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Stimmen und Meinungen ausserhalb der Komfortzone

Interview mit dem amerikanischen Politilogen und Soziologen David Graeber mit BR am 8. April 2020

. . . . . “Die Regierungen müssen das ja machen, weil es keinen Gemeinschaftssinn mehr gibt. Sie haben es ja in der Vergangenheit geschafft, fast alle lokalen Gemeinschaften zu zerstören. Die Leute kennen ihre Nachbarn nicht mehr, obwohl es früher vielleicht anders gewesen wäre. Arbeitsplätze sind outgesourced und niemand hat mehr das Gefühl, wirklich im selben Team zu spielen. Also haben die Menschen verlernt, gut miteinander zu leben und aufeinander aufzupassen. Der Staat muss übernehmen, weil ihm nichts Anderes übrigbleibt. Paradoxerweise baut sich Gemeinschaft aber gerade wieder auf. Obwohl die Leute sich nicht versammeln dürfen, lernen sie sich und ihre Mitmenschen in der Krise auf eine ganz neue Art und Weise kennen.”

Kann Corona ein System Changer sein?  

“Das muss es. Wir reden ja nicht nur über Lockdowns, sondern auch über wirtschaftliche Folgen. In jedem Fall macht es die Corona-Krise sehr schwierig, die Illusionen, die unsere Gesellschaft zuvor geprägt haben, aufrecht zu erhalten. Klar werden einige danach versuchen, so zu tun, als seine wir nur gerade aus einem bösen Traum erwacht und einfach wieder zurück ins normale Leben gehen. Die meisten haben aber inzwischen realisiert, dass unser normales Leben in Wirklichkeit der Traum ist. Wir tun ja nur so, als würden wir arbeiten. Wir tun nur so, als ob die großen Institutionen aus irgendeinem wichtigen Grund da wären. Aber aus welchem, außer sich selbst zu erhalten? Die Wall Street zum Beispiel. Gerade gibt es eine Debatte, ob man die schließen sollte, weil ständig alles crasht. Was mich wirklich fasziniert: Niemand geht davon aus, dass der Lockdown irgendeinen wirtschaftlichen Schaden verursachen wird. Also warum gibt es die Wall Street überhaupt noch? Die großen Institutionen haben versagt und jetzt ist es unmöglich, den Geist zurück in die Flasche zu stecken.”

W.N. 5. Mai 2020