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Une partie de pètanque

In Arles ist es leichter eine deutsche Zeitung zu kaufen als einen Bouleplatz zu finden, auf dem auch gespielt wird. Allein das klingt wahrscheinlich seltsam für diejenigen, die immer behaupten, dass man in Frankreich immer einen Place de la Pétanque findet, auf dem gespielt wird und dass man immer herzlich und zuvorkommend willkommen ist. Im Sommer, der im allgemeinen viel heißer ist als bei uns, sind die Gepflogenheiten der Spieler auf den Abend ausgerichtet. Einerseits arbeiten viele in den Dörfern und Städtchen der Provence oder man geht oft gegen fünf Uhr nachmittags los, weil der Mistral immer eine kühlende Wirkung verspricht. In Deutschland beginnen viele Boulesessions schon nachmittags, was im Süden Frankreichs eher schon sehr viel ältere Männer und Rentner bevorzugen. Warum sollte man drinnen hocken, wenn es schöne und schattige Bouleplätze gibt.

Entweder wissen diejenigen nicht, die von der typisch südfranzösischen Willkommenskultur erzählen, was sie von sich geben oder sie erzählen in euphemistischer Weise kleine Histörchen, die ihre Francophilität und ihr boulistisches Renommée bei den Zuhörern oder Lesern überhöhen soll. Ich habe an der Côte d´Opal, am Atlantik bei La Rochelle, im Elsass, in Lothringen, im Südwesten rund um Toulouse und natürlich sehr oft in der Provençe und im Languedoc gespielt und musste feststellen, dass es kein feststehendes Zeitritual gibt, wann im allgemeinen gespielt wird. Kennt man einen ansässigen Franzosen ist es sehr viel leichter, dem Spiel zu frönen, auch weil man auf diese Art zumindest schon einen Partner für ein Tête hat. (auch Partnerinnen und Französinnen sind gemeint)

Gestern stieg die Temperatur im Schatten (wo sonst) auf 33 Grad und am frühen Nachmittag kam mir auf den von mir bislang gesichteten Bouleplätzen in Arles kein Klackern der Kugeln zu Ohren. Zugegeben, von den 6 offiziell verzeichneten Plätzen habe ich bislang erst drei entdeckt, aber es waren keine Spieler zu sehen, die in den verschiedenen Formationen gegeneinander antraten. Zugegeben, ich weiß nicht, wie es abends ist, aber all diese Plätze wiesen keine künstliche Leuchtstrahler auf. Aber in diesen Tagen spendet die Sommersonnenwende bis 22 Uhr genug Licht. Vielleicht strolchen zu viele  Touristen durch die Stadt, die von der kulturellen Vielfalt überwältigt an jeder Ecke stehen bleiben und deshalb von den einheimischen Boulespielern mit Missfallen beäugt werden. Aber, was weiß ich schon, der ich erst 16 Tage hier bin und bislang nur mit der Bewältigung unseres Programms, diversen Einkäufen und dem Schreiben des Blogs zu tun hatte. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass eine gewisse mir bislang unbekannte Schüchternheit und Hochachtung vor den möglicherweise anzutreffenden französischen „Sacres Monstres“ in meinem Kopf herumspukte, so dass ich meine ersten Annäherungsversuche zu den Petankisten aus Arles auch von Tag zu Tag hinausgeschoben habe. Angst hatte ich keine, das wüsste ich, aber irgendeine psychische Blockade hemmte mich.

Bullshit. Es hat keinen Zweck, sich in Vermeidungshaltung zu begeben, wenn man von der Leidenschaft für die fliegenden Kugeln besessen ist, muss man sich stets vorwärts bewegen. Kein einziger wohlgesonnene Français kommt zu einem und sagt: Oh Monsieur, vous jouer des Boules? Est ce que vous avez du temps pour faire un jeu avec moi. J`ai vu vous etes un homme tres gentile et je adore les formidables Voisins outre Rhin. (Franzosen dürfen jetzt lachen und französisch sprechende Deutsche sich die Haare raufen)
So´n Quatsch, oder? Kein einziger in Südfrankreich aufgewachsener Mensch würde ein derartiges Geflöte durch die Zähne blasen und wenn, würde es sich anhören, als könnten sich Konsonanten und Vokale derartig ineinander verknoten, dass es in etwa so klänge, die französische Spracheleganz durch einen Fleischwolf gedreht zu haben.

Entweder geht man auf einen Platz, wo man annimmt, dass gespielt wird und versucht den spielenden oder herumstehenden Männern klar zu machen, dass man gerne mitspielen würde, wie früher in der Schule, wenn man als Zugezogener noch keine Freunde hatte oder man bleibt zuhause und schaut gelangweilt, in einen Liegestuhl geflätzt, an der gleißenden Sonne vorbei. „Darf ich bitte mitspielen?“

Gestern war ich endlich bereit. (Ehrlicherweise wollte ich schon vorgestern spielen, bis mir einfiel, dass der normale Franzose Familienmensch ist und nicht unbedingt am Sonntag Frau, Kinder, Onkel, Tante und Enkelkinder allein lässt, wenn Mann nicht Gefahr laufen will, den Haussegen in eine Schieflage zu bringen. Es sei denn, man würde von anderen geradezu genötigt, sich aufzuraffen und für ein kleines Stündchen an der frischen Luft ein wenig zu entspannen. Stimmt auch nicht, denn am Sonntag wird im allgemeinen geboufft und das kann sich schon bis in den Nachmittag hinziehen und danach ist man wahrscheinlich sehr müde, der Wein tut ein übriges, dass man keine Lust mehr verspürt, das Haus zu verlassen.

Im Internet fand ich heraus, dass auf der gegenüber liegenden Seite der Rhone ein sehr schöner mit Platanen bestandener Platz liegt, der von allen Kennern aus den einschlägigen Bouleforen im Internet hoch gelobt wird.

Nun muss man wissen, dass sich das Zentrum von Arles östlich an die Rhone schmiegt und Trinquetaille auf der gegenüber liegenden Seite eher ein Schattendasein führt. Auf der einen Seite 2000 Jahre Kulturgeschichte mit allen immobilen Zeitzeugen der einzelnen Epochen, die man sich denken kann; und eben die unzähligen Touristen, die sich durch Römertrümmer, Barockplunder oder Art-Deko-Kitsch angezogen fühlen. (Im Ernst, legen Sie meine Ausführungen nicht auf die Goldwaage, es war eben sehr heiß gestern). Auf der anderen Seite des Flusses Wohnsiedlungen, Plätze, Straßen und Gassen, aber keine Touristen, keine Souvenirgeschäfte, kaum Restaurants und in der Mittagshitze auch keine Bewohner, die draußen herumschlendern und auf Hausfassaden starren.

Boulodrome Place Daillan in Trinquetaille, hieß mein Sehnsuchtsort und um 15 Uhr fuhr ich mit dem Bus in die Innenstadt von Arles und wanderte dann zu Fuß in Richtung Rhone, um ans andere Ufer zu gelangen und auf dem mir noch unbekannten Boulodrome meine Anwesenheit zu demonstrieren.

Als ich mich dem Terrain näherte, sah ich schon einige ältere Herren, die offensichtlich hinter einer kleinen Mauer standen und diskutierten. Beim Näherkommen bestätigte sich meine Vermutung, allerdings diskutierten sie nicht, sondern spielten um einen Tisch sitzend Karten. Männliche Protagonisten der Generation Nachkrieg in eine Partie Belote vertieft. Aber die eigentliche Überraschung war der Platz. So groß wie ein Fußballfeld und im Abstand von acht bis zehn Metern ragten Platanen, hintereinander in Reihen gepflanzt, zum Himmel. Platanen, deren Blattwerk erst bei ungefähr 6 Metern anfing und deren Kronen das gesamte Terrain in ein grün flimmerndes Blätterdach verwandelten.

Hier war ich richtig, dachte ich, aber auf meine freundliche gut akzentuierte Begrüßung folgten nur paar gemurmelte Floskeln, die ich nicht verstand und das wars dann. Diese Typen konnte man nicht bewegen, ein lockeres Spielchen zu machen, also machte ich mich auf, um alleine zu trainieren. Dafür schleppe ich immer sechs Kugeln mit mir rum, damit ich Schießübungen in bestimmten Formationskonstellationen trainieren kann. Drei Kugeln im gleichen Abstand nebeneinander und dann von der Mitte nach links oder rechts die Kugeln aus acht Metern Entfernung „auf fer“ (direkt auf die Kugeln) herausschießen. Ich traf und manchmal dreimal hintereinander, mindestens jedoch einen Treffer pro Übung. Wie immer fühlte ich mich als „Trainingsweltmeister“, denn im Spiel kann das Gelingen wesentlich unterschiedlich ausfallen. Danach versuchte ich mich in Hochportées und Demi-Portées, mindestens 3- 5 Meter hoch. Das Terrain erlaubte keine Fehler in der Wahl der Données, der Punkt, wo die Kugel mit Effet auf die Erde trifft und ein bisschen weiter rollt, um in der Nähe des cochonets liegenzubleiben. Wenn es denn gelingt. Offensichtlich war unter dem Erd- und Kiesbelag Beton, sodass die Kugeln immer wieder hoch hopsten, wenn sie auf blanken Beton trafen. Schießen gestaltete sich wesentlich einfacher als Legen, aber bei einem Boden, den man nicht kennt, muss man erst einmal alles ausprobieren, um mit der richtigen Technik Erfolg zu haben. Schade, dass kein Mêlée zustande kam, wobei alle Spieler in einer Reihe stehen und je eine Kugel in Richtung cochonet (Zielkugel – aus Holz – ca. 2-3 cm im Durchmesser) werfen. Die Nähe der liegengebliebenen Kugeln zur Zielkugel bestimmt in der Reihenfolge, wer mit wem spielt. Alles ist dem Zufall überlassen.

In der Ferne höre ich ein Geräusch, das Geräusch, das bei allen Boulespielern innere Freudensprünge auslöst, wenn eine Kugel durch einen gezielten Wurf eine andere trifft und das phonetische Ergebnis ein sattes Klacken hervorruft. Ich drehte mich um und sah am anderen Ende des Platz ein blaues Shirt und weiße Shorts. Und wieder machte es klack. Zunächst spielte ich meine Übungen weiter bis ich mir dachte, warum sollen er und ich alleine spielen, zu zweit ist es viel erquicklicher.

Ich nahm meine Kugeln und ging über den Platz. Ein Mann um die Fünfzig nahm mich wahr und willigte mit sympathischen Lächeln ein, Tête zu spielen (Tête a Tête = Einzel, Zwei Gegeneinander). Schon bei der ersten Aufnahme war mir klar, dass ich einen Könner getroffen hatte. Ineinander fließend übergehende Bewegungen, die auf jahrelange Spielerfahrung schließen ließen. Wir spielten nur Portées und seine Technik und sein Wissen über die Beschaffenheit des Platzes waren entscheidend für den weiteren Verlauf unseres Spiels. Beim sechs zu sechs dachte ich noch kurz, dass ich gut mithalten würde, weil er einige Fehlschüsse hinnehmen musste. Aber mein Legen widersprach nicht nur meinen Erwartungen, sondern zeigte mir, dass es auf diesem Untergrund eine Weile dauern würde, bis ich die mir gerechte Lösung der Annäherung an das „Schweinchen“ (cochonet) aneignen würde. 6 : 13. Mein gegnerischer Partner hatte zwar vorher gesagt, dass er leider nur ein Spiel würde absolvieren können, aber am Ende der Partie meinte er, dass er doch noch Zeit genug haben würde. Die erste Partie war eben schneller verlaufen als er und ich gedacht hatten. Wir spielten daraufhin noch zwei Runden, die ich auch verlor. Aber mein Legen wurde besser wie sein Schießen von nun an fehlerfrei war. Meine Schüsse trafen auch genauer, aber er war spielerisch überlegen. Genau das ließ in mir die Erkenntnis reifen, dass ein derartiges miteinander Messen, ohne den anderen mit Verbissenheit schlagen zu wollen und ohne einem misslungenem Versuch im nachhinein mit Konjunktiven entschuldigen zu wollen oder über sich selbst zu fluchen, dieses schöne Spiel Pétanque ausmacht. Was wäre gewesen, wenn ich gegen ein Kaliber wie ihn einmal gewonnen hätte? Ein Zufall oder ein selbst verschuldetes Versagen des Mannes? Ich erkenne an, wenn jemand besser als ich ist und gegen so einen Gegner kann man froh sein, nicht Fanny (zu Null) verloren zu haben. Die Ergebnisse unseres Zusammentreffens gingen in Ordnung, denn dieser Spieler tummelte sich in einer anderen Liga. Zum Ende der Woche werde ich wieder auf dem Boulodrome Daillan sein. 

Drei Wochen waren vergangen, als ich in Köln eine Kugel in der Hand gehalten hatte und der Platz verlangte einem alles ab, was man aus seinem Repertoire einsetzen kann. Wir spielten gute neunzig Minuten, dann musste er gehen. Trotz Schatten saugten die hohen Temperaturen den letzten Tropfen Kondition aus mir heraus, aber ich war mit mir zufrieden und dachte, dass es so einfach sein kann, die Zeit zu vergessen und sich selbst genießend eine Freude zu bereiten.

Zuhause habe ich Spaghetti Vongole und einen Tomatensalat zubereitet und schaute weiteren Spielen in Arles mit froher Erwartung entgegen.

Glossar

Pétanque kommt vom provençalischen pieds tanca, beide Füße zusammen

Pointer = Legen

Tirer = Schießen

Cochonnet = Schweinchen oder Zielkugel

Donnée = Die Stelle, an der die Kugel den Boden berührt, um in Richtung Zielkugel zu rollen.

Tête a Tête TaT = Ein Einzel

Doublette = Zwei gegen Zwei

Triplette = Drei gegen Drei

Mêlée = Gruppenbildung nach Zufallsprinzip

Boulodrome = Bouleplatz – Gelände, auf dem offiziell Boule gespielt wird

Fanny = zu Null verlieren

Distanz = 6 bis 10 Meter

Ergebnis = Bei dreizehn hat man gewonnen

au Fer = auf Eisen  – Schuss direkt auf die zu entfernende, gegnerische Kugel

Sacres Monstres = Geniale Spieler