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Ob es stimmt, dass Fußball die schönste Nebensache der Welt ist, wird jetzt im Virenfieber auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft werden und dabei geht es nicht nur um Geld, Vergnügen am Wettkampf, Freizeitgestaltung, Leidenschaft und Belustigung, sondern auch um Zeit als Maß der Vergänglichkeit. Zeit mit Fußball, ob man aktiv kickt oder als Zuschauer das Spiel mitfiebernd verfolgt, ist für die meisten Fußballfans eine feste Größe ihres Lebensablaufs. Frühlings- und Frühsommerzeit wie der Herbst, wenn die Ligen ihre letzten Spiele um die jeweiligen Meisterschaften austragen, gilt für mich wie für viele andere als eine der spannendsten Perioden des alltäglichen Lebens zwischen all den ansonsten gepflegten Gewohnheiten oder Ritualen.

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass die Zeit, die für das engagierte Verfolgen des Ballsports aufgewendet wird, einerseits als eine fest verplante Zeitbelegung den Tagesablauf bestimmt und ich mich andrerseits fragen muss, wie ich diese 2-3 Stunden passiv erlebte Zeit für mich und meine Lebensqualität rechtfertige und ob diese verfließenden Stunden als Faktor Zeit eine Dimension der Vergeudung von Leben einnehmen. Gleichgültig wie man es dreht oder wendet, es gehört zu mir wie Laugenhörnchen zum Frühstück oder schwarze Kleidung von oben bis unten und von innen nach außen.

Wir, die wir den Fußball lieben, haben uns daran gewöhnt, zumindest samstags die Spiele der Bundesliga zu verfolgen. (oder ins Stadion zu gehen). Je nachdem an welchen Club man sein Herz verloren hat, nimmt man sich auch die Zeit heraus, die Matches der Champions-League Saison alle 14 Tage dienstags oder mittwochs zu schauen, die teilweise immer noch im Free-TV gesendet werden. Es kommt einem erst gar nicht mehr in den Sinn, sich zu fragen, was man noch mit diesen Stunden hätte anstellen können. Was man in den Stunden zwischen 20:15 und 23 Uhr alles hätte bewerkstelligen können, habe ich schon vorher ausgeblendet. Dabei denke ich voller Mitgefühl auch an die Tatortfans, die oft gar nicht bemerken, dass auf 3sat, arte, one, neo und all den 3. Programmen zur gleichen Zeit anspruchsvolle Spielfilme oder Dokumentationen angeboten werden.

Es war die Seuche, die aus China über Italien (oder aus Frankreich nach neuesten Informationen) nach Deutschland geflogen kam, Corona, der Winzling mit der exponentiellen Gier, hat uns nach dem ersten Geisterspiel zwischen Gladbach und Köln aus dem Jubelhimmel der wirbelnden Dribblings und den elegant geschlenzten Freistößen gerissen, aber auch vor den Pupillenverdrehungen der stinklangweiligen Ballschiebereien zwischen manchen Begegnungen bewahrt. Hat sie uns tatsächlich bewahrt oder war dieser Pausenpfiff nicht nur für die auf uns zukommende Ansteckungsgefahr notwendig, was wir mit unserem Turboleben und unserem Freizeitverhalten ohne Nachdenken anstellen?

Im März und April wurden die Mannschaften und ihre Stäbe aus dem Kanzleramt gänzlich aus den Arenen verbannt. Und irgendwie schien es, als habe man die Uhr für alle Lebensbereiche mit Gewalt angehalten. Es folgte das Schweigen der Rasenflächen in den Stadien. Ruhe herrschte im Land, die Autobahnen waren leer, die Shoppingmalls verlassen und den Menschen stand ein Fragezeichen ins Gesicht geschrieben.

Aber wofür haben wir einen föderalistischen Staat mit gestandenen Ministerpräsident_innen und warum sollten uns „überkandidelte“ virologische Mahner und Warner von unserem geliebten und auch wohlverdienten Ballzauber abhalten? Ab 16. Mai, so sagen sie von höchster Stelle, soll vor leeren Rängen mit umfassend getesteten und ethisch wie sozial vernünftigen Athleten der Ball der Bälle wieder rollen. Das wortlos brüllende Geisterpublikum und die stummen Gesänge aus den gut desinfizierten, aber verwaisten Stuhlreihen werden wohl kaum in den von Quarantäne umzingelten Wohnzimmern weitergehen. Vielleicht werden einige pfiffige Tontechniker die Idee aufgreifen, Fangesänge und Schmährufe per Play-back einzuspielen. Was bei D.T.Heck funktionierte, kann auch bei Herrn An und Frau Stoß die Stimmung heben.

Neueste Meldungen aus der SZ vom 8. Mai 2020

„Die Sonderstellung von Berufssportlern und -Sportlerinnen erfordert – auch rechtlich – eine gesonderte Beurteilung.“ Im Hinblick auf „die Begrenzung des ansonsten entstehenden wirtschaftlichen Schadens“ sei somit die Fortsetzung der Fußballsaison unter Einhaltung der vorgesehenen gesundheitlichen Standards „vertretbar“. Außerdem hielt der Entwurf fest, dass dem Neustart, „wie in dem geprüften Konzept vorgesehen, eine Quarantänemaßnahme, gegebenenfalls durch ein Trainingslager“, vorausgehen müsse und dass die 36 Vereine die Kosten ihres hygienischen Vorsorgeverfahrens zu tragen hätten. Auch der Anstoßtermin wurde in dem Papier definiert: Gestartet werde „ab X. Mai“.

Nirgendwo sonst als im internationalen Fußballbusiness zeigen sich die Auswüchse eines unkontrollierbaren Finanzsystems und globalen Spekulationsnetzes anschaulicher als in dem von keinem Staat zu kontrollierenden FIFA-Imperium. Am marktkonformen Fußball, von knallharten Managern geführt, spalten sich zwischen kollektiver Massenbelustigung, Transfer- und Spielergehältern und einer in sich kränkelnden Gesellschaft die Geister und gerade während der Corona-Pandemie scheint der überhitzte Topf überzukochen. Die FIFA hält die Strippen fest in der Hand, auch wenn der Chef bezeichnenderweise „Infantino“ heißt.

Während wir zu Zeiten des geregelten Ligabetriebes, der Champions League, den Länderspielen mit den TV-Übertragungen über die horrenden Summen verärgert geschimpft haben und trotzdem Woche für Woche in die Stadien gingen oder bei Sky vom Sofa aus auf die Glotze starrten, zeigt sich in der Krise, mit welcher obszönen Verkommenheit der bezahlte Fußball Millionen Menschen im Griff hat und ein eigenes Sonnensystem im Kosmos der Erde ist. Bei aller Leidenschaft und auch wenn man größtes Verständnis für dieses Spektakel kapitalistischer Konvenienz aufbringt, sollte man sich am Beispiel von Zahlen und Fakten ein besseres Bild des Weltsports Nr. 1 machen.

Aus naheliegenden Gründen habe ich mich auf den deutschen Fußball und das Spielgeschehen der Ligen, Verbände und Vereine konzentriert. Außerdem gilt Deutschland neben Großbrittanien, Italien und Brasilien als Synonym für das Spiel mit der runden Kugel, schließlich waren die Deutschen schon viermal Weltmeister und deutsche Kicker gelten im Mannschaftsverbund als kompakt und kämpferisch, auch wenn sie nicht die größten Rastellis am Ball hervorgebracht haben.

Deutschland verfügt über 27.000 Fußballvereine, die sich in mehrere, hierarchisch übereinanderliegende Ligen aufteilen. Die Bundesliga ist die höchste Spielklasse und wurde 1963/64 gegründet. Von allen Gründungsvereinen ist seit letzter Spielzeit kein Club mehr vertreten. Den HSV hat es nach vielen vergeblichen Versuchen, in den Keller zu fallen, letztes Jahr auch erwischt. Viele der Vereine, die aktuell in der 1. Bundesliga spielen, sind schon einmal oder mehrfach auf- und abgestiegen. Lediglich Bayern München, die erst 1965 aufstiegen, hat sich von Anfang an in der Liga als feste Größe eingerichtet und wurde mit 29 Titeln deutscher Rekordmeister. Vereine, die in den letzten 57 Jahren die Liga prägten, waren der BVB-Dortmund, Schalke 04, Werder Bremen, 1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach, Eintracht Frankfurt, Bayer Leverkusen, 1. FC Kaiserslautern, FC Nürnberg und der SC-Freiburg. Aber leider stiegen wegen sportlicher und daraufhin auftretender finanzieller Schwierigkeiten Traditionsklubs bis tief in die Landesligen ab. Wer spricht heute noch von Wattenscheid, Saarbrücken, Aachen, Kassel oder Homburg?

18 Mannschaften vertreten die 1. und 2. Bundesliga, bei der 3. Liga laufen 20 Mannschaften auf. Mit seinen insgesamt über sechs Millionen Mitgliedern in fünf Regional- und 21 Landesverbänden ist der Deutsche Fußball-Bund heute der größte nationale Sportfachverband der Welt. Dieser Verband DFB ist omnipotent und vergibt nach einem Lizenzierungsverfahren an sportlich und wirtschaftlich qualifizierte Vereine eine sogenannte Profilizenz, die für den Spielbetrieb in den obersten Klassen unabdingbar ist. Vom DFL (Deutsche Fußball Ligen) wird  der Spielbetrieb der bundesweiten Spielklassen organisiert. Um in die höchste Spielklasse zu gelangen, müssen sich die Vereine mindestens bis in die 2. Bundesliga hochkämpfen, um in einem Aufstiegsverfahren  (verbunden mit einem Abstiegsverfahren aus der 1. Liga) in der 1. Bundesliga spielen zu können. Jeder Verein, sofern er wirtschaftlich gesund ist und über die notwendige spielstarke Mannschaft verfügt und das Lizensierungsverfahren übersteht, kann bis nach ganz oben kommen. Siehe TuS Hoffenheim, der mit seinem zahlungskräftigen Sponsor Dietmar Hopp, ehemals Gründer der SAP, der von der Regionalliga bis in die Bundesliga hochkletterte. In einem verzahnten System von 2235 Ligen, die auf bis zu 13 Ebenen aufbauen, nehmen 31.645 Mannschaften teil. (Stand Saison 2016/17). Auch RB Leipzig stieg durch gekaufte Spielerqualität, die durch den Milliardär Mateschitz, dem Inhaber des „Red Bull Imperiums“,  bezahlt wurde, in einem Durchmarsch nach ganz oben auf. Geld ist das bevorzugte Schmiermittel des gesamten Fußballbusiness. Dabei darf nie vergessen werden, welche horrenden Summen bei Wetteinnahmen, Toto und anderen Formen des spekulativen Gewinnstrebens in oft dubiosen Kreisen abgezo(ck)gen werden.

Die tz schreibt, dass ca. 13 Mio Menschen jeden Samstag (Durchschnitt) in die deutschen Stadien pilgern und bezieht sich auf die Saison 2018/19. Durchschnittlich bezahlen die Fans  24,11 Euros für ein Ticket in der 1. Bundesliga und jeder Besucher gibt zwischen 8,40 Euro in München und 7 Euro bei RB Leipzig aus. (Dortmund Vorletzter, Köln 8 Euro). Bei dem Mittelwert von 24,11 Euro und bei 13 Mio. Besuchern werden demnach über den berühmten Daumen gepeilt ca. 313.430.912 Euro Eintrittsgelder pro Spiel eingenommen. In Worten 313,5 Millionen Euro. (tz). Würden jeden Samstag im Durchschnitt 24,11 Euro peo Fußballspiel ausgegeben, würde man nach 34 Spieltagen 10.656.620.000 Milliarden auf die Konten einzahlen können. Es gibt aber auch Dauerkarten und deshalb kann ein genaues Ergebnis aller gezahlten Tickets nur sehr schwer ermittelt werden. Mit einem 140 Euro Stehplatz-Dauerticket bei Bayern München nimmt der Verein 1,82 Milliarden Euro ein. Die umsatzstärksten Vereine in der Bundesligasaison 2014/15 konnten einen Umsatz von 6.471.000.000 Euro mit Merchandising und Co. verzeichnen. In Worten 6,5 Milliarden Euro. Beispiele (Trikot und Fanschal für die Stadionbesucher. Bei Schalke 89,95, bei Köln 79,99 und bei Hoffenheim nur 74,95 Euro. Das ergibt die Summe von 192 Mio. (Deloitte). Allein bei Bayern München stehen 592 Mio. Umsatz in den Büchern. Das ist im europäischen Vergleich achtbar, aber Manchester United mit einem Umsatz von 689 Millionen Euro ist der Krösus unter den Spitzenklubs, deren Besitzer russische Oligarchen, saudische Prinzen oder andere schwerreiche Global Player sind. Der FC Barcelona liegt weiterhin auf dem zweiten Platz und verzeichnete einen Umsatz in Höhe von 620,2 Millionen Euro. „Die 20 europäischen Top-Clubs erreichten mit einem Gesamtumsatz von über 7,4 Milliarden Euro eine neue Rekordmarke. Im Vergleich zum Vorjahr konnten sie ihre Umsätze um fast zwölf Prozent im Jahr 2017 steigern. (ISPO). Deutsche Spitzenklubs befinden sich ebenfalls im Top-20-Ranking mit Borussia Dortmund (11) und FC Schalke 04 (14). Der BVB setzte 283,9 Millionen Euro um, wohingegen die Schalker lediglich einen Umsatz von 224,5 Millionen Euro erzielten. Aber was wäre das gesamte Fußballbusiness ohne die Sponsoren und die TV-Rechte, die in regelmäßigen Abständen höchst bietend versteigert oder verscherbelt werden. Der GEZ-Kunde, der die Öffentlichen Rechtlichen Fernsehanstalten finanziert, muss weites gehend auf Liveübertragungen verzichten, weil die medialen Großkotze aus England oder den USA die Sender stets mit höheren Geboten ausstechen.

Fußball gehört eigentlich in Deutschland zum Kulturgut und die Öffentlich Rechtlichen unterliegen einem staatsdienenden Informations- und Bildungsauftrag, der gesetzlich verankert ist. Leider muss der Normalverdiener, der als Fan zur Masse der Zuschauer zählt wie als GEZ-Zahler verpflichtet wird, auf Liveübertragungen der Bundesliga verzichten. Dafür darf er dann zusammengeschnittene Szenen in der alt bewährten Sportschau bewundern, obwohl er schon nachmittags über eine smartphone-app alle Ergebnisse kennt. Aber manchmal wird er durch Länderspiele, Welt- und Europameisterschaften und die Pokalbegegnungen entschädigt, die aus jedem Fernseher ohne zusätzliche Kosten sein Dasein im trauten Heim bereichern. Der Markt wird es richten und wie der Markt es richtet, bleibt einem das Urteil hinterher im Halse stecken. Der Markt richtet es solange, bis die Verblödungsmaschinerie des Fernsehens ihn so abgestumpft hat, dass es ihm egal ist, ob er guckt, wann er guckt und was er gucken kann. Wir steuern auf eine medial oktroyierte Gesellschaft zu, in der jeder möglichst zuhause bleibt und mit Konvenienz-Produkten aller Art sein Dasein fristet. Vielleicht ist das der große Plan der Technologiegiganten, die den Unterhaltungssektor beherrschen und unter sich aufgeteilt haben. Man hebelt die demokratische Willensbildung aus, indem zielgenaue Informationen als Meinungen die Gehirne der Menschen verstrahlen. Der Parlamentarismus wird als Symbol weiter aufrecht gehalten, verfügt aber nur noch über sehr eingeschränkte Macht. Als Werbespezialist weiß ich genau, wie man Überflüssiges zu einer Premiummarke hochpusht.

Das Zahlenspiel aus der großen Geldschatulle ist aber noch nicht zu Ende, denn die Summen, die für die Vermarktung über den Tisch gehen, kann man nur als exorbitant bezeichnen, wenn man beispielsweise das Fußballgeschäft mit Bruttosozialprodukten von kleineren Staaten vergleicht. Für den Fußball versuche ich mit Kroatien, einem Land, das fußballerisch in Europa durchaus mitreden kann, ein Beispiel zu geben: 60,97 Milliarden USD lautet das Bruttoinlandsprodukt bei 4.190.669 Einwohnern.

In der Trikot-Werbung bezahlen die Hauptsponsoren 184 Mio. Euro, dabei steht Bayern München mit 35 Mio. von der Telekom ganz vorn, gefolgt von Schalke 04 mit Gazprom zwischen 20-24 Mio. 14 Mannschaften beziehen zwischen 9 und 3 Mio.(ISPO). Bayern München sackt sich mit Ärmelemblemen 10 Mio. von Qatar Airways ein. Aber da kommen noch Apple Music, Gigaset und Ursapharm hinzu.

Bei der Rangliste der TV-Gelder von sky und DAZN liegt Bayern München wieder an der Spitze, insgesamt sind es 912.420.000 Mio Euro, in Zahlen 912,42 Millionen. (horizont). Insgesamt machte sky in Deutschland einen Umsatz von 2,28 Milliarden Euro, davon mussten Zinsen, Steuern und Abschreibungen abgedrückt werden. Die Vereine finanzieren sich grundsätzlich auch durch Transfersummen, das ergab in der vorletzten Spielsaison in der Bundesliga 600.Mio. Euro. Im Gegenzug zahlten die Vereine 686 Mio. Euro für die Einkäufe. Die teuersten Transfers  in den letzten 7 Jahren waren weltweit Neymar, Mbeppe, Coutinho, Felix, Dembelé, Griezmann, Ronaldo, Pogba, Bale und Hazard. Insgesamt beliefen sich die teuersten Transfers auf 1.3 Milliarden Euros, wobei fast alle Transfers außerhalb Deutschlands stattfanden, lediglich Dortmund konnte mit dem Verkauf von Ousmane Dembelé 105 Mio in seine Kasse spülen. Leroy Sané war mit 52 Millionen der teuerste Deutsche Spieler auf Platz 63 (wuv). Natürlich müssen die Spieler eines jeden Kaders auch bezahlt werden und Weltklassespieler bekommen Gehälter, wo manche Manager mittlerer Industrieunternehmens nicht mitkommen. Allein Bayern München zahlte 2018 177 Mio. (www.fussball-geld.de) Euro an Gehaltszahlungen. Manuel Neuer, Thomas Müller, Robert Lewandowski verdienen ca. 15 Millionen Euro, wobei Thomas Müller mit Werbeeinnahmen auf insgesamt 24 Mio. kommt, Nils Petersen vom Freiburger SC verdient immerhin 1,3 Mio., Plea von Mönchengladbach 4 Mio., Sabitzer von RB Leipzig 5,5 Mio. Marco Reus ist mit 12. Mio. Dortmunds Spitzenverdiener (wenn das noch stimmt), während Kalou und Ibibesivic von Hertha mit 3 Mio. zufrieden sein müssen. (sportbuzzer)

Positionspapier der Fan „unsere Kurve“

In der Diskussion um Spiele ohne Publikum wird klar: Ohne Fans fehlt dem Fußball sein Herz und damit die Emotionen, die ihn einzigartig machen. Fankultur kann nur von Fans ausgehen. Ein Ersatz der Präsenz von Fans und deren Stimmung ist zu keiner Zeit eine akzeptable Alternative. Wir stellen uns geschlossen gegen Versuche, künstlich eine Stadionatmosphäre herzustellen, beispielsweise durch elektronische Maßnahmen oder Apps. Ein grundsätzliches Verbot künstlicher Stimmung würde diesen Bestrebungen einen klaren Riegel vorschieben. Eine mögliche Repräsentation von Fans in den Stadien muss lokal ausgehandelt werden, sich aber in Grenzen halten. Dabei gilt: Kritik und Protest müssen immer möglich sein, auch und gerade dann, wenn kein Publikum zugelassen ist. Tribünen dürfen zu keiner Zeit als Werbeplattform missbraucht werden. Denn die Ränge gehören den Fans. Egal, ob die Stadien ausverkauft oder leer sind. Fankultur und Fankurven sind und bleiben unantastbar.

Der Abschluss eines Pay-TV-Abonnements darf dabei für niemanden zum Zwang werden. Aus diesem Grund fordern wir die Verbände auf, Lösungen für eine freie TV-Ausstrahlung potenzieller Spiele ohne Publikum zu finden.

Unsere Position: Pro 50+1! (Unsere Kurve.)

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass ich alle Zahlen mühsam aus unterschiedlichen Statistiken und Branchenmedien herausgefiltert habe und es ist mir gleichgültig, ob die Zahlen so exakt sind, wie es ein Buchhalter berechnen würde. Mir kommt es auf eine Gesamtzahl an und ob die irgendwie differiert und auch angezweifelt wird, ist vollkommen indiskutabel, weil allein die Höhe der Zahl wichtig ist. Die Bundesliga ist mit einer Summe von mindestens 325 Millionen Euro an Umsatz eines der wichtigsten und mächtigsten Wirtschaftsfaktoren in Deutschland. Dementsprechend muss deren Priorität im gesellschaftlichen Gesamtgeschehen bewertet werden. Im Vergleich dazu das gesamte Land Kroatien: 60,97 Milliarden USD. Im Vergleich dazu: 28.000 zusätzliche Intensivplätze zu installieren kostet 2,38 Milliarden Euro.

795 Millionen Menschen auf der Welt leiden nach Angaben des Welternährungsprogrammes der Vereinten Nationen (UN World Food Programme; WFP) an Hunger, ein großer Teil davon sind Kinder und Jugendliche, deren Entwicklung und Lebensqualität durch Unterernährung nachhaltig beeinträchtigt werden. Mit 40 Cent pro Kind = 146 Euro können sie ein Jahr lang einigermaßen ernährt werden.

Mit diesem Text habe ich nicht die Absicht, mich als Vater Theresus aufzuspielen oder gar den weltdurchschauenden Philantropen zu mimen, mir geht es um die Dialektik der Krise oder um die gesellschaftlichen Zusammenhänge eines Phänomens, das so nicht erwartbar war. Aber vor allem darum, welche Möglichkeiten, sich uns durch diese Zeit der öffentlichen Demaskierung der Marktwirtschaft wie der Globalisierung eröffnen können und wie wir uns im nach- hinein aus den alten Denkmustern befreien könnten. In Zeiten der unsichtbaren Gefährdung des Lebens reden viele von Veränderungen, die sich nach der Krise eröffnen würden, viele reden sogar von einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Transformation, die ohne Vorbehalt angepackt werden müsste. Aber einige warnen auch, dass es nachher wieder wie vorher wird und manche meinen, dass es in bestimmten Bereichen wie der Gleichstellung der Frau oder gerechterer Sozialpolitik noch weiter nach unten geht. Eines ist sicher, überall wirken Kräfte im Schatten, die ihr eigenes Süppchen kochen und nur darauf warten, mit ihren Ideen Fuß fassen zu können.
Vor Corona gab es die Klimakrise und sie wird uns viele Jahre länger und viel härter treffen als diese inzwischen aufgepumpte Sicherheits- und Reglementierungsideologie, die uns Tag für Tag vermittelt wird. Welche Sicherheit meinen wir, wenn wir diese Pandemie als den Schrecken aller Schrecken darstellen und völlig vergessen, dass um uns in der gesamten anderen Welt der Schrecken der Kriege, des Hungers und der Unterdrückung weitertoben? Welche Sicherheit kann uns versprochen werden, wenn ein Virus von Mensch zu Mensch springt und noch nicht einmal die medizinischen Fachkräfte wissen, wie man diesen Virus stoppen kann oder welche Maßnahmen getroffen werden müssen, um jeden Einzelnen zu schützen. Was sind das für Entscheider in den Regierungen, die entweder völlig ignorant handeln oder kopflos von einer großartigen Idee zur anderen taumeln? Wollen sie uns wirklich glauben machen, dass die jetzt als systemrelevanten Berufe bezeichneten Tätigkeiten, die vor Corona noch nicht einmal in den wichtigen sozialen Forderungen für voll genommen wurden, später für ihre aufopferungsartige Hilfe so ernst genommen werden, dass man wirklich unterscheiden lernt, was systemrelevant ist und welche Menschen mit ihren Berufen die Gesellschaft grundsätzlich zusammenhalten? Wenn die Helden der Krise später ein Salär bekommen sollten, dass ihre soziale und wirtschaftliche Lage erheblich verbessern würde und wenn es nur 5 Euro mehr in der Stunde wären, müssen eben gesamtwirtschaftlich Ausgleiche geschaffen werden. Muss ein Fußballprofi über 1 Mio. Euro verdienen, oder wäre es nicht angebrachter, die Zahlungen zu deckeln? Wenn Thomas Müller nur noch 200-300Tsd Euro im Jahr verdient, kann er immer noch sorglos in seinem Eigenheim wohnen, einen PS-starken Wagen fahren und ein angenehmes Leben führen. Ein Gehalt von 300Tsd Euro entspricht dem Gehalt eines mittleren Managergehalts und damit kann jeder gut zurecht kommen. Selbstverständlich würde an vielen Steuerschrauben gedreht werden müssen, aber wenn es um Gerechtigkeit und das Allgemeinwohl einer Gesellschaft geht, werden sich die Finanzfachleute schon etwas einfallen lassen. Die gerechtere Bezahlung muss für alle diejenigen gelten, die in den Krankenhäusern dafür sorgen, dass die Patienten gesunden können, muss für alle Arbeitskräfte gelten, die die Versorgung der Allgemeinheit gewährleisten und für alle diejenigen einen Ausgleich schaffen, die trotzdem unterhalb der Armutsgrenze liegen. Kann in diesen Fällen nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen Abhilfe schaffen.

Zurück zum Fußball. Sport ist in einer sehr freizeitlastigen Gesellschaft ein wichtiges Instrument, um das Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität untereinander zu fördern. Schon bei drei Personen beginnt eine Interaktion und eine Meinungsvielfalt, die zwar hin und wieder zu Kontroversen führen, aber auch Konsens erreichen können. Fußball ist ein Mannschaftssport und gerade die Mannschaftssportarten, gleichgültig ob sie von Frauen oder Männern betrieben werden, üben eine wichtige soziale Funktion in unserer Gesellschaft aus. Die Profibundesliga mit den kickenden Millionären ist nur ein kleiner Teil dieses gruppendynamischen „Aneinandermessens“. Für das solidarische Miteinander sind alle Spiel- und Sportarten wie Handball, Basketball, Hockey, Rugby, Volleyball oder auch Petanque (Boules) enorm wichtig, um soziale Funktionen untereinander zu stärken. Es wäre wünschenswert, wenn für das Big Business mit seinen Millionen eine rote Linie gezogen würde und der Zuschauer endlich bemerken würde, dass der Unterschied zwischen einem Neymar oder Lewandowski zum Normalverdiener nicht so groß sein darf. 222 Millionen Transfer für einen brasilianischen Rasenwälzer mit Wehleidigkeitsattitüden sind einfach nur obszön. Nächste Woche werden wir sehen, was aus dem bravourösen Konzept der Deutschen Fußball Ligen geworden ist. Man kann nur hoffen, dass nicht eine einzige Mannschaft dermaßen von Corona heimgesucht wird, dass alle Spieler in Quarantäne müssen und somit das Spielgeschehen bis zur Meisterschaft unmöglich wird. Mit dieser Wettbewerbsverzerrung würden sehr viele andere Wettbewerbe in der Wirtschaft ebenso in Frage gestellt werden.       

Carolin Ehmke, Kolumnistin der SZ schreibt diese Woche:

„Es wirkt alles nur kurzatmig und kurzsichtig, ein planloser Plan (für Spiele ohne Zuschauer), wie die marktförmige Maschine Fußball wieder angeworfen werden kann, ohne jeden Sinn für Nachhaltigkeit. Dieselbe Ungeduld, mit der Nachwuchsspieler nicht mehr behutsam ausgebildet werden, mit der Mannschaften nicht mehr als Mannschaften entwickelt werden, dieselbe perverse Logik, mit der Spieler nicht mehr als Teil eines sozialen Gefüges oder eines sportlichen Konzepts verstanden, sondern nur noch als Finanzprodukt kurzfristig gehalten, geschoben, verkauft werden, ganz gleich, ob sie auf ihrer Position gebraucht werden, einfach weil ein Spielerberater daran verdienen will, weil irgendein katarischer Eigentümer eines Klubs damit seine Potenz ausstellen will – dieselbe Ungeduld, dasselbe Desinteresse am Sport und seinen Fans waren hier am Werk.“

„Das nächste Spiel, das anstehen würde, wäre das Derby BVB gegen Schalke. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Derby verpasst habe. Aber jetzt will ich es nicht sehen. Nicht unter diesen Bedingungen.“

Vielen Argumenten und Analysen kann ich zustimmen, aber das Derby lasse ich mir nicht entgehen.

Sachsens Innenminister Georg Maier (SPD) sagte bei einem Interview: „Die Vorstellung, dass die Pandemie bewusst herbeigeführt wurde, um das Volk zu kontrollieren, und dahinter Bill Gates oder andere vermeintlich finstere Mächte stecken, reicht bis weit in die Mitte der Gesellschaft.“

Das TV-Personal sei „mindestens so gefährdet, wie die Spieler selber“, glaubt Karl Lauterbach, SPD-Bundestagsabgeordneter und Gesundheitsexperte. „Ein Mindestabstand sei im Ü-Wagen und hinter den Kulissen kaum einzuhalten.“ Es würde allerdings auch nichts nützen, diese Gruppe regelmäßig zu testen, so Lauterbach. Damit könne man ein ohnehin löchriges Konzept nicht mehr retten. Das DFL-Konzept sei „ein Feigenblatt“, das weder die Spieler noch das Umfeld schütze.“

Ror Wolf: „Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt.“ An anderer Stelle hat er einmal geäußert: „Alles, was im Leben passiert, kann auf das Spiel vom letzten Samstag bezogen werden. Einem Mythos von solchem Ausmaß kann man schon mal verfallen.“

Ror Wolf, Schriftsteller und Fußballlyriker, 1932 – 2020

W.N. 9. Mai 2020