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Auf den Spuren van Goghs

Schneider heißt auf französisch Tailleur und wenn man in Südfrankreich einen Schneider sucht und nicht weiß, wo man einen finden kann, fragt man die pages jaunes, die gelben Seiten, und schon findet man einige, die als Schneider aufgelistet wurden.

Kurz vor der Abreise habe ich eine weiße Jeans gekauft und hatte keine Zeit mehr, die etwas zu lange und im Bund zu große Hose ändern zu lassen. Pages jaunes führte eine „Rapid-Couture“ auf und da ich ungefähr wusste, wo dieses Atelier lag, bin ich in die Rue Gambetta gelaufen und habe meine schöne, schneeweiße Tazio-Hose auf den Tresen gelegt und freundlich gefragt, ob diese Änderungen im Laufe der nächsten Woche fertiggestellt werden könnten. Rapid heißt im allgemeinen schnell, dachte ich immer, obwohl die „treins rapides“ in Frankreich früher als bessere Bummelzüge galten. Die Dame schaute sich das Kleidungsstück skeptisch an, fummelte am Stoff herum und druckste dann herum, dass diese Arbeit nicht so schnell zu erledigen sein würde. „Na schön“, sagte ich, „ich habe Zeit, aber eine Woche müsste doch im Prinzip ausreichen“. „Moi d´Aout“, sagte sie bestimmt und ich dachte irritiert, wie das, „schnell“ bezeichne ich als etwas anderes und hakte insistierend nach, indem ich sie zu überzeugen versuchte, eine Ausnahme zu machen, weil diese Arbeit wahrscheinlich nicht mehr als eine Stunde dauern würde. Keine Chance, aber sie gab mir auf Anfrage wenigstens eine andere Adresse. In der Rue 4. Septembre wäre auch ein Schneider und diese Adresse wäre nicht weit entfernt, irgendwo hinter dem Rathaus. Nachdem ich den Rathausplatz überquert hatte, schaute ich auf alle Schilder mit Straßennamen, fand aber nirgendwo die genannte Rue. Ich fragte ein paar Mal in kleinen Shops und Boutiquen und schließlich fand ich den Schneider. Ein sehr netter Vietnamese schaute sich die Beauftragung an, forderte mich aber zur Sicherheit auf, die Hose anzuziehen, um sie mit Nadeln abstecken zu können. Wir unterhielten uns ein wenig und er sagte zu, sich in der Woche nach Pfingsten zu melden. Erleichtert verließ ich den Laden und konnte mich nun darum kümmern, was ich nach dieser „wichtigen“ Erledigung auch noch machen wollte. Nachzutragen ist noch, dass der 4. September in Frankreich wahrscheinlich für das Jahr 1870 steht, als in Paris die „temporäre“ Republik von Leon Gambetta und Jules Favre ausgerufen wurde. Es kann aber auch sein, dass der Frieden von Arras 1414 gemeint ist, der Tag, als der Bürgerkrieg zwischen den Armagnacs und den Bourguignons beendet wurde. Oder vielleicht 1796 als im ersten Kolonialkrieg, Napoleon die Österreicher in der Schlacht bei Rovetto vernichtend schlug. Schließlich, eher unwahrscheinlich, der Staatsstreich des 18. Fructidors V 1797, als einige Deputierte den Versuch wagten, den zu mächtig gewordenen Bonaparte zu stürzen, was misslang und neuen Terror in ganz Frankreich anfeuerte. So ist das mit den Geschichtszahlen, ein Datum unter 365 anderen in 2000 Jahren bedeutet alleine nichts, die Zeit vergisst aber nicht und die Menschen geben immer vor, nichts vergessen zu wollen, weil einigen bestimmte Daten als errinnerungswürdig gelten. Wir fahren in fremde Länder und machen uns bei den Stadterkundungen wenige Gedanken, was uns die Straßennamen wirklich zu sagen haben. Wenn Sie über den breiten Quai Marx Dormoy flanieren, der unmittelbar am Ufer der Rhone angelegt wurde, denken Sie daran, dass der Namensgeber ein sozialistischer Politiker war, der am 26. Juli 1941 von Vichy-Schergen (Cagoules-Masken) in Montelimar ermordet wurde.

Daraufhin bin ich zum Place de la Republique an der Mairie gelaufen, weil Eva mir gesagt hatte, dass der cryptopòrtico forense, der unterirdische Gewölbegang aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. unter dem Rathaus nicht zu vernachlässigen sei. In der römischen Architektur wurden Kryptoportiken genutzt, um Höhenunterschiede bei der Planung und Schaffung von Gebäuden zu kompensieren und diesen ein festes Fundament zu verschaffen. In diesem Fall waren die Unterbauten für das repräsentative Forum in Arles gebaut worden. Über eine steile Eisentreppe gelangt man ungefähr 5-6 Meter unter die Erde und betritt einen langen Gang mit halbrunder Deckenformung. Es ist dort unten dunkel und angenehm kühl, andere würden aber sagen, dass es unheimlich und kalt sei. Die Gänge sind sehr lang und biegen immer wieder rechtwinklig ab. An den Seiten liegen Baumaterialien für Säulen oder Kapitelle und manchmal zeigt ein kleines Fenster in der oberen Hälfte, dass darüber ein Lichtschacht sein muss. Obwohl mir gesagt wurde, dass man ohne weiteres mit Blitz fotografieren könne, bevorzugte ich die natürliche Methode, dass vorhandene Licht einzufangen, aber das funktioniert nur, wenn man ISO sehr hoch stellt und sehr geringe Blenden und Belichtungszeiten einsetzt. Natürlich haben alle modernen Kameras und smartphones eine Automatik, die das vorhandene Licht digital ausrechnet, aber die manuelle Methode bringt meines Erachtens bessere und authentischere Ergebnisse.

Nachdem dieser Besuch in der Unterwelt beendet war, wollte ich meinen Plan, den „Pont van Gogh“ außerhalb der Stadt zu Fuß zu erreichen ein zweites Mal austesten und hatte mir den Weg schon über die zur Verfügung stehenden Karten eingeprägt. Inzwischen war es fast 30 Grad heiss und ohne Schatten schleichen sich schnell Ermattung und konditionelle Schwächen bei betagteren Menschen ein, auch wenn man vorher mindestens einmal den Mount Everest bestiegen oder das Death Valley durchquert hat. Die Sonne ist zwar unser lebenswichtiger Freund, kann aber gerade im Sommer bei längerer Bewegung gewisse Grenzen der körperlichen Verfassung aufzeigen. Hinzu kam, dass ein warmer Wind heftig blies und ausgerechnet bei der von mir ausgewählten Route entlang de Kanals frontal gegen meinen vorwärststrebenden Körper drückte. An der Rändern des Kanals liegen unzählige Seerosen im Wasser und wenn der Wind mit Wucht auf die Blätter fällt, ergibt sich ein fantastisches Bewegungsbild der hin und her, hoch und runter flatternden grünen Lappen. Trotz meines smartphone Navis muss ich an einer Stelle falsch abgebogen sein und bemerkte das erst, als ich schon ziemlich erschöpft war und nicht glauben konnte, dass die Brücke soweit erntfernt war. Anstatt westwärts zu laufen, schlug ich den östlichen Streckenverlauf ein, wobei man im nachhinein anmerken muss, dass es sich um keinen originär ausgezeichneten Weg handelte, sondern die Kuppe des Kanaldammes war. Ich war schon so weit gelaufen, dass ich dachte, irgendwo einen Abzweig zu finden, um dieser kaum begehbaren buckligen Strecke zu entkommen. Zurück wollte ich nicht, denn ich hänge immer dem Glauben an, dass es vorwärts immer etwas geben muss, dass einen retten kann.

In der Ferne sah ich eine Brücke und Kanalkatarakt und frohlockte schon, dort auf eine Straße zu gelangen, auf der ich in irgendeiner Richtung meine Wanderung weiterführen konnte. Es handelte sich tatsächlich um eine Straße, die Straßenlaternen ließen das vermuten, aber es gab keine Möglichkeit, die über zwei Meter hohe Mauer bis zum Gehweg zu überwinden. Außerdem hatte ich mich vorher durch ein schier undurchdringbares und Schmerzen verursachendes Dornendickicht gekämpft, das überall Spuren an meiner Kleidung hinterlassen hatte. 

Was blieb mir übrig, als wieder zurückzugehen. Bei der nächsten Brücke, die ich vorher unterquert hatte, sah ich mit einem Mal einen Weg, der mich aus dem vegetativ beschwerlichen Chaos herausführte. Unter den Brückenarkaden entdeckte ich Graffitis eines „neuen van Goghs“, denn diese in sich verschlungenen Formen hatte ich bisher bei kaum einen Graffitisprayer beobachten können. In einer Kurve lag eine ziemlich lange Schlange bewegungslos halb auf dem Weg und ich dachte zunächst, dass sie tot sei, aber beim Näherkommen schlängelte sie sich langsam ins Gebüsch und verschwand. Fotografiert habe ich sie aber.

Verschwitzt und erledigt sah ich vor mir das riesige Gebäude eines Supermarktes und schleppte mich mit letzter Kraft in die Lobby des überdimensionalen Allroundwarenlagers. Ich dachte noch, dass es schon eigenartig war, dass rund um die französischen Städte immer in letzter Not ein Supermarkt Erlösung bietet. Welch Schwachsinn mit einer Prise Wahrheitsgehalt.

Nach einer Erholungsphase kaufte ich ein und fuhr dann mit dem Bus, der sich ausgerechnet als die Linie erwies, die unsere Gegend als Ziel hatte, nach Hause.

W.N. Arles, 8. Juni 2019