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Sinkende Städte gehen am Gewicht des Goldes unter

Die ganzen 11 Tage, die ich in Venedig wegen der Biennale und der Organisation der Gruppen zugebracht habe, zumindest immer dann, wenn ich bei meinen zahlreichen und intensiven Gängen und Bootsfahrten durch die Stadt wie auf den angrenzenden kleineren Inseln unterwegs war, tauchte immer wieder die Frage auf, aus welchen Gründen die vielen Touristen, die meistens in ausgetretenen Pfaden zwischen den Hauptsehenswürdigkeiten pendelten oder dort, beispielsweise an der Rialto-Brücke, dem Markusplatz oder an der Accademia, meistens in vielen großen Gruppen herumstanden, ausgerechnet diese Destination inmitten der Adria-Lagune ausgesucht hatten. Dumme Frage, werden alle sagen, das würde doch schließlich auf der Hand liegen, das sei mit jedem Blick, an jeder Straßen-, Gassen- oder Kanalbiegung sichtbar, was ich mit so einer Überlegung bezwecken wolle, ob ich sie nicht alle zusammen hätte oder zumindest der Reihe nach zählen könnte. Stimmt, oberflächlich gesehen, stimmt aber nicht, wenn sich dieser Gedanke wie eine Laus im Pelz festgesetzt hat.
Aber was ist das tiefergehende Geheimnis, die sie antreibende Psychologie, warum die Menschen so massenhaft nach Venedig kommen, auf diese fragile steinerne Plattform, halb Insel, halb Stadt, wahrscheinlich beides, die gerade in diesen Zeiten von allen natürlichen und unnatürlichen Anfechtungen dieser Erde bedroht ist.
Die über Generationen und Epochen von hunderttausenden Menschen mühselig errichtete einstige Handelshauptstadt der Adria  inmitten einer großflächigen Lagunenlandschaft zwischen Chioggia und Rimini, bestehend aus einhundertfünfzehn kleinen und größeren, manchmal auch unbewohnten Inseln, erscheint einem auf den ersten Blick wie ein alle Sinne betörendes, aber undurchbringbares Labyrinth der aneinandergereihten Wunder. In der Kürze der Zeit, in der die meisten Touristen hier weilen, kann man aber diese Stadt weder gedanklich erfassen noch in irgendeiner Weise tiefer verstehen. All die kleinen und größeren Häuser mit den roten Ziegeldächern, all die das Dächermeer überragenden Kirchen und Dome, mit spitzen Türmen und gewaltigen Kuppeln, all die nicht nachvollziehbar verästelten im Zickzack verlaufenden Kanäle, dazwischen die Holz- und Steinbrücken jeder Größe und in den unterschiedlichsten Stil- und Bauweisen und all die prächtigen Paläste mit all ihren wundersamen, einen in Ehrfurcht erstaunenden Fassadenverzierungen, all das kann kein hier angekommener Mensch in ein, zwei oder drei Wochen mit rationalem Verstand nachvollziehen. Wahrscheinlich sind selbst die meisten Venezianer überfordert und es braucht schon Autoren wie Salvatore Settis oder Wolfgang Scheppe (die ausserordentlich zur Erkenntnis beitragende Untersuchung „Migropolis“), die mit analytischen Schriften die Strukturen, das System, die Seele  und das öffentlich wahrnehmbare Bewusstsein der Stadt akribisch seziert haben.
Wenn ich all diese Aspekte aus der Sicht des alten Venedig, dieser reichen und in der Renaissance nahezu weltweit rührigen Metropole betrachte, aus der Sicht der Maler, Dichter und Bildhauer dieser vergangener Zeiten, wenn ich mir all die Hunderttausende aus allen Erdteilen wegdenke, die heute diesen exquisiten Steinhaufen im Meer bevölkern, wird dann eine lebendiger Ort sichtbar, der in sich ruhte und seinen Bürgern ein solides Fundament der Sicherheit, der Ruhe und der Zukunftsperspektiven bot, wird dann Venedig auch für mich verständlicher? Wahrscheinlich ist es hilfreich, wenn man noch einmal Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ liest oder sich die diversen Filme über Casanova mit Donald Sutherland und Heath Ledger in den Hauptrollen ansieht. Aus diesem Blickwinkel wird mir die Stadt nicht nur sympathischer, sondern auch liebenswerter, trotz der Intrigen, Kämpfe, Anfeindungen und Verwerfungen, mit dem sich der venezianische Adel trefflich beschäftigen konnte. Niemals darf man aber vergessen, dass das Gesamtkunstwerk Venedig nicht durch die Hände der oberen Klassen errichtet und zusammengehalten wurde, sondern von den vielen namenlosen Handwerkern, Fischern, Arbeitern, Dienstboten oder Lehrern und Gelehrten – weiblich wie männlich, die das, was wir heute bewundern können, in irgendeiner Weise er- und mitgeschaffen haben. Das Geld kam vom Handel und dieser Reichtum erlaubte es den Venezianern, ihre Stadt wie ein kostbares Schmuckkästchen herauszuputzen und in höchster künstlerischer Qualität zu gestalten. Dadurch wurde die Stadt im Laufe der Jahrhunderte zu einem Sehnsuchtsort der Begüterten aus aller Welt und ist es bis heute geblieben.

Zurück zur Frage des „Warum“. Des „Warum“ und der fast 34 Millionen Touristen, die heute Venedig besuchen. Ich vermute, dass es zum einem die Einzigartigkeit der Topografie ist, die Inselstadt im Meer, zum anderen der Nonkonformismus im tatsächlich Sichtbaren ist und das Staunen über ein real existierendes Phantasiegebilde. Nichts gleicht wirklich dem anderen, keine mit steinernen Ornamenten versehene Fassade gleicht der anderen, kein Kirchenschiff mit seinen Gemälden und Skulpturen findet ein gleichrangiges Äquivalent, selbst die Mauern unterscheiden sich in ihrer handwerklichen Bauweise. Und trotzdem ergibt alles eine Einheit, eine Einheit tausender anarchischer Strukturen, die das Konvolut oder das System Venedig zusammenhalten.
Und wir suchen die verlorene Zeit, die angesichts der Menschenmassen tatsächlich verloren scheint, wir suchen die Wunderkammer der Geschichte, das Menschliche und Schöpferische in den steinernen Zeugnissen vergangener Epochen, indem wir glauben, dass die Menschen zu jenen Zeiten glücklicher und freier gelebt haben. Wir springen in eine selbstvergessene Nostalgie, in eine Art Retroselbsttäuschung, um vergessen zu können, wie wir in unseren Städten und Ländern gemaßregelt und in immer wiederkehrenden Prozessen eingebunden sind, wie wir uns mehr und mehr von dem eigentlichen Ideal des Menschseins entfernt haben. Selbst der Konsumismus als Paradoxon der Individualität und freien Entscheidung ist nur eine Chimäre und wir wissen das sehr genau und suchen deshalb voller Sehnsucht und Leidensfähigkeit uns selbst in einer Umgebung, die wir sogar für eine überschaubare Zeit lieben können. Frei vom rasenden Verkehr der Diktatur der permanenten Mobilität, umgeben vom Wasser, dem Element des Nichtgreifbaren, unter einem meistens blauen Himmel und einem Licht, das jede Farbe zu einer Intensitätsexplosion macht und eine Plastizität erzeugt, von deren Existenz wir uns in unseren Städten und Behausungen meilenweit entfernt haben. Aber die allermeisten, die Venedig aufsuchen und durchqueren, die sich an all diesem Zauber des Ersehnten erquicken, vergessen, dass diese Stadt immer nur einen winzigen Schritt vom Untergang entfernt ist und dass es höchste Zeit ist, in sich zu gehen und dafür zu sorgen, dass all diese Einmaligkeit auch noch für spätere Generationen erhalten bleibt. Trotzdem bin ich skeptisch, denn ich sehe leider kaum Anzeichen dafür, dass das Menetekel an der Wand, sei sie noch so wunderbar mit Fresken verziert oder mit fragilen Meisterwerken der Steinmetzkunst versehen, auch tatsächlich gesehen wird.

Als ich am Sandstrand des Lido spazierenging und die winterliche Ruhe und Losgelöstheit von all dem Trubel, den Eitelkeiten und des Konsumwahnsinns genoss,  der Venedig temporär, na ja fast neun Monate lang, in ein Tollhaus der Tourismusindustrie verwandelt, lief vor meinem inneren Auge noch einmal der Film „Tod in Venedig“ ab, der nach dem berühmten Buch des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, 1911, geschrieben, 1971 von Luchino Visconti mit Dirk Bogarde verfilmt worden ist.
Für mich ist dieses Buch oder die Verfilmung eine Metapher auf die Untergangsstimmung wie auch auf den verlogenen und aufgeblähten Nationalismus des neuen Aufbruchs, der kurz vor dem ersten Weltkrieg Europa epidemisch beherrschte. Der von Krankheit und Neurosen gezeichnete Schriftsteller Gustav von Aschenbach, ein synonymischer Protagonist für die Dekadenz der herrschenden Klasse, sucht am Lido und seinem weitläufigen und einladendem Sandstrand Genesung, vielleicht sogar Erlösung.
Im Laufe der Geschichte wird Venedig von der aus Indien eingeschleppten Cholera heimgesucht und auch Aschenbach steckt sich mit dieser tödlich verlaufenden Krankheit an. Seine homoerotische Neigung, die sich im distanzierten und auf Blicke und Gesten reduzierten Werben um den polnischen Jüngling „Tadzio“ zeigt, scheint mir auch der Blick auf eine Jugend zu sein, die sich frei und ungebunden, ja unkonventionell, aber auch aufrührerisch, vielleicht sogar unethisch und gewissenlos den Freuden des Daseins ohne langes Hinterfragen hingibt. Ist das die Jugend, die vielleicht auch die Zukunft jenes Europa verkörpert, welche die in sich erstarrte und in überkommenen Traditionen gefangene Generation der Älteren mit Wucht hinwegfegen und ablösen wird.
Alle Versuche Aschenbachs die Aufmerksamkeit des hübschen Knaben zu wecken, um ihn für sich einzunehmen, scheitern. Es bleibt wie bei Thomas Mann ein ewiges Sehnen nach dem Subjekt seiner Begierde und die Leugnung nicht nur seiner lebenslangen Homosexualität, sondern auch dem Mut, tatsächlich aus seinem Leben heraus etwas Wahrhaftiges zu verändern. So stirbt er schließlich am Strand in einer Art lethargischen Kapitulation vor der Wirklichkeit und seinem fatalen Eingeständnis, in den wichtigen Forderungen und Streben seiner Lebensgestaltung versagt zu haben.
Venedig und die Bedrohung durch die Cholera steht meiner Meinung nach für die in jenen Jahren anschwellende Lust am Untergang, der durch die verbale Aufrüstung der nationalistischen Medien zu einer Erneuerung der Welt kaschiert wird, während sich am Horizont schon das große Gemetzel des bevorstehenden Krieges abzeichnet. Thomas Mann war bis zu seiner Emigration immer ein sehr unpolitischer Intellektueller, der sich in den Schriften dieser Jahre nie dezidiert vom Furor der Zeit distanziert hat. Hintergründig erscheint mir aber gerade in der Novelle „Tod in Venedig“ ein deutlicher Fingerzeig auf die politische Situation der Vorkriegsjahre bis 1914. (Verweis auf den Film von Michael Haneke „Das weiße Band“ und dem Buch „1913“ von Florian Illies)
Mann überlagert die Dramatik des Weltgeschehens immer durch die individuellen Beschreibungen der Befindlichkeiten, Probleme und Gewissenskonflikte seiner Protagonisten, kann aber in all seinen Formulierungen nicht leugnen, dass er natürlich die „politische Großwetterlage“ in Europa durchaus sehr genau wahrgenommen hat. 1924 schrieb er „Der Zauberberg“, einen Roman, der unmittelbar  in seiner Thematik auf die Umstände und Folgen des 1. Weltkrieges eingeht, aber leider zu oft den eitlen Salonattitüden und den verschwurbelten Diskursklaubereien einer sich im letzten Walzer wiegenden Oberschicht verhaftet bleibt.

Ein angeblich echter Leonardo da Vinci mit dem Titel „Salvator Mundt“ wird bei Christies für 400 Mio + Auktionskosten von 50 Mio. versteigert, ein Fußballspieler von 18 Jahren wird für 100 Mio. an einen Verein verkauft, der einem Ölscheich gehört, der als Milliardär nichts weiter macht, als dafür zu sorgen, dass andere so kostengünstig wie möglich für ihn Öl fördern, damit unsere Autos und unsere Superkreuzfahrtschiffe nicht stehen bleiben. Ein Bankrotteur einer Fluglinie lässt sich seinen Abgang zusätzlich mit ein paar Millionen versüßen und in Deutschland werden aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren ca. 1,2 Millionen Menschen „obdachlos“ im Sinne des Gesetzes sein.
Die Unesco stellt jährlich 50 Millionen zum Erhalt des  historischen Erbes der Stadt Venedig zur Verfügung. Die vom Volk gewählten Mandatsträger in der Stadt Venezia, in Venetien und in Rom werfen ca. 500 Millionen in den Hut, während die Stadtverwaltung oder einige gut vernetzte und mächtige Drahtzieher Renditen ohne genaue Zahlenbegrenzung aus der Lagunenstadt ziehen. Im Hintergrund schöpfen ehrenwerte und diskret agierende Herren, die es vorziehen in der Öffentlichkeit nicht in Erscheinung zu treten, sehr viel Geld aus jenen dunkeln Kanälen, die kein Tourist je gesehen hat, aber die an jeder Kreuzung zwischen Kanälen und Gassen als Snackbuden, Souvenirläden, aber auch als renommierte Restaurants oder Hotels zu sehen sind. Die Obszönität der Finanzwirtschaft und des unkontrollierten Kapitalmarktes scheint jede Grenze von Moral und Ethik schon lange überschritten zu haben. Wir amüsieren uns zu Tode und viele merken nicht mehr, wie sie ihr Menschsein gegen das Objektsein eingetauscht haben.