem Zusammenhang denke ich an den ersten Weltkrieg und an die schrecklichen Materialschlachten an der Marne und in Flandern, als Hunderttausende Soldaten in wenigen Tagen von irgendeiner Kugel oder irgendeinem Granatsplitter aus dem Leben gerissen wurden. Erich Maria Remarque beschrieb in seinem Buch „Im Westen nichts Neues“ dieses bluttriefende Armageddon und dass jeder einzelne Soldat, der in den Nahkampf geschickt wurde, nur von Glück reden konnte, wenn er lebendig der Hölle des Tötens entrinnen konnte. Die Gräber bei Verdun und Sedan sprechen eine Sprache, deren Worte wir uns zu eigen machen müssen, um in Zukunft Katastrophen gleich welcher Art zu vermeiden. 

Wir fahren mit dem Auto ins Bergische und das tausenblättrige grüne Aufplatzen der Vegetation trifft mich mit voller Wucht, so sehr habe ich es mir gewünscht. Allein da schwingt auch Trauer mit, denn die Regeln der Pandemie setzen mir Grenzen und lassen mich in einem Vakuum der Enttäuschung zurück.
Man staunt wie schnell Bäume, Büsche und Sträucher die im Winter bislang kahl und dürftig gewordene Welt mit dem saftigen Grün des neuen Jahres schmücken und das Dasein als Elixier des Lebens aufleben lassen. Wie blau der Himmel sein kann und wie die Farben der mich umgebenden Natur mit einem Schauer der Vorfreude in mich eindringen, lässt mich hoffen. Ich sehe es wohl, aber ich weiß genau, dass ein unsichtbarer Vorhang zwischen mir und der Welt liegt. Da fällt mir das traurige Lied ein, das meine Großmutter so oft sang: „Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.“ Ein Blick nach innen reißt mich aus meiner Träumerei. Wie grau und grausam Gedanken sein können.
Die visuelle Offenbarung, die mich ansonsten im Frühling zu Höhenflügen mit kreativen Wolkentänzen verführt, löst diesmal mach einer ersten Euphorie lediglich Regungen des Feststellen einer unvermeidlichen, sich immer wiederholenden Tatsache in mir aus. Es lässt mich nicht so kalt, wie es mir die Gegenwart im Zeichen der überall lauernden Krankheit verbietet, aber es wärmt nur vorübergehend meine Seele mit Hoffnung und Vorfreude. Die Vorfreude und sei sie in diesen Wochen noch so weit entfernt, bleibt und die Sonne des Südens mit der erlösenden Wärme sorgloser Sommertage verlangen tief in mir die Erfüllung

Anstatt erste Lockerungen für die Zeiten einer ungewissen Normalität anzupreisen, die von der Politik und der Wirtschaft das soziale Leben der Menschen untereinander wieder aufleben lassen sollen, empfehle ich die Lektüre von Walter Serner „Letzte Lockerungen“. (Walter Serner, Dadaist, Flaneur)

„Man muss das gänzlich Unbeschreibliche, das durchaus Unaussprechbare so unerträglich nah heranbrüllen, dass kein Hund länger so gescheit daherleben möchte, sondern viel dümmer. Dass alle den Verstand verlieren und ihren Kopf wiederbekommen. Man muss ihnen die Prozente, die Bibelsprüche, die Mädchenbusen, die Pfannkuchen, die Gauguins, die Rotztücher, die Schnäpse, die Strumpfbänder, die Abortdeckel, die Westen, die Wanzen, all das Zeugs, das sie gleichzeitig denken, tun und wälzen, so scharf hintereinander vor den Kinnbogen schieben, dass ihnen endlich so wohl wird, wie ihnen bislang bloß schwappig war. Man muss. Man muss eben. Teremtete!“

Die Rezession ist das Unheil bringende Gespenst der marktkonformen Demokratie. Die Wortführer der leidenden Industrieverbände und Lobbyistenrudel drängen auf eine schnellere Öffnung des lockdowns, obwohl die Experten des RKI, der Charité und des Helmholtz-Institutes eindeutige Warnungen vor einer voreiligen Rückkehr zu einer „Neuen Normalisierung“ fordern, wie business as usual jetzt genannt wird. Es spricht Bände neoliberaler Hybris und einer Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang des Landes, wenn einige Politiker und Ökonomen vorpreschen, indem sie so schnell wie möglich alle Umschlagplätze des Kapitals wie Kaufhausketten, Auto- und Möbelhäuser sowie die wichtigen Baumärkte „Dabadajajubidubida“ über 800 qm wieder eröffnen wollen. Natürlich wird die Volkswirtschaft in eine tiefe Krise fallen, aber ist das Leben der Menschen nicht schützenswerter als die Überproduktion vieler überflüssiger Produkte? Egal wie wir es drehen und wenden, diese Pandemie wird das Gesicht der Welt verändern und eine Neuordnung der Systeme wird unausweichlich sein. Ich beobachte bei meinen Einkäufen, dass kleine Supermärkte mit voll gepfropften Regalen, die weniger als 1,50 Meter auseinanderstehen, die Kontaktbegrenzung außer Kraft setzen. Kollisionen sind nicht zu vermeiden und auch wenn man bei jeder Begegnung mit einem anderen Kunden den Atem anhalten muss, erwischt einen spätestens an der Kasse eine Lungenembolie.
Nachdem der schön geföhnte Tramp der erratischen Gedankenrupturen den notleidenden Amerikanern versprochen hat, dass sie einen „fetten Scheck mit seinem Namen“ bekommen, werden die Autoschlangen, die jetzt noch vor den Verteilungszentren zur kostenlosen Lebensmittelverteilung warten, wieder vor Wallmart und anderen big Playern der Konsumgüterhallen und -tempel stehen.  Ist so ein Scheck nicht mit einem einmaligen Grundeinkommen zu vergleichen und hat der Präsident diese Art der Geldverteilung nicht  immer vehement abgelehnt? Schon vor vielen Jahren prophezeite der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor, dass die Vereinigten Staaten bei einer größeren und länger dauernden nationalen Krise implodieren würden.

Ich brauche Kijimea oder zumindest KoNaSchu, um den komprimierten Wahnsinn abendlichen Medienschleims überhaupt ertragen zu können. Anstatt massenweise Over-the-Counter-Medikamente mit dubiosen Wirkungsweisen zu produzieren, die immer mit der Warnung vor unappetitlichen und unerklärlichen Kollateralschäden versehen sind, sollten die vielen Unternehmen, die den pharmazeutischen Markt mit ihren für tausende Krankheiten zusammengebrauten Pillen, Salben und Tropfen überschwemmen, vielleicht systemrelevante Produkte wie Desinfektionsmittel, Schutzmasken oder Gummihandschuhe herstellen, um die notwendigste Relevanz des Systems wenigstens mit nützlichen Produkten zu unterstützen.
Die Marketingmanager der OTC-Unternehmen zerbrechen sich Tag für Tag den Kopf, wie sie gesundheitsfanatische Bevölkerungsgruppen mit immer mehr faulen Zauber das Geld aus der Tasche locken können. Wer einmal Bachblüten als Wundermittel gegen psychische Störungen eingenommen hat, wird irgendwann einmal zu Hochprozentigen zurückgreifen, um die in einem nagenden Gedanken zu vertreiben, auch wenn bei dauerndem Gebrauch ein schreckliches Ende in Kauf genommen wird. Laut einiger seriöser Studien aus unabhängigen Laboren bewirken Alternativmedikamente wie Globuli keine Verbesserungen von Krankheitssymptomen oder besitzen irgendeine heilende Wirkung.
In einigen Werbeagenturen habe ich als kreativ Verantwortlicher hin und wieder Gestaltungsideen für Thekenaufsteller, Pillendosen, Waschzettel oder Pharmawerbung in Ärztezeitschriften entwerfen und gestalten müssen: z.B. Aktivanad, Herzpunkt oder Sanostol. Nach dem Genuss (?!) einer Flasche Aktivanad schliddert man aus jedem Herzklabaster oder Seelenschmerz in ein klebriges Erlebnis der vollkommenen Wurschtigkeit. Darauf einen Dujardin, aber bitte erst am anderen Morgen, wenn die Raubkatze im Hirn zu fauchen beginnt. Ein Serum aus Kälberhirnen, das angeblich das Immunsystem stärken sollte, wurde zu meinem Frankensteintrauma, als ich den Waschzettel mit den Nebenwirkungen las. Den Namen dieser absonderlichen Ekligkeit habe ich Dank der dem Gehirn inne wohnenden Verdrängungsmechanismen vergessen. In der Werbung wird man sofort zum Dreigroschenjungen, wenn man sich jeden Mist gefallen lässt, der von irgendeinem Account-Manager als Gestaltungsauftrag zu erledigen ist. So sollte ich tatsächlich Broschüren für Sprengkörper gestalten, die von geschickten Händen hier oder in jedem Krisengebiet der Welt in Windeseile zu tödlichen Raketen umfunktioniert werden konnten. Nein Danke, es hat mir schon gereicht, Dixan, Rei in der Tube und Margarine vermarkten zu helfen.

Der Öcher Klenkes Laschet, dessen Nachnamen für sprachbegabte Legastheniker unschöne Assoziationen wecken kann, startete den hirnverbranntesten Coup im Chaos allgemeiner Corona-Unkenntnis. Gemeinsam mit einem anerkannten Virologen wollte er im Eiltempo ein Konzept zur Exitstrategie entwickeln, welches daraufhin der Bundeskanzlerin und der Altherrenriege der Leopoldina (allerdings war es zwei Frauen vergönnt, den Herren Gesellschaft zu leisten) vorgelegt wurde, um den markig forschen Söder (wer reimen kann, erinnert sich an ein Verslein aus der Zeit, als der Markus noch über Fettnpfchen tanzte) vor versammelter Mann- und Frauschaft zu düpieren. Der Schuss ging peinlicherweise nach hinten los, denn die gewiefte Dame mit dem Blazer ließ sich von den Vorschlägen und vermeintlichen Wissenschaftsexkurs des selbst ernannten Kronprinzen der CDU nicht beeindrucken. Im Gegenteil, nach langen Verhandlungen siegte die Vernunft für das Wohl der Bevölkerung, obwohl letztendlich das rationale Handeln und Entscheiden anderer wichtiger Maßnahmen im Malstrom der Atomisierung verschwand. Der Markus mit dem Haifischlächeln verließ die Bühne als kleiner Gewinner oder als Blender, der weiß, wie man den starken Mann markiert.

Im nach hinein entpuppte sich das Theater um die gewünschte Profilierung des Herrn Laschet als Knallbonbon, weil eine PR-Agentur dahintersteckte, die ausgerechnet vom ehemaligen BILD-Chef Diekmann geleitet wird. Ein guter Bekannter des Bonner Virologie-Professors war auch an Bord und so stellte sich heraus, dass alle irgendwie miteinander ein stark gewürztes Süppchen gekocht hatten.
Aber dem kleinen Armin mit dem spitzbübischen Lächeln bleibt immer noch die Hoffnung, die Christlichen Unionisten als Vorsteherdrüse zu übernehmen, weil ein CSU-Bayer vielen jenseits des Weißwurschtäquators immer suspekt bleiben wird.
Nach Corona werden diese politischen Scharmützel und überflüssigen Mätzchen wahrscheinlich vergessen sein, weil dann wird das nächste Schwein durchs Dorf getrieben. Es sei denn, einige investigative Schnüffler untersuchen das eilig zusammengekochte Süppchen in einem Speziallabor zur Wahrheitsfindung.

Nachdem ich ZeroZeroZero, die achtteilige Serie nach dem Buch von Roberto Saviano gesehen habe, ist mir klar geworden, welche Pandemie seit mehr als einem Jahrhundert unablässig durch die Welt wütet und seitdem Millionen Menschen hingerafft hat. Es ist die Seuche der Drogen, bei Saviano wird speziell das Kokain in den Fokus genommen. Die Wege des Rauschgiftes aus Südamerika über Mexiko nach Europa. Die einen leben auf den ersten Blick mehr schlecht als recht in einer der ärmsten Regionen Italiens, in den Bergen Kalabriens und die anderen kontrollieren die Slums von Monterrey in Mexiko. In dieser Gemengelage spielt auch ein Reeder aus New Orleans eine wichtige Rolle, weil er die in Gemüsedosen versteckten Kokainpakete mit seinem Schiff auf Anordnung von der einen Seite des Atlantiks auf die andere Seite transportieren soll. Die Einen leben als Gruppe archaisch geprägter Bauern und Schafhirten im unwegsamen Bergland Süditaliens und dirigieren von kleinen Dörfern aus mit ihrer N`drangheta die Verteilung des Stoffes überall dorthin, wo Kokain zur Lifestyle- oder Suchterhaltungsdroge gehört. Sehen sie auch arm aus, so sind sie doch Millionäre, weil der Umsatz eines einzigen Kilos Kokain, natürlich gestreckt, das beim Verarbeiten des Rohstoffes den 000-Reinheit  aufwies und vielleicht 10.000 Euro kostete, am Ende des Verkaufs an die Endkunden bis zu einer halben Million Euro einbringt. Die sogenannten Kosten, die bei jedem Geschäft anfallen, sind bescheiden gegenüber dem Gewinn, da Bestechung, Erpressung, Gewalt und Mord Argumente sind, die keiner ablehnen kann, dem sein Leben lieb und teuer ist. Die gesamte Koordination zwischen den Kokapflanzern, den Narcogangstern, den smarten  Zwischenhändlern und dem Endistributeur wird wie in einem straff geführten großen Industrieunternehmen abgewickelt, wahrscheinlich noch effektiver, wahrscheinlich noch schneller, weil Lohnkosten wegfallen und alle weiteren Kosten als notwendige Spesen berechnet werden. Der Film beschreibt eine eigene Welt, eine Parallelwelt, die mit Skrupellosigkeit, Drohmechanismen, tödlicher Gewaltausübung den Behörden und Rauschgiftdezernaten kaum eine Angriffsfläche bietet und mit Blut befleckten Gehorsamkeits- und Unterdrückungsmechanismen die gesamte Organisation mit eiserner Faust im Griff hat. Wer redet, stirbt, wer Fehler begeht wird hart bestraft oder ermordet, wer zaudert ist überflüssig. Mord und Folter sind die Instrumente dieses Geschäftsmodells und es gibt genügend Schergen, die für Geld jeden ermorden, der die Geschäfte stört. Die größte Bedrohung des Menschen ist immer noch der Tod und wenn jemanden von einem anderen ein Revolver an den Kopf gehalten wird, tut er alles, was von ihm verlangt wird. Diese Art der brutalsten Einschüchterung mit der durchaus sofort vollzogener Konsequenz der Tötung, ist die Basis des Funktionierens in einer autoritären und gewalttätigen Systemkorrelation wie der Mafia, der N´Drangheta oder der Camorra. Ähnlich funktionieren Diktaturen oder autoritäre Staaten. In Deutschland brauchen wir uns nur an ein 12jähriges Mordgebrüll erinnern und an dutzende Konzentrationslager mit Gaskammern und Todesöfen.
Nordkorea und China, Turkmenistan und Erdogans Türkei versuchen zwar immer noch den Anschein von freiheitlicher Ordnung zu vermitteln, aber hinter den Kulissen und den Mauern der Gefängnisse sieht es anders aus. Die N´Drangheta profitierte 2013 mit 53 Milliarden Euro vom Elend der Rauschgiftsüchtigen und überflügelte sogar die Umsätze der Deutschen Bank, für Italien machte das 2.7 Prozent des Bruttosozial-produktes aus.
Das Buch von Saviano ist als eine präzise recherchierte Dokumentation zu bewerten und beschreibt sehr genau eine Analyse der weltweiten Schattenwirtschaften der global agierenden Kriminalität, aber die Serie als Spielfilm wird spätestens nach Folge drei zur Suspenseschmonzette aus Sex, Crime, Liebe und Tod.
Verständlicherweise wird ein Spielfilmthriller mehr Publikum anziehen als ein Dokumentarfilm, aber dadurch gehen die Drehbuchautoren auch immer das Risiko ein, die Narration dem tatsächlichen Wahheitsgehalt zu opfern. Die ungeheuerliche Macht der Kriminalität wird verwässert und mit  Sexszenen oder Gewaltorgien führen sie zu einer ästhetisierten Verkitschung. Eine gut inszenierte Fiktion eines gesellschaftlich relevanten Themas droht zu verkommen. Das wollte ich so nicht sehen.   

Es ist eine Wohltat, wenn in einer sogenannten Talkrunde zu Corona mehr Fachjournalisten und Wissenschaftler sitzen als Politiker, weil fast jeder Politiker bei seinen Aussage oder Meinungen daran denkt, wie komme ich als Politprofi rüber, wirke ich sympathisch genug, bin ich rhetorisch überzeugend und kann mein Beitrag überzeugen. Die Fachleute aus der Wissenschaft bleiben meistens völlig unaufgeregt und gelassen und zählen ohne Attitüden die Fakten auf, indem sie nachvollziehbare Argumentationsketten entwickeln. Der Virologe Professor Christian Drosten war bei Illner eingeladen und er vermittelte mir eindrücklich, wie man Menschen in gelassener und verständlicher Weise überzeugen und beruhigen und trotzdem den Ernst der Lage einfühlsam kommunzieren kann. Söder stichelte unverhohlen gegen Laschet, ohne ihn zu nennen, Lindner bemühte sich als FDP-Gernegroß, um mit überzogenen und ausgefallenen Ideen überhaupt wahrgenommen zu werden und man gewann den Eindruck, einer Castingshow für noch zu bewertende Beliebtheitswerte zu zuschauen. Bei allen anderen Verbaltombolas, die sich als Talkrunden bezeichnen, bekommt man das Gruseln, ob dem Reigen der Eitelkeiten und Aufplustereien. Wenn man die Politdarsteller beobachtet, wie sie sich profilgeil mit anderen messen und überhaupt nicht merken, dass ihre Performance keinerlei Resonanz nachhallen lässt, wendet man sich mit Grauen und Fremdschämen ab. Drosten sitzt vollkommen unaufgeregt auf seinem Sessel, wirkt geradezu entspannt, wenn nicht das leichte Wippen mit dem linken Fuß wäre. Sein Blick sucht niemals eine Kamera und er zeigt stets eine sparsame Mimik und eine in sich ruhende Körperhaltung. Wenn er spricht, wirkt es bedacht und sympathisch, er formuliert akzentuiert und verfällt nie in Hektik, zuweilen lächelt er leicht und entspannt sich, aber es sieht nie so aus, als würde ihn die Studioatmosphäre zu Hauptdarstellerallüren verführen. Söder macht den Seehofer auf jung und verfällt immer wieder in die Rolle des sonor einschmeichelnden Landesvaters, was ihm wahrscheinlich nur einige abnehmen. Über Ranga Yogeshwar braucht man keine großen Worte zu verlieren, er scheint die Ruhe selbst zu sein und kann seine Ausführungen sehr plastisch erklären, wobei er immer der überlegene Medienprofi mit einem nahezu unanfechtbaren Universalwissen bleibt.

Wie reich darf man sein“ ist der Titel eines schmalen Reclam-Heftes vom Autor Christian Neuhäuser, Professor für praktische Philosophie an der Technischen Universität Dortmund, der auf Seite 72 anmerkt:
Wann aber ist Reichtum ungerecht? Meiner Meinung nach ist das immer der Fall, wenn Reichtum zu grundsätzlichen Schädigungen von Strukturen und anderen Menschen führt. Sollten beispielsweise reiche Menschen anfangen, erheblichen Einfluss auf die Politik zu nehmen, schädigt das unmittelbar die für liberale Republiken zentrale Grundidee der politischen Gleichheit aller Staatsbürgerinnen. Je mehr Einfluss die Reichen nehmen, desto weniger demokratisch ist der Staat. Das gilt auch dann, wenn die Institutionen der Form nach selbst noch demokratisch sind. Glaubt man der Journalistin Jane Mayer (2016), so sind die USA aufgrund des großen politischen Einflusses der Reichen schon längst keine Demokratie mehr. Oder anders ausgedrückt: Ein Nicht-Milliardär wird sich einen Wahlkampf als Präsidentschaftskandidat wohl kaum noch leisten können. Selbst in Europa müssen wir da sehr aufpassen. Es gibt auch andere Formen der unmittelbaren Schädigungen. So können reiche Menschen die Stabilität von Wirtschaften gefährden, etwas wenn sie ein Währung gezielt angreifen. Und sie können ihren weniger reichen Gegnern beispielsweise mit Anwälten und Privatdetektiven das Leben zur Hölle machen.“

Thomas Piketty, der bekannte französische Wirtschaftswissenschaftler und Autor der Bücher „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ und „Ökonomie und Ungleichheit“ stellt die „ungeheure“, für viele liberale und konservative Fachkollegen nahezu „unverschämte“ These auf, dass jedem Menschen auf der Welt 120.000 Euro zugewiesen werden müssen, um in Zukunft nicht nur die Gleichheit- und Gerechtigkeitsfrage zu lösen, sondern beispielsweise auch die drohende Klimakatastrophe in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig könnte dadurch der Sprengstoff der Klassenungleichheit zwischen Reichtum und Prekariat wesentlich, wenn nicht spürbar stark gemildert werden. Sein Vorschlag lautet, dass derjenige, der nur die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdient, sehr viel weniger Steuern zahlen sollte, insgesamt höchstens 10 Prozent einschließlich aller Sozialabgaben. Der Milliardär oder Multimillionär sollte im gleichen Verfahren seinen Verdienst, ein Begriff der bei jedem Superreichen an sich schon absurd klingt, das Zehntausendfache zahlen, mindestens jedoch 90 Prozent, was auch für die Eigentumssteuer gilt. Ein Superreicher wie der Amazon Herrscher Jeff Bezos würde nach diesem Konzept allein im ersten Jahr rund 110 Milliarden Dollar seines Privatvermögens der Allgemeinheit zur Verfügung stellen müssen. Bezos, der Gründer und Inhaber des Onlinehandels amazon, besitzt schließlich mehr als das Zweihundertachtzigtausendfache des US-amerikanischen Durchschnittsvermögens, schätzungsweise 143 Milliarden Dollar. Das reichste 1-Prozent der US-Bevölkerung besitzt 40 Prozent des amerikanischen Gesamtvermögens. Zudem muss angemerkt werden, dass fast alle Technologie- und Handelsriesen schon seit Jahren sehr viel weniger Steuern zahlen als die arbeitende Bevölkerung in Industrie- und Dienstleistungsunternehmen.
Diese Tatsache wirft die Frage auf, dass die eigentlichen Beherrscher der Staaten diese Milliardäre sind. Freiheit, Gleichheit und Nachhaltigkeit der Demokratie und der in ihr lebenden Menschen werden dadurch entmachtet. Die urplötzlich aufgetauchte Pandemie, die innerhalb von drei Monaten nahezu Zweieinhalb Millionen Menschen infiziert hat, weist für die Zukunft die Richtung, dass der Spieß umgedreht werden muss, um die Menschheit mit all ihren Rechten und Pflichten vor noch schlimmeren Katastrophen zu bewahren. Die Pandemiefolgen zeigen doch, dass es durchaus möglich ist, in kürzester Zeit Milliarden, ja Billionen locker zu machen, was man während der Diskussion um die Klimafolgen oder die Entlohnung der Leichtlohngruppen wie dem Grundeinkommen noch nicht einmal zu denken vermochte, geht hier locker von der Hand. Bei der Lektüre der unterschiedlichen überregionalen Zeitungen oder Periodika fällt auf, dass die als konservativ einzuordnenden Medien wie beispielsweise die FAZ oder das Handelsblatt eine Rückkehr zur Normalität vor Corona vehement einfordern, während liberalere oder linke Zeitschriften die Meinung vertreten, dass die Gesellschaft und das System Demokratie wie Marktwirtschaft mit Wachstumsideologie dringend neu gedacht und auf einer paritätischen Basis aller neu konstruiert werden muss. In diesem Zusammenhang verweise ich auf den belgischen Schriftsteller und Historiker David van Reybrouck, der in seinem Buch Gegen Wahlen folgende Thesen aufstellt:

„Ich glaube, dass der dramatischen Systemkrise der Demokratie abgeholfen werden kann, in dem man dem Losverfahren eine neue Chance gibt.“
„Ausgeloste Bürger haben vielleicht nicht die Expertise von Berufspolitikern, aber sie haben etwas anderes: Freiheit. Sie brauchen … nicht wiedergewählt zu werden.“ (S. 156)
„Es wird ein Stück Ruhe wiederherstellen. Gewählte Bürger (unsere Politiker) werden dann nicht nur von kommerziellen und sozialen Medien gehetzt, sondern wissen sich durch ein zweites Gremium flankiert, für das Wahlfieber und Einschaltquoten vollkommen irrelevant sind.“ (S. 157)
„Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Gründe, die man heute gegen ausgeloste Bürger anführt, häufig mit den Gründen identisch sind, die man seinerzeit gegen die Verleihung des Wahlrechtes an Bauern, Arbeiter oder Frauen anführte.“ (S. 158) (aus wikipedia)

 Blicken wir in die Geschichte zurück, taucht eine weitere wichtige Frage auf: Wem gehört eigentlich die Erde und wenn ja warum sie denen gehört, die sie als ihren Besitz erklären. Noch vor 2500 Jahren war das Gebiet, das wir heute Deutschland nennen, dicht bewaldet und spärlich bevölkert. Einzelne Menschen nahmen sich meistens mit Gewalt oder Betrug das Recht heraus, sich bestimmte Flächen anzueignen und darüber zu bestimmen. Es wurde ihr Eigentum. Stämme mit Häuptlingen, Fürsten und Herzöge, Könige und Kaiser nahmen sich, was zu kriegen war. Und als Europa einigermaßen aufgeteilt war, zog es sie in die anderen Kontinente, um dort ihre Macht- und Gebietsansprüche durchzusetzen und sich gleich alles zu nehmen, was sie betreten hatten.
Die Landverteilung vor Entstehung der Deutschen Nation 1871 blieb auch nach der Zerschlagung der Feudalherrschaft immer noch in Händen jener, deren Vorfahren sich der Gebietsfläche der Erde bemächtigt hatten und diesen Besitz als angestammtes Recht verteidigten.
Jeder, der heute ein brachliegendes Grundstück erwirbt und ein Haus darauf bauen will, muss einen hohen Preis pro Quadratmeter bezahlen, eher er sich als Eigentümer in ein Grundbuch eintragen lassen kann. Das kleine Gelände oder Grundstück gehört danach rechtmäßig ihm und er kann es nach seinem Tod vererben. Kinder und Enkel sind dann die Nutznießer. Wird der Besitz verkauft erzielt er oft eine weit höheren Preis als die ursprüngliche Kaufsumme mitsamt Kosten für die Errichtung eines Gebäudes.
Dieses kleine Grundstück mit dem kleinen Eigenheim ist lediglich die kleinste Einheit auf einer Erdgesamtfläche von 510.100.000 km², zeigt aber als Beispiel, wie die Frage nach dem Besitz der Erde beantwortet werden könnte. Kehren wir in die Vorzeit zurück. Die ersten Vorfahren der Europäischen Adelsgeschlechter, die heute immer noch über sehr viel Macht, Geld und Einfluss verfügen, wurden vor 900 Jahren nicht als Besitzende geboren. Sie stiegen vom kleinen Grundbesitzer zum Herrscher über tausende Quadratkilomter Land auf. Deren Nachfahren vermehrten den wie auch immer erworbenen Besitz immer weiter, so dass die kommenden Erben, ohne eigenes Dazutun weiterhin die Herrscher über große Ländereien und Besitztümer bleiben werden.

Wie kann das mit dem Grundrecht der Deutschen Verfassung – Eigentum verpflichtet – von 1949 zu vereinbaren sein, darüber sollte hin und wieder nachgedacht werden. 

W.N. 2020, 20.4.