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Der Reigen der Lämmer

Alles zu, Totenstille, beklemmende Verklemmung unter christlichen Regieanweisungen, die vom Staat abgesegnet worden sind, damit Kirche und Staat, ganz im Sinne der Säkularisierung, aber auch nach dem Motto “leben und leben lassen” oder “Eine Hand wäscht die andere” funktionieren kann. In der großen und weitläufigen Stadt Athen, der Wiege so mancher geistvoller und tiefsinniger Unterhaltungskunststücke sieht das ganz anders aus: bis um elf Uhr hält die griechisch-orthodoxe Kirche die Stadt mit Messen in allen Kirchen in ihrem Bann, große Kirchen, kleine Kirchen, alle sind bumsvoll und die Popen zelebrieren die letzten Stunden Jesu auf ihre ART und Weise. Ab elf Uhr machen dann einige Geschäfte wieder auf, vor allem in der Innenstadt zwischen Syntagma-Platz, Monastariki und dem Omonia-Platz. Unterhalb der Akropolis im Plaka-Viertel wälzen sich die Massen durch die Straßen, alle Lokale sind auf und da man weiß, dass Ostern für die Griechen vor allem sehr viel mit Familie und gemeinsamen Essensmarathon zu hat, fängt man schon mal an, in den Tavernen und Restaurants das Fest einzuspeisen. Ob das alles im Sinne der herrschenden Kirche ist, kann ich nicht beurteilen, die Griechen, mit denen ich gesprochen haben, sagen unisono, dass die Frauen in ihren Küchen ununterbrochen backen und brutzeln und kochen und dünsten und dass danach die eigens dafür zusammengekommene Familie alles verspeisen muss, da wird keiner gefragt, ob er will oder nicht. Wieviele Lämmer beim Metzger landen und wie viele Eier gekocht werden, kann wahrscheinlich nur ab einer Menge von 10.000 gezählt werden. Auf jeden Fall lassen es sich Griechen zu Ostern gut gehen, ob das in Athen und anderen Großstädten ist oder auf dem Lande, wo es nach Meinung vieler noch opulenter und lustvoller zugeht. Gaumen, Magen und letztendlich der Verdauungstrakt kommen voll auf ihre Kosten. Ob die Rentner in den ärmeren Vierteln ebenso feiern, erscheint eher fraglich, denn laut griechischen Erhebungen müssen viele darauf setzen, dass öffentliche und gesponserte Speisungen zumindest ein wenig österliche Stimmung aufkommen lassen. Die Obdachlosen rund um das Viertel des Omonia-Platzes liegen auf den Bordsteinen, ob sie müde, high oder betrunken sind, kann man nicht erkennen. Entwurzelte, Migranten und wahrscheinlich viele Menschen aus dem angrenzenden nördlichen Balkan stehen herum, palavern, streiten oder sind einfach nur apathisch. Es sind Menschen aus allen Herren Ländern, die diese kleinen Gassen  bevölkern. Hier trifft man keinen Touristen und keinen Griechen aus den besseren Quartieren der Stadt. Allerdings. Biegt man um eine Ecke in eine andere Straße, kann es schon wieder ganz anders aussehen; ein wenig gepflegter, wesentlich bürgerlicher und eher geruhsam. Dieser Wechsel ist für uns Nordmenschen aus den wunderbar funktionierenden Staaten der florierenden Wirtschaftsnationen mit Globalisierungsfaktor 10 oft nicht zu fassen. In dieser Art habe ich es weder in Neapels Altstadt, noch in den Vierteln von Marseille gesehen, die allgemein als gefährlich und äußerst prekär gelten. Am Omonia-Platz liegt das Hotel Bageion, ein heruntergekommenes First-Class-Etablissement mit abbröckelnden Putz und einer maroden Patina aus längst vergangenen Zeiten, die wahrscheinlich oft glanzvoll waren. Heute scheint es leer zu stehen, aber nein nicht ganz, dieses Hotel wird von der Biennale Athen bespielt, die gleichzeitig zur documenta stattfindet, aber keinerlei Berührungspunkte zu den reicheren Offiziellen aus der Kassler Zentrale und zum Kuratorhäuptling Adam haben. Die Weltkunstausstellung findet an ca. vierzig Orten der Stadt mit Performances, Installationen und andere Darbietungen statt, die man aus Sicht der Macher ohne Zweifel als zeitgenössische Kunst bezeichnet.Warum das so ist, werde ich später beschreiben, wenn ich das Konzept dieser Athener Biennale durchgearbeitet habe. Wir haben aber mit einer der Initiatorinnen und Verantwortlichen gesprochen: Nayia Yiakoumaki. Dieses Gespräch war sehr intensiv und erhellend und auch darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen. Nachdem wir dann wieder in unser Apartment gefahren waren, haben wir uns selbst ein Ostern-Karfreitagsessen zubereitet: griechischer Bauernsalat mit Feta und leckeren Oliven sowie sehr schmale Lammkoteletts, die ich in der Pfanne mit Knoblauch, Zwiebeln, Rosmarin und Thymian kross gebraten habe. Auf dem Balkon zu speisen und die Akropolis und den Lykabettos sehen zu können, ist ein Luxus, den sich viele nicht leisten können und wenn sie es sich leisten können, wohnen sie wahrscheinlich in den besseren Vierteln an den oberen Rändern der Hänge des Lykabettos und der anderen Hügel oder sie sitzen auf Dachterrassen rund um das Plakat-Viertel und feiern die blaue Stunde. Der Vorteil, den wir haben ist die Ruhe und dass wir leben und arbeiten können, wie wir es für richtig erachten. Und eine blaue Stunde brauchen wir nicht in dem Sinne, wir begnügen uns mit der Zeit in allen erdenklichen Farben und feiern jede Einzelne mit der Hochachtung, die man Farben zu gute kommen lassen muss.