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Wie die Pandemie das soziale Leben und die Kultur zu zerstören droht.
Das Wichtige und das Überflüssige.

München. Jetzt hat es auch das Oktoberfest erwischt. So a Schaß. Kruzitürken. (na dös is koa Rassismus, das geht auf die Belagerung Wiens zurück) Die Wiesn, wie sie genannt wird, ist genauer definiert eine sehr große Freifläche, die im 19, Jhdt. Theresienwiese genannt wurde und unweit der Innenstadt liegt. Im September/Oktober wird dort jährlich das Oktoberfest gefeiert oder präziser formuliert, drängeln sich auf 42 Hektar in ca. 16 riesengroßen Bierzelten mit Blasmusik (periodisch) bis zu insgesamt 6 Millionen Menschen während einer Dauer von 16-18 Tagen. 42 Hektar entsprechen fast 40 Fußballfeldern. Für das Stadtmarketing und die Stadtkasse bedeuten die Einnahmen während dieser Zeit eine wichtige Einnahmequelle in der Finanzierung städtischer Maßnahmen, aber für die Wirte, Schausteller und Vergnügungszeltebetreiber ist die Wiesn das wesentliche Einkommen im Jahr. Die Dimensionen der Vergnügungssucht beinhalten kaum nachzuvollziehende Zahlen: Millionen Würste, Millionen Backhendl, Millionen Liter Bier und der vorherige Verkauf von tausenden Dirndl und Trachtenoutfits. Söder und Reiter haben es nun gemeinsam verkündet: die Wiesn bleibt im Herbst unbehaust und menschenleer.

Das Gelände erhielt seinen Namen nach dem 12. Oktober 1810, als der Bayern Luggi I Therese von Sachsen-Anhalt in einem eigens für die Zeremonie gebauten Pavillon am Rande der Freifläche ehelichte und 50.000 Menschen dem Brautpaar huldigten.

Zum Abschluss der Hochzeitssause gab es ein Pferderennen auf einem eigens abgesteckten Ovalparcours und weil dieser rasante Reiterwettkampf „fei deftig und mordsmäßig schee“ ankam, entstand daraus die Tradition,jedes Jahr ein Fest zu veranstalten. Das Oktoberfest war geboren.

Am 2. April 1938 feierte der große Diktator die Okkupation von Austria-Ostmark auf dem Festplatz und 500.000 Gäste fanden dieses „Heim ins Reich-Geschwurbel“ so gut, dass sie dem großen Diktator gleich ewige Treue schwuren. Dieser fanatische Treueeid gefiel dem böhmischen Gefreiten in der Uniform eines GröFaZ so gut, dass er sich gleich darauf entschloss, auch noch das Sudetenland einzusacken und die Tschechoslowakei wie Polen ein Jahr später ins Visier zu nehmen. Wie dieser destruktive Zinnober endete, wissen wir. Alle, die unmittelbar nach dem Krieg geboren sind, können sich noch an die Trümmerlandschaften erinnern und haben nicht vergessen, dass bis zu 50 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Ob aber die Millenniums das schreckliche Desaster der Kriegs- und Nachkriegszeit nachvollziehen können, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden.
Viele der Bundesbürger wissen nur noch bruchstückhaft, welche größenwahnsinnigen Pläne vom braunen Haus in München ausgingen und welcher Schrecken die Nazidiktatur in Deutschland anrichtete. Wie immer in der Beurteilung unserer Geschichte, bedarf es hin und wieder einer Nachfrage. Dass zumindest einige aus der Vergangenheit nichts gelernt haben, beweist das Attentat auf das Oktoberfest. Einige nachgeborene Apologeten der braun-schwarzen Mörderbande zündeten am 26. September 1980 eine selbst gebastelte Bombe und danach lagen 13 Tote am Boden. Das geschah nur 35 Jahre nach dem Zusammenbruch des tausendjährigen Reiches mit dem zwölfjährigen Verfallsdatum

Viele glauben, dass das Oktoberfest das Beste an München ist und um so fataler ist die Absage und das Ausbleiben dieses weltgrößten Biergurgelns in Horden. Da Fußballspiele bislang auch nicht mehr stattfinden, ist es müßig die bekannte Münchner Millionärstruppe aus der Säbenerstraße zu erwähnen, außer dass es Gerüchte gibt, dass der nette Gelsenkirchener Junge, der schon so lange erfolgreich das Tor hütet, irgendwelche Schwierigkeiten mit der Höhe seines Gehalts und seiner Einsatzbereitschaft verkündet hat. Solche Nichtigkeiten gehen mich aber nichts an, denn in der boomenden Isarstadt gibt es so viele Geringverdiener und gänzlich arme Menschen, die mir mehr Sorgen bereiten, weil sie am verletzlichsten und der Seuche schutzlos ausgeliefert sind.

Die Bayern klopften sich auf die Lederhosen und sagten sich wie immer, wenn es keine Alternative zu geben schien: So a Schmarrn. Pfuit di Gott, Bayernland, bleibst dahoam, Bayernland. Die bayrischen oder Münchner Veranstalter des Festivals des vulgären Hedonismus werden in sich hineinweinen oder mit Bierkrügen werfen, die Offiziellen von Stadt und Freistaat treffen sich in Bogenhausen oder im Lehel in einem schön abgeschirmten Villengrundstück und saufen dann Schampus und Hochprozentiges vom Feinsten. Die Umsatzgeschädigten, die vom leiblichen Wohl der massenhaft Hereinströmenden zu profitieren gedachten, lungern derweil vor den Banken herum, um Hilfskredite zu bekommen. Die Besucher, die mit einem Mal zuviel Geld sparen und nicht wissen, was sie damit machen sollen, bestellen sich bei amazon die Edition Wiesn damals und heute in handsignierter Söder-Edition. Die Schausteller und Schießbudenbesitzer, die  zwischen Geisterbahnen und Autoscootern herumschleichen und von einen Wutanfall zum nächsten taumeln, erwägen ein Bittprozession nach Altötting zu machen und die handfesten Bedienungen bringen ihre feschen Dirndl ins Pfandhaus, halten im Fitnessstudio ihre Muskeln fit und üben sich im Armdrücken. Über eine Milliarde Umsatz- oder Einkommensverlust wird in den Kamin geschrieben werden müssen, aber erst der kulturelle Schaden, die Tradition, sich mal richtig übergeben zu können und das Brauchtum, literweise Bier in sich reinzuschütten, ist futsch, 2021 fällt dann wegen Klima und Rezession aus. Die oiden Rittersleut, die schon lange nicht mehr in Grünwald hausen, haben ein Bankhaus gegründet und verscherbeln Hedgefonds an Expats auf den Kaiman-Inseln oder anderswo, Hauptsache es ist steuerfrei.

Bayern München veranstaltet ein Benefizspiel für die Opfer der Wiesn-Depression und für alle Münchner Fußballvereine, die inzwischen pleite sind. Aber wie traurig werden erst die armen Chinesen sein, die übergewichtigen Amis und all die Scheich-Clans, die heuer auf der Theresienwiese nicht mehr die globalisierte Sau loslassen können. Und was machen die Trachtenkapellen, die Bierkutscher, die Toilettenhäuschenverleiher? Traurig wird es werden, beim Franz-Josef im Himmel(?!) und dem Benedikt auf Erden (noch).

„Wollt ein Ritter einmal schnackseln
Musste er aus der Rüstung krackseln
Dabei ward ihm seine Lust verdorben
Drum sind sie jetzt auch ausgestorben.“

Schwabing ist auch nicht mehr, was es einmal war, wenn es irgendeinmal überhaupt den Stellenwert hatte, der diesem Viertel immer aufetikettiert wurde. Schwabinchen und Schwabylon zeugen von einer Zeit, als auf der Türkenstraße Hippies, Hare-Krishnas und Punks der ersten Stunde um die größte Deutungshoheit buhlten. Die Zeit der Fummelei ist auch vorbei, seit May Spils keine Filme mehr dreht und Helmut Dietl fehlt an allen Ecken und Tresen, so einen Film wie Rossini wird es nicht mehr in der Freistaatmetropole geben, ganz zu schweigen von Kir Royal, Baby Schimmerlos, Monaco Franze oder der Taxlerin Gerti, die schon für viele nur noch verblassende Legenden sind. Wer erinnert sich noch an Herbert Achternbusch, den anarchischen Filmer, Maler und Performer, der nicht nur fiktional den Atlantik durchschwimmen ließ, sondern auch mit dem Andechser Gefühl den Kirchenautokraten das Weihwasser vergiftete. Dessen Satire löste permanente Flatulenzen in sämtlichen kirchlichen Kommunikationsanstalten aus. Wo sind die Spider Murphys geblieben, der Fesl Fredl oder der Fischer Otti? Oder der Mooshammer, wie er im Roll Royce unter die Brücken fuhr, um den Obdachlosen was zum Beißen zu bringen.

Bei uns im Rheinland erfährt man ja nichts, was im Freistaat alles vor sich geht, wir haben in NRW genug mit uns selbst zu tun und außerdem gibt es noch den Karneval und wer weiß, vielleicht kommen sie in der Düsseldorfer Staatskanzlei auf den Trichter, alles abzusagen, wenn Corona einen längeren Atem hat als viele glauben. Die Münchner Lach- und Schieß war immer ein Lichtblick, aber seitdem die intellektuellen Recken der hintersinnigen Ironie das Zeitliche gesegnet haben, kommt nichts mehr, worüber man noch lachen könnte. Die Biemöslblasn ham sich verkracht und die irrwitzigen Filme vom Klaus Lemke gibt es auch nicht mehr zu sehen. Wer vermisst nicht Cleo Kretschmer und Dolly Dollar. Der Fassbinder war zwar auch nicht aus München hat aber mit seiner Theaterkommune in den 70ern für ordentlich Furore gesorgt, obwohl sein Schaffen nach internationalen Maßstäben eher anstrengend wirkte und einige Machwerke sicherlich überbewertet wurde. „Liebe ist kälter als der Tod, Katzelmacher oder Warum läuft Herr R. Amok“ verkörpern noch das anarchisch Raue. Das Beste an seinen letzten Filmen, die später melodramatisch im Geiste von Douglas Sierk verwurstet wurden, waren sicherlich die Kamera und das exzellente Filmmaterial. Urban Priol käme als Ketzer in Frage, aber der ist ja ein Franke und muss den Söder in Bamberg nachäffen. Wer erinnert sich noch an das Königliche Bayrische Amtsgericht oder an die „Wilder Reiter GmbH“. Vielleicht waren sie im Zeitgeschehen nur so kurz da, dass sie schon kurz danach vergessen wurden, was geschah mit dem besten Fußballkomödianten Petar Radenkowicz und wer erinnert sich noch an die Münchner Räterepublik, ein deutsches Unikat politischer Transformierung für eine Zukunft nach der Kaiserzeit. Mühsam, Toller, Eisner und Leviné und andere, die nicht unbedingt im Kanon der deutschen Bildungswerte zu finden sind. Einer wird uns ewig erhalten bleiben, auch wenn er schon so lange die bayrischen Radieschen von unten anschaut. Aber seine Stimme klingt noch nach:  „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ oder „I sag gar nix. Dös wird man doch noch sagen dürfen.“ Der Valentin Karl und auch die Liesl. Wie schön. Den Aphorismus über die Kunst brauche ich nicht mehr zu nennen oder wissen Sie schon alles über die Kunst und die Arbeit oder umgekehrt? Im Fernsehen zeigt aber der Moderator Christoph Süß, wie man Satire ohne Klamauk und Mätzchen präsentieren kann und kritische politische Inhalte offenlegt. Alles in allem muss ich (völlig subjektiv) feststellen stimmt eine Zeile aus einem SMG-Song:

„Ja in Schwabing gibt‘s a Kneipn,
De muaß ganz was bsonders sei,
Da laßn‘s solche Leit wie di
Und mi erst gar ned nei
In d‘Schickeria, in d‘Schickeria
Jeder spiult an Spuerstar,
Und sauft an Schampus an der Bar,
In da Schickeria.“

Freut euch Münchner, denn bald wird die Theresienwiese zum Autokino umfunktioniert und ob dann gute Arthaus- oder Independentfilme gezeigt werden, ist doch sehr fraglich. So ein Ort braucht Blockbuster wie „Indiana Jones“ oder „Winnetou“. Oder vielleicht Heidi?

Oberammergau. Der Ort scheint den meisten bekannt zu sein. Wem nicht, sollte folgender Erklärung ein wenig Glauben schenken. O. ist eine Kleinstadt in Oberbayern in der Nähe von Garmisch Partenkirchen, das wiederum durch die braun gefärbte Winterolympiade 1936 bekannt wurde und mit Richard Strauss einen weltberühmten Bewohner vorweisen kann, der dort in seiner Villa die Oper „Salome“ komponierte (und einiges mehr, was als richtige gute Musik bezeichnet wird).

Oberammergau ist weltweit durch die Passionsspiele bekannt geworden, was nicht bedeutet, dass O. prädestiniert für Darstellende Kunst sei und dort leidenschaftlich gerne geschauspielert würde. Die von vier Evangelisten beschriebene Leidenszeit Jesus Christus, jenem pazifistischen Widerstandskämpfer und Wunderheiler aus Palästina, wurde in jeweils anderer Inhaltsgestaltung in unterschiedlichen Jahren nach dem Kreuzestod beschrieben. Viele kennen die Mätthäuspassion vom italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini, die hauptsächlich in der süditalienischen Hügel- und Höhlenstadt Matera gedreht wurde oder das Musikwerk von Bach, aber das Oberammergauer Theaterspiel ist was ganz besonderes, auch weil es nur alle 10 Jahre neu inszeniert wird. Theologisch und inhaltlich soll es aber wesentliche Unterschiede zu Pasolinis Film und dem Passionsspiel geben.

Dieses Open Air Spektakel gründet sich auf das Jahr 1633, als 80 Oberbajuwaren von der Pest dahingerafft wurden. Ab 1634 spielte man die letzten 5 Tage im Leben Christus, also vom Einzug in Jerusalem bis zur Kreuzigung, in einer Theateraufführung nach, da die Oberammergauer im Jahr zuvor das Gelöbnis abgelegt hatten, regelmäßig ein Passionsspiel aufzuführen, wenn Gott der Pest die dunkelrote Karte zeigen würde. Ist ein Aufführungsjahr vorbei, setzt man sich zusammen und ein Festspielleiter oder ein Parteispezi von der CSU bestimmt, wer sich von nun an Bärte wachsen lassen muss, um die einzelnen Typen aus der Jesus-Mannschaft darstellen zu können. In einem Castingverfahren wird daraufhin der Hauptdarsteller gesucht, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu alt sein darf. Auch Maria, Magdalena, Petrus und Pilatus werden sorgfältig nach genau definierten Kriterien ausgewählt. Immerhin zählten die Organisatoren mehr als eine halbe Millionen Zuschauer (1990), was besonders die regionale Gastronomie und die Devotionalienhändler erfreut, aber auch von christlich bewegten Menschen als Seelenwärmer und Trostspender angesehen werden. Es wird kolportiert, dass seitdem es die Festspiele gibt, die Pest Oberammergau in Ruhe gelassen hat. Corona hat sich bislang relativ zurückhegalten, lediglich 131 Infizierte und 1 Sterbefall im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, in dem auch Oberammergau liegt.

Die Kleinstadt in Oberbayern ist mit rund 6000 Einwohnern auch wegen der Holzschnitzerkunst (Devotionalien, Madonnen, Heiligenfiguren) und der Lüftlmalerei bekannt geworden. Lüftlmalerei bezeichnet man als  künstlerisch wohlmeinende Verzierung der Hauswände mit floralen und ornamentalen Malereien, die dem bayrischen oder noch mehr dem Touristengeschmack entsprechen.

Die Passionsspiele sollen laut offizieller Meldung erst 2022 wieder stattfinden. Zu guter Letzt sei gesagt, dass der Schriftsteller Ludwig Thoma ein Oberammergauer war, dessen Lausbuben- und Antipreussengeschichten immerhin viele schöne Schmankerl aufwiesen. Allerdings liegt ein Schatten auf Thomas Vita, weil er zum Ende seines Lebens mit antisemitischen Schriften aus der Rolle fiel.

Welche Verluste werden die Kleinstadt und die Verantwortlichen der Festspiele zu verkraften haben? Wie sieht die Zukunft für jeden einzelnen Bürger aus und welche Schlüsse werden für derartige Erlebnisveranstaltungen mit der dazu gehörigen Gastronomie zu ziehen sein? Rund 500.000 Tickets werden erfahrungsgemäß verkauft, wobei die Hälfte aller Buchungen aus dem Ausland kommen. Mitarbeiter und Zulieferer müssen bezahlt werden und wie überall in Deutschlands Touristenorten hängen die finanziellen Einnahmen dieser Kommune im wesentlichen an der Gastronomie. Ich habe eine nicht repräsentative Rechnung aufgestellt, die natürlich nur eine “Daumenpeilung” für die finanzielle Situation wiedergeben kann. Die preiswertesten Tickets für die Vorführungen kosten 199 Euro, nach oben gehen die Preise mindestens bis 299 Euro. Wenn 500.000 Menschen das Schauspiel sehen wollen, spült das 125.000.000 in die Kassen. Übernachten nur 350.000 Menschen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen an 2 Tagen und der Zimmerpreis würde im Durchschnitt 100 Euro kosten, nehmen die Gastronomen für die Dauer der Festspiele (5 1/2 Monate) ungefähr 70.000.000 Euro ein. Kaufen oder verzehren sie durchschnittlich für 70 Euro, kämen noch einmal 24.500.000 Euro hinzu. So sieht eine Dilettantenrechnung aus, aber wenn ich lediglich diesen Umsatz auf die ca. 6000 Bewohner umschlage, wären das 36.583 Euro pro Person. Natürlich muss man alle Kosten und Steuern abziehen, aber im Vergleich mit einer ebenso großen Stadt in Niedersachsen oder Nordhessen in einer landwirtschaftlich geprägten Umgebung, würde der Wohlstand in Oberammergau sicherlich sehr viel besser abschneiden. Wie die Finanzlage in Oberammergau 2022 aussieht, wird eine weitere Frage sein. Diese Zahlenspielerei ist natürlich für Betriebs- und Volkswirte völliger Mumpitz, aber ich denke, dass bei einer sehr viel genaueren Berechnung der Unterschied zu meinen Rechenspielchen nicht so groß wäre.
Ich erinnere nur daran, wieviele Kommunen in NRW kurz vor der Pleite stehen und wie ostdeutsche Kommunen am Daumen lutschen müssen. Wie hoch die Wohnungsmieten in den Großstädten inzwischen sind, brauche ich nicht mehr zu erwähnen. Wer sich jetzt wundert, dass die AfD so groß geworden ist und warum die CSU schon so lange in Bayern an der Macht ist, sollte sich fragen, wie die Rechnung nach der Corona-Pandemie in Deutschland und der Welt aussehen wird.

Bayreuth und Richard Wagner werden oft in einem Atemzug genannt, wobei manchem Klassikfreund der Atem zwischendurch mit dem Nibelungensyndrom stocken kann. Die Stadt liegt in der nord-östlichen Region Bayerns in Franken und diese Region wurde erst im Jahre 1810 den Wittelsbachern zugeschustert oder in irgendeiner anderen Mauschelei bayrisch. Nach den Wirren der Reformationszeit und dem dreißigjährigen Krieg schwenkte das Fürstentum Bayreuth zum Protestantismus über und ein richtiger Franke neigt der Tendenz zu, sich nicht unbedingt als Bayer zu fühlen. Das „Mir san Mir“ liegt den Franken nicht. Bayreuth, Wagner und die Bayreuther-Wagner-Festspiele gehören zusammen, wie es der Festspielbegriff schon aussagt. Diese Festspiele sind in der klassischen Musik und auch im Bewusstsein der Zuschauer das deutscheste aller deutschen Festspiele, wenn man vom Hambacher Schlossfest und von den vielen Vereinsfesten der Kleingartenfreunde absieht. Oder?

Die Wagner-Elogen für den „Ring“ werden in diesem Jahr nicht erklingen, Parsifal und Co. sind Corona zum Opfer gefallen. Der fliegende Holländer im Orbit verschwunden. Das ärgert neben den Freunden des pathetischen Kompositionsgedröhne vor allem die Schneidermeister-innen und Couturiers, die leider keine Gelegenheit bekommen, ihre Kreationen an den edlen bis quellenden Körpern prominenter Zeitgenossen aus aller Welt bestaunen zu lassen. Auch wenn man die Opern des sächsischen Meisters nicht zu seinen Favoriten zählt, wird jeder Fernsehzuschauer in den offiziellen Nachrichtensendungen mit den Bildern der hereinschreitenden Mischpoke belästigt. Ich erinnere mich an Gottschalk, der jedes Jahr da ist und prominent gezeigt wird, ob er irgendetwas Mediales fabriziert oder nicht, die Kameraleute brauchen immer einen großen Blonden, schließlich wurde Siegfried in der Kunst als blonder Held dargestellt. Wer erinnert sich an Uwe Beyer, den Hammerwerfer mit olympischen Meriten, der 1966 in einem Zelluloidmachwerk den edlen Nibelungen gespielt hat, auch wenn der Film eher einem Comic mit zweitklassigen Schauspielern glich. Aber Uwe Beyer hätte auf dem „Grünen Hügel“ kaum eine Chance gehabt, es sei denn, man hätte ihn als Kulissenschieber engagiert. Im Gedächtnis blieb mir auch ein Auftritt unserer Bundeskanzlerin, die es wagte mit offenherzigem Dekolletee zu erscheinen. Ob sie den nibelungischen Frauengestalten Kriemhild wie Brunhilde eine sichtbare Referenz erweisen wollte, ist aber nicht bekannt. Der „Grüne Hügel“ ist eine sehr flache Erhebung am Rande der Innenstadt, auf dem 1876 das berühmte Festspielhaus mit der Wagner-Oper „Rheingold“ eröffnet wurde. Der Name das Ortes wurde von Wagner allerdings aus seiner Zürcher Zeit entlehnt. Wagner wohnte von April 1857 bis August 1858 in einem Gartenhaus der Villa Wesendonck, die seiner Zeit als Grüner Hügel benannt wurde. Heute ist in der Villa das Museum Rietberg untergebracht, wo ethnische Kunst aus unterschiedlichen Ländern zu bewundern ist. In dieser Umgebung schrieb er Texte zum Ring der Nibelungen und von Tristan und Isolde. Es entstanden Lieder für den Fabrikanten Wesendonck, seinem Gastgeber. Die Akustik des Konzert- oder Opernsaales wird von Experten als einzigartig bezeichnet. Eine exzellente Akustik ist auch notwendig und nachvollziehbar, wenn man die Arien Wagners einmal gehört hat.

Tristan singt:

Dem Tage! DemTage! 
Dem tückischen Tage,  

dem härtesten Feinde  
Haß und Klage!  
Wie du das Licht,
o könnt‘ ich die Leuchte,
der Liebe Leiden zu rächen,
dem frechen Tage verlöschen!
Gibt‘s eine Not,
gibt‘s eine Pein,
die er nicht weckt
mit seinem Schein?
Selbst in der Nacht
dämmernder Pracht
hegt ihn Liebchen am Haus,
streckt mir drohend ihn aus!

Wagner wurde in Leipzig geboren, wuchs aber in Dresden auf. Seine Lebensgeschichte nachzuerzählen, halte ich für müßig, das kann jeder im Internet nachlesen oder in diversen Biografien, die überall, wo es Bücher gibt, zu kaufen sind. Seine Musik zu beurteilen, polarisiert, ich gehöre zu denen, die mehr Beethoven, Mozart, Rossini oder Verdi bevorzugen. Aber für viele Musikfreunde gilt der Komponist mit den vielen Fazetten musikalischer Perfektion als größter Meister seines Faches. Vor allem diejenigen, die das Deutsche und vielleicht auch das Nationale im Deutschsein lieben oder bewundern, bedeuten die Musikstücke Wagners das Non plus Ultra pompöser und tongewaltiger Opern. Wer sich an den Film „Apokalypse Now“ von Francis Ford Copolla erinnert, hört in seinem Gedächtnis sofort den Walkürenritt aus Wagners Oper „Lohengrin“, als das Helikoptergeschwader zum Napalmflug über den vietnamesischen Himmel brauste. Könnte der Walkürenritt mit seiner apokalyptischen Dynamik nicht als Untermalung jeglicher militärischer Aktionen mit Kampfflugzeugen eingesetzt werden, wenn ganze Städte in Schutt und Asche gelegt werden?

Wer „Melancholia“ von Lars von Trier genossen hat, hat vielleicht noch Tristans Weltschmerz im Ohr, bekannt aus der Oper Tristan und Isolde. Die Arien aus Tristan und Isolde dienten übrigens vielen Regisseuren als Hintergrundmusik für ihre unterschiedlichen Filmsujets. Aber auch die kreativen Nazibuben liebten von Anfang an Wagners Musikgetöse. So sehr, dass der große Diktator mit Wagners Witwe Cosima und dem gesamten Wagnerclan auf Du und Du stand. Cosima, eine Tochter von Franz Liszt, die Wagner schon 1853 als Fünfzehnjährige in Paris kennenlernte und später nach Irrungen und Wirrungen, Tod und Scheidungen in beider Leben heiratete, wurde für viele völkisch denkende Menschen zur Übermutter des Wagnertums. Lang ist die Liste der bekannten Namen, mit denen Wagner im Laufe seines Lebens in Beziehung stand oder befreundet war: Michail Bakunin, Georg Herwegh, Gottfried Semper, Friedrich Nietzsche, Anton Bruckner, Heinrich Heine, Giacomo Meyerbeer, Franz Liszt, Otto von Bismarck und natürlich Ludwig II von Bayern. Lang ist auch die Liste der Städte, in denen er sich aufgehalten hat: Leipzig, Dresden, München, Weimar, Zürich, Genf, Luzern und Palermo. In Venedig verstarb er am 13 Februar 1883 im Palazzo Vendramin-Calergi.

Ludwig II von Bayern, der erst sein Königreich finanziell fast ruinierte und sich am Ende im Starnberger See (Würmsee) unter Wasser aus der Welt verabschiedete, betrachtete Wagner nicht nur als speziellen Freund, den es vorbehaltlos zu fördern galt, nein Wagner war das deutsche Genie per se, dem ein Tempel für seine Musik gebaut werden musste. Das kostete viel Geld und der Komponist genoss es, sich im Glanz des exzentrischen Feudalherrn zu sonnen, was ihn nicht davon abhielt, die Gutmütigkeit und Naivität des Königs skrupellos auszunutzen. Aus der freundschaftlichen Männer-Liaison (der Gott und sein hochgeborener Förderer) wurde später eine Hassliebe, an der zumindest der Kini zu Grunde ging. Ludwig wurde vor seinem Suizid wegen seiner Verschwendungssucht, die Bayern fast in den Ruin getrieben hatte, entmündigt. Ein Spiegelbild seines Charakters mit der ihm eigenen Ästhetik sieht der Besucher in den Schlössern, die er sich als Paläste seines wirklichkeitsfremden Hedonismus bauen ließ: „Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof“.

Die ambivalente Verbundenheit zwischen Wagner und Nietzsche geht als besonderes Kapitel in die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts ein. Nietzsche, der jahrelang mit Bewunderung und Zuneigung zu Richard Wagner, aber auch zu dessen Frau Cosima, dessen Werk und Genialität pries und in vielen seiner Schriften darlegte, wandte sich schließlich nach Zerwürfnissen vor allem wegen dessen „Schauspielerei, Eitelkeit und Großmannssucht“ von ihm ab.

Nietzsche schrieb:

„Ich mache mir eine kleine Erleichterung. Es ist nicht nur die reine Bosheit, wenn ich in dieser Schrift Bizet auf Kosten Wagners lobe. Ich bringe unter vielen Späßen eine Sache vor, mit der nicht zu spaßen ist. Wagner den Rücken zu kehren, war für mich ein Schicksal; irgend etwas nachher wieder gernzuhaben, ein Sieg. Niemand war vielleicht gefährlicher mit der Wagnerei verwachsen, niemand hat sich härter gegen sie gewehrt, niemand sich mehr gefreut, von ihr los zu sein. Eine lange Geschichte!“ …  

„Mein größtes Erlebnis war eine Genesung. Wagner gehört bloß zu meinen Krankheiten.

Nicht dass ich gegen diese Krankheit undankbar sein möchte. Wenn ich mit dieser Schrift den Satz aufrechterhalte, dass Wagner schädlich ist, so will ich nicht weniger aufrechterhalten, wem er trotzdem unentbehrlich ist – dem Philosophen . . . . . .

Ein eher befleckte Seite Wagners Wirkens sind dessen antisemitischen Schriften und seine Haltung gegenüber allem, was jüdisch war. Allein diese schändliche Verhalten hat mich immer abgestoßen, auch weil Wagner im „tausendjährigen Reich“ wie ein Musikgott gefeiert wurde und die selbst ernannte Elite der Nazis enge Beziehung zu der gesamten Wagner-Sippe pflegte. Der große Diktator ergriff das Wagnerianische als Projektionsfläche seines pathofrenetischen Helden- und Mystikkultes und war mit Cosima und deren Kindern freundschaftlich verbunden. Er ließ keine Gelegenheit aus, den Ruhm Wagners auf sich abstrahlen zu lassen.

Originalton Wagner:

„… die jüdische Rasse für den geborenen Feind der Menschheit und alles Edlen in ihr: dass namentlich wir Deutschen an ihnen zugrunde gehen werden, ist gewiss, und vielleicht bin ich der letzte Deutsche, der sich gegen den bereits alles beherrschenden Judaismus als künstlerischer Mensch aufrechtzuerhalten wusste.

Der große Diktator 1936 bei einer Fahrt durch das wiederbesetzte Rheinland aus dem Buch von Brigitte Hamann „Lehrjahre eines Diktators“

„Aus Parsifal baue ich mir meine Religion. Gottesdienst in feierlicher Form … ohne Demutstheater … Im Heldengewand allein kann man Gott dienen.“ Und den Trauermarsch aus der Götterdämmerung kommentierte er mit den Worten: „Ich habe ihn zuerst in Wien gehört. In der Oper. Und ich weiß noch, wie wenn es heute gewesen wäre, wie ich mich beim Nachhauseweg wahnsinnig erregte über einige mauschelnde Kaftanjuden, an denen ich vorbeigehen musste. Einen unvereinbareren Gegensatz kann man sich überhaupt nicht denken. Dieses herrliche Mysterium des sterbenden Heros und dieser Judendreck“.

Die Beispielsrechnung für Oberammergau könnte ich entsprechend der Fakten und Zahlen von Bayreuth ebenso aufstellen, auch wenn eine mittelgroße Stadt mit ca. 75.000 Einwohnern nicht mit den Strukturen einer Kleinstadt zu vergleichen ist. Das gebe ich zu bedenken. Bayreuth ist eine Universitätsstadt und gehört auch zu den Städten, die im großen Umfang von Touristenströmen abhängig ist und die renommierten Wagner-Festspiele kann ich von der Wertigkeit eine oder zwei Stufen höher einstufen als Oberammergau. Die Festspiele dauern nur einen Monat, aber die Klientel, die sich dort versammelt, gibt ohne mit der Wimper zu zucken sicherlich mehr als 1000 Euro für den Genuss eines Abends mit Wagnermusik aus.

Nach diesem Ausflug ins Bayrische können Sie selbst entscheiden, welches Festival eher zu entbehren ist und welches nicht. Auch Wacken findet nicht statt und in Aix en Provence, Arles und Avignon wird man sich dieses Jahr nicht an guter Kunst erfreuen kann. Die Manifesta wird bislang verschoben wie auch die Art Basel und andere Großkunstereignisse – ob uns das schmerzen wird, müssen wir abwarten, lieber wäre mir, wieder ans Mittelmeer zu fahren und im Abendlicht Petanque zu spielen. Davon abgesehen: Nichts wird so bleiben, wie es war, weil alles, was war, so nicht bleiben kann.

W.N. 26.4.2020

Eine Zustandsbeschreibung vier älterer Herren mit dem Drive der roaring Sixties

Living In A Ghost Town“

von den rollenden Steinen

I‘m a ghost

Living in a ghost town

I‘m a ghost

Living in a ghost townYou can look for me

But I can‘t be found

You can search for me

I had to go underground

Life was so beautiful

Then we all got locked down

Feel like a ghost

Living in a ghost town

Once this place was humming

And the air was full of drumming

The sound of cymbals crashing

Glasses were all smashing

Trumpets were all screaming

Saxophones were blaring

Nobody was caring if it‘s day or nightI‘m a ghost

Living in a ghost town

I‘m going nowhere

Shut up all aloneSo much time to lose

Just staring at my phone Every night I am dreaming

That you‘ll come and creep in my bed

Please let this be over

Not stuck in a world without end

Preachers were all preaching

Charities beseeching

Politicians dealing

Thieves were happy stealing

Widows were all weeping

There‘s no beds for us to sleep in

Always had the feeling

It will all come tumbling downI‘m a ghost

Living in a ghost town

You can look for me

But I can‘t be found

We‘re all living in a ghost town

Living in a ghost town

We were so beautiful

I was your man about town

Living in this ghost town

Ain‘t having any fun

If I want a party

It‘s a party of one.