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Ich war 18, als ich ziemlich abgebrannt bei meiner ersten Tramptour durch die Schweiz, Italien und Frankreich bei Imperia an der ligurischen Riviera anderthalb Tage an der Straße gestanden hatte, weil kein einziges Auto meinen bittenden, zur Straße gereckten Daumen ernst nahm und mich frustriert im Qualm der im Schritttempo vorbeidümpelnden Blechkarossenlawine stehen ließ. Viel Geld besaß ich nicht mehr, aber um hier in der Augusthitze von den Auspuffabgasen vergiftet zu werden und in eine verzweifelte Lethargie zu fallen, war nicht auszuhalten. Also trottete ich langsam zum Bahnhof und löste ein Ticket nach Nizza, das kostete nicht viel und in Frankreich hoffte ich, per Autostop besser voranzukommen. Angesichts meiner Mittellosigkeit blieb mir nichts anderes übrig als so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen, auch wenn das wirklich nicht meine Lieblingsüberlegung war. Ich stieg in den Zug und genoss diese Fahrt entlang der Küste, weil sie offenbarte, wie schön diese Landschaft war und wie schön der Sommer die Welt in allen Farben und Formen zeigte. Die Ausläufer der bewaldeten Seealpen reichten bis an den Strand und alles, was ich sah, beglückte mich, die Natur wie die Siedlungen und Häuser, deren Anblick in der gleißenden Sonne fast einen rauschartigen Zustand erzeugten. Überall reckten sich Palmen in die Höhe und die Fassaden der Häuser changierten zwischen leichten Orangetönen über Gelb, Hellgrün und Zartblau, auch wenn der Zahn der Zeit und die Abgase der Autos Spuren der Verschmutzung über den bunten Putz der Gebäude gelegt hatten. Vom Bahnhof Thiers in Nizza machte ich mich auf, die Promenade des Anglais zu suchen und spazierte daraufhin am Meer entlang, an dessen Horizont die Sonne allmählich tiefer sank und das Meer in der Spiegelung der Sonnenstrahlen glitzerte. Am Ende der Promenade war ich so erschöpft, mein Seesack wog schwer auf meinen Schultern, dass ich ein kleines Bistro mit Terrasse betrat und das letzte Geld in einen halben Liter Rosé verwandelte und mich selbst in einen abgeschlafften Zustand des glückseligen vor mich Hinglotzens. Als es schon dunkel wurde, trottete ich weiter, versuchte weiterhin mein Glück, auf meinen Daumen vorwärts zu reiten, und landete schließlich in der Dunkelheit in Cagnes-sur-Mer. Obwohl ich kein einzigen Sous mehr hatte, schlich ich mich auf einen Campingplatz und breitete in einer unübersichtlichen Ecke zwischen zwei Bäumen meinen Schlafsack aus. Es wurde nicht bemerkt und wenn schien es die anderen in den Zelten nicht zu stören. Am anderen Tag packte ich wieder alles zusammen und machte mich auf den Weg zur nächsten Nationalstraße. Damals existierte die Autobahn „La Provençale“ noch nicht und jeder der in Richtung Aix, Marseille oder Lyon fahren wollte, musste sich über die viel befahrene, kurvige Landstraße quälen. Es war erneut sehr heiß und die Autokolonnen schoben sich im Schritttempo nach vorne. Es war Freitag und Ferienende, die Wagen vollgepackt, die Insassen offensichtlich genervt und ich bekam keine Chance, mitgenommen zu werden. Zwischendurch kletterte ich zum Strand hinunter, warf mich in die Wellen, um mich abzukühlen und kehrte einigermaßen erfrischt an meinen Platz an der Böschung zurück. Allerdings währte der erfrischende Zustand nicht lange und ich begann schon zu halluzinieren, als ein Wagen hielt und ein Geschäftsreisender mich bis zum Massif de Maures mitnahm. Dort legte ich mich abseits der Straße in meinen Schlafsack und wurde morgens durch Schüsse aufgeweckt. Der Weinbauer strich durch die Felder und das bedeutete, dass es Zeit war, sich schnell aus dem Staub zu machen. Nach einigen Tag und mit knurrenden Magen bin ich in meinem Heimatort angekommen. Das in mir gespeicherte Fernweh umschlang mich und machte mich traurig, weil das bieder langweilige Leben dieses Städtchens unerträglich war. Es war gut, dass die Semesterferien bald vorbei waren, denn einmal vom Süden infiziert, erscheint einem die deutsche Provinz wie ein Truppenübungsplatz preußischer Tugenden und katholischer Gängelei. Nur der Gedanke blieb: Nix wie weg hier.

Promenade des Anglais

Beim zweiten Mal, als ich nach Nizza kam, schwebte ich von Osten her mit einer Germanwingsmaschine auf den unmittelbar am Meer liegenden Flughafen Nice Côte d´Azur zu und bekam eigentlich nichts von der Stadt mit, weil meine Boulegruppe und ich gleich darauf mit einem Mietwagen in Richtung Sisteron fuhren, um eine Woche lang dem Spiel mit den eisernen Kugeln zu frönen. Allerdings war der Blick beim Anflug auf die Rollbahn über die Dächer der Stadt und die Promenade des Anglais so verlockend, dass ich mir vornahm, die Stadt irgendwann noch einmal ausführlicher zu erkunden.

Am Mittwoch letzter Woche haben wir sehr spontan einen Ausflug aus unserem schönen Apartment unseres ligurischen Arkadiens nach Nizza unternommen. An der Promenade des Anglais und auf dem Place Garibaldi konnten wir den herrlichsten und wärmsten Sonnentag des neuen Jahres 2020 miterleben.
Seit nunmehr fast 40 Jahren existiert eine durchgehende Autobahn von Avignon bis Rom. Über Cannes, Nizza, Monte Carlo, San Remo, Imperia, Genua, La Spezia, Pisa, Livorno bis in die italienische Hauptstadt. Dieses ambitionierte Autobahnprojekt war eines der schwierigsten Straßenbauvorhaben, das es überhaupt in Europa gab, allein zwischen Cannes und Genua reiht sich Tunnel an Brücke und Brücke an Tunnel. Manchmal verlässt man einen Tunnel, um nach 100 Metern in den nächsten einzufahren. Zartbesaitete würden sagen, dass es einer Himmel-Höllenfahrt gleiche, aber alle Hochachtung gilt den Erbauern, auch wenn zumindest auf italienischer Seite mindestens fünf größere Brücken an prekären Zustandserkrankungen wie Rissen und Rostschäden leiden. Der Zusammenbruch der Genueser Morandi-Brücke hat die Aufmerksamkeit des Ministerium für Straßenbau aufschrecken lassen und eine Prüfungskommission durchs Land geschickt, um mögliche Katastrophen schon im vornehinein präventiv zu verhindern. Vor wenigen Wochen brach ein Stücke einer anderen Brücke auf der A6 zwischen Turin und Savona urplötzlich aus der Gesamtkonstruktion und ließ ein ziemlich großes Loch in der Straßendecke aufklaffen. Bei der Hinfahrt passierten wir im Piemont eine Baustelle, die darauf schließen ließ, dass es die Reparaturarbeiten des Einsturzes waren. Niemand kam zu Schaden, aber ein gewisses Unbehagen begleitet einen bei der Überquerung einer jeden Schlucht. Laut italienischen Medien waren die Ergebnisse der Untersuchungen an Brücken und Straßen niederschmetternd, aber da brauchen wir nicht herablassend auf die Italiener zu schauen, denn auch bei uns sind schon länger die Oberflächenzustände der großen und kleineren Straßen katastrophal.  

Mer au soir

Von unserem Haus bis Nizza brauchen wir über die Autobahn vierzig Minuten, obwohl die meiste Zeit mit dem Anstieg und Abstieg zu den Auffahrten verbraucht wird. Teilweise in nahezu unübersichtlichen Haarnadelkurven geht es immer steil bergan, bis man die Autostrada sieht und mit ihr wird die erste Mautstelle ausgeschildert. Für Nizza hatten wir uns vorher ein Park+Ride System ausgesucht, das nahe der Autobahn lag, als wir aber ankamen, war dieses Areal geschlossen und ich musste eine andere Möglichkeit erkunden, wo wir den Wagen abstellen konnten. Glücklicherweise fanden wir nach einigen Im-Kreisherumkurvungen ein Parkhaus in der Nähe der Altstadt und dem Museum für zeitgenössische Kunst und wir zogen los, um Nizza näher kennen zu lernen.
Vorab möchte ich aber einiges Wissenswertes über die Stadt am blauen Meer erklärend einfügen, um einen besseren Überblick über Geschichte, Land und Leute einprägsam zu geben. Beim Namen geht es schon los und wer annimmt, dass Nizza wie Pizza oder wie basta und Pasta aus dem Italienischen stammt, ist schief gewickelt. Bei der Namensgebung Nizza oder genauer bei der französischen Bezeichnung Nice standen wieder einmal die Phokäer Pate, die sich im Altertum rund um Marseille breit gemacht hatten. Darüber habe ich schon geschrieben, als wir Marseille und Arles thematisierten.
Ca, 350 vor Christus besiegten sie die Ligurer und an der Stelle, die übrigens laut Archäologen bis in die Neandertalzeit zurückzuverfolgen ist, gründeten sie Nikaia nach Nike der griechischen Göttin des Sieges benannt. In den Jahrhunderten danach verlief die Zeit relativ ruhig, bis die Römer in ihrem Okkupationszwang halb Europa und Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens unterwarfen und in ihr Reich eingliederten. Wer meine newsletter und Blogs kennt, ahnt schon, dass es zwischen den
Römern und allen anderen Völkern, die mit ihnen im Clinch lagen, ziemlich rauh zuging. Solange Roms Imperium mächtig und wehrhaft war, konnten sie alle anderen friedlichen wie kriegslüsternen Völker und alle raffgierigen Herrscher, die sich als Fürsten, Könige oder Kaiser bezeichneten, im Schach halten. Es blieb aber immer ein chaotisches Hin- und her und Auf und Nieder bis Rom so dekadent und anfällig geworden war, dass es an allen Grenzen verwundbar wurde. Viele Jahrhunderte später, als das römische Reich zerschlagen war und aus allen Himmelsrichtungen andere Volksstämme durch Europa zogen, entstand mit den Gründungen von Städten, Fürstentümern, Königreichen und anderen Feudalsystemen eine neue, zumindest kartografisch dokumentierte, einigermaßen übersichtlichere Gemengelage auf dem Kontinent. Aber erst mit der Gründung nationaler Staaten wie Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland flossen überschaubarere politische Systeme in dies Länder ein. Allerdings war die Schweiz, die zwischen all diesen Staaten wie eine Adlerhorst im Hochgebirge thronte, lange Jahrhunderte ein ruhender Pol in Mitteleuropa. Wem gelüstete es schon in diesen unzugänglichen, unwirtlichen und furchterregenden Felsentälern mit den darüber thronenden schwindelerregenden Steinpyramiden zu leben. Trotzdem vollbrachten die Schweizer, auch wenn sie eine Ansammlung vieler bäuerlich geprägter Bergvölker waren, im Laufe der Zeit eine hohe zivilisatorische Leistung, wie die Architektur in Städten wie Luzern, Bern oder Basel zeigt. Immer wieder wurde von den sie angrenzenden und umzingelnden Ländern und Fürstentümern Zwistigkeiten angezettelt, um die Eidgenossen zu unterjochen. Auch wenn es Rückschläge gab, letztlich biss man sich nicht nur an deren Sturheit und ausdauernder Wehrhaftigkeit, sondern vor allem an den kalten und verschneiten Wintern zwischen den Alpengipfeln die Zähne aus.

Die üblichen Verdächtigen aus dem Norden und Osten, die über Jahrhunderte hinweg begierig über ihre Grenzen schielten, machten sich auf, um den Süden zu erobern, das ist bis heute so geblieben, außer dass sie inzwischen auf kriegerische Mittel im Großen und Ganzen verzichten. Die West- und Ostgoten rückten an und wurden wiederum von den Sarazenen vertrieben, die wiederum irgendwann einmal das Weite suchen mussten. Nizza wurde geplündert und blieb bis ins 19. Jahrhundert ein Zankapfel zwischen den Mächten aus Ost und West. Den Mauren folgten die osmanischen Muslime, die sich der Stadt bemächtigten und bei Frejus, unweit von Cannes, einen Stützpunkt errichteten, von dem sie immer wieder auszogen, um weitere Städte und Landstriche zu erobern und auszurauben. Erst 975 nahm sich Wilhelm der Provencale ein Herz und räumte an der Küste auf, indem er sich Nizza und die drumherum liegenden Siedlungen der Provence einverleibte. Im 12. Jahrhundert wurde die Stadt aragonesisch und im 13. Jahrhundert dem Haus Anjou unterstellt. Auch die Habsburger mischten mit, wie sie überall rund um ihr kleines Austria ihre Ranküne schmiedeten, um so mächtig wie möglich zu werden.
All diese Ereignisse und alle noch kommenden Verwerfungen und Entwicklungen werden für die meisten der Leser unerheblich sein, aber die Geschichte erspart uns nichts, wenn wir aus heutiger Sicht die einzelnen Zeitperioden oder Abschnitte analysieren und bewerten wollen. Für Menschen, die sich gerne mit ihrem Hirn durch die Epochen wühlen, kann das ein Lustempfinden sein, andere gehen eher zum Kühlschrank, um sich ein Bier zu holen und dann zum Fernseher um sich das Traumschiff anzuschauen.
Interessant erscheint mir die Geschichte um den osmanischen Korsar und Freibeuter Kair ad-Din Barbarossa, der 1543 Nizza belagerte und einnahm. Dieser gefürchtete Kapitän und Kriegsherr zog mit seiner Flotte durchs gesamte Mittelmeer und überfiel alle Städte, die ihm auf seinen Fahrten in den Weg kamen. Reggio, Menorca, Elba, Ischia und Tunis mussten zum Krummsäbel kriechen und selbst die Venezianer gerieten so unter Druck, dass sie jahrelang Tribute an die Osmanen zahlen mussten. Inzwischen schipperte der osmanische Haudrauf auch offiziell unter der Flagge des osmanischen Reiches, um die Seeherrschaft der Spanier in der Mediterranée einzudämmen oder gar zu brechen. Sultan Süleymans I. beauftragte ihn mit einer Flotte von über einhundert Galeeren in Richtung Frankreich zu segeln. Bei der Eroberung Nizzas verbündete er sich dann mit Franz I. von Frankreich, was allerdings offiziell nie beurkundet wurde. Allerdings gebar diese Schlacht um Nizza die Legende der Catherine Ségurane, einer einfachen Wäscherin, die an vorderster Front einer großen Rotte Nicois gegen die Muslime stürmte, einen Fahnenträger mit einer Schippe niederschlug und dessen Fahne an sich riss. Danach drehte sie sich um, reckte ihren nackten Hintern hoch, um ihre Verachtung zu demonstrieren. Das soll laut Legende den Angreifern nicht nur die Schamesröte ins Gesicht getrieben haben, sondern mit dieser unsittlichen Gebärde die Muslime derartig konsternierte, dass sie flugs dannen zogen. Ha ha, wer´s glaubt wird selig, aber aufgepasst, in Nizza wird die forsche Dame heute noch verehrt, denn am 25. November eines jeden Jahres wird die todesmutige Catherine mit einem Gedenktag geehrt.

Sur les toits de Nice

Mit der französischen Revolution – alles was in den dazwischen liegenden Jahrhunderten geschah, ist zwar nicht bedeutungslos, aber es gab auch keine herausragenden Ereignisse – brachte sich alsbald der kleine Korse Napoleon auf der großen Bühne der Geschichte ins Spiel und begann eine Karriere, die in Frankreich ihresgleichen suchte. Napoleon Bonaparte nahm zwar alle Errungenschaften der 89er Revolution in seinem Portfolio auf und kümmerte sich um viele wichtige Innovationen, die das Land dringend benötigte, scherte sich aber ansonsten einen Dreck um den Willen des Volkes oder die Errungenschaften der Aufklärung. Nachdem schon so viele Fürsten, Könige und Kaiser versucht hatten, ganz Europa unter ihre Fuchtel zu kriegen, schien es dem begnadeten Strategen auf dem Schlachtfeld in den Jahren zwischen 1796 und 1814 fast zu gelingen, wenn er das Blatt nicht zu sehr ausgereizt hätte. Der Russlandfeldzug schleuderte ihn auf den Boden des Machbaren zurück und der europäische Zusammenschluss der ehemals unterjochten Länder gab ihm bei Waterloo den Gnadenstoß.

Napoleon wird aber nur marginal mit Nizza in Verbindung gebracht, und auch nur deshalb, weil dort die äußerst luxuriöse Villa Masséna an der Promenade steht, die einer seiner ersten Marschälle André Masséna errichtete und mit kostbarsten Interieur aus allen Feldzügen ausstattete. Heute ist das herrschaftliche kleine Schlösschen ein Museum, das immer wieder durch besondere Wechselausstellungen auffällt. Als wir das Haus besichtigten, wurde aus der Sammlung Grimaldi, jene Fürsten, die Monaco repräsentativ beherrschen, eine Ausstellung über das Thema „Zirkus“ gezeigt. 

Gleich nebenan steht das weltberühmte Hotel Negresco, über das später noch zu berichten sein wird.

Nach dem österreichischen Erbfolgekrieg 1748 („Tu felix austria nube“?) wurde Nizza kurzzeitig von Wien beherrscht, aber das blieb eine kurze und kaum zu erwähnende Episode, weil ich nichts Besonderes finden konnte, was darüber zu berichten wäre. Nach der berüchtigten Schlacht von Solferino 1860, als Henri Dunant anschließend das Rote Kreuz gründete, wanderte Nizza mit Savoyen wieder zu Frankreich, was dem italienischen Revolutions- und Volkshelden Giuseppe Garibaldi wahrscheinlich sehr geärgert hat, weil er als gebürtiger Niçois Nizza gerne unter der rot-weiß-grünen Trikolore gesehen hätte. Garibaldi, der 1860 über Sizilien mit anfänglich angeblich 1000 Mann Italien im weiteren Verlauf zur Einigung und Staatsgründung führte, das als Risorgimento bezeichnet wurde. Garibaldi wird in Nizza als großer Sohn der Stadt angesehen. Frankreich zögerte nicht, die Bindung Nizzas mit Fakten und Taten zu untermauern und baute ab 1864 die PLM – Chemin de fer de Paris à Lyon et à la Mediterranée, um die Begehrlichkeiten und Zukunftsoptionen, die vor allem Ausländer aus dem Norden in dieser wunderbaren Landschaft mit seinem milden Klima sahen, zu unterstreichen. Rückblickend muss man heute sagen, dass der Gewaltakt, einen starken italienischen Staat zu bilden, bis heute noch nicht zu einem positiven Ergebnis geführt hat. Übrigens kämpfte Garibaldi 1871 als freiwilliger Söldnerführer mit der französischen Armee, um im Burgund die Preussen zurückzudrängen, was ihm aber nicht gelang. Zum Dank beförderte man ihn später zum Deputierten der Region Alpes Maritimes. Garibaldi verstieg sich aber in die widersinnige Idee, dass er Dank seiner Stellung Nizza wieder nach Italien zurückholen könne, was ebenso misslang und ihm sein Amt kostete und das Exil bescherte.

Hotel Negresco

Nachdem ein weiterer Sprössling aus der Bonaparte-Sippe, Louis Napoleon, Sohn von Napoleons Bruder Louis und Hortense de Beauharnais, 1848 Staatspräsident von Frankreich wurde, ließ er  sich am 2. Dezember 1852, wie sein prominenter Onkel am 18. Brumaire VIII zum Kaiser krönen. Damit schlug Frankreich einen Salto rückwärts in einen autokratischen Feudalismus, denn auch wenn offiziell Bürgerrechte und die Errungenschaften der französischen Revolution Bestand hatten, stand diese Handlung entgegen der Absicht, fürderhin demokratische Prozesse weiter zu beleben. Seine auf einem Plebiszit und von einem populistischen Regierungsstil getragene Herrschaft verlieh ihm schließlich eine Machtfülle im Umgang mit dem Staat und dessen Gesetzen, die wir auch heute wieder erleben, denn Johnson, Trump und Erdogan kamen letztendlich auch durch fragwürdige Plebiszite und populistische Versprechungen an die Macht. Die Geschichte zeigt aber, dass diese Phasen autokratischer Machtfülle letztendlich in den häufigsten Fällen an der Frage der Nachfolgeregelung scheitern. 1870 war es dann vorbei mit der egomanen Herrlichkeit des Kaiserspielens, denn im Zuge der Spanischen Erbfolge wurde der Französisch -Deutschpreußische Krieg ausgelöst, der mit der Niederlage der französischen Truppen und der Gefangenschaft Napoleons III bei Sedan dessen unrühmliches Ende fand. Nach den Waffenstillstands und -Friedensverhandlungen verlor Frankreich Elsass-Lothringen und spielte lange Jahre keine Rolle mehr im Konzert des europäischen Machtgeplänkels. Bismarcks kluger Schachzug mit der „Emser Depesche“ gab den Preußen die Gelegenheit, Frankreich in dem darauf folgenden Krieg zu demütigen. Die Kriegserklärung Napoleons III entsprang einem nationalistischen Hurrapatriotismus und nach den ersten Kriegshandlungen gegen den Norddeutschen Bund, die das französische Heer unternahm, zeigte sich, dass die „Grande Nation“ hoffnungslos unterlegen war. Zudem ging in Paris die Kommune in eine offene Straßenschlacht mit Polizei und Militär, weil sie das autokratische Joch abschütteln wollten.
Die Niederlage Frankreichs führte schleichend zu der französisch-deutschen Erbfeindschaft, die sich dann im 1. Weltkrieg entladen sollte. Nach den napoleonischen Zeiten wurde in Frankreich wieder eine bürgerlich kapitalistische Regierungszeit installiert, deren wichtigster Pfeiler und ordnende regulatorische Macht die Hochfinanz darstellte. Aber im Herzen der französischen Bevölkerung, befeuert von vielen nationalistischen Reaktionären, wurden die Rachegelüste für die Schmach von Sedan immer auf dem Siedepunkt gehalten.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts schwelgte überall die Belle Epoque, deren architektonische Zeugen zwischen den englischen Seebädern, Deauville, Biarritz, Capri entstanden. Auch Nizza reihte sich ein und mit der Promenade des Anglais wie den vielen palastartigen Hotels und Herrschaftshäusern begann eine neue Blütezeit der Stadt. Viele dieser außergewöhnlichen Bauten entlang der Küsten stehen heute noch und zeugen von dem Reichtum, der in dieser Periode des Kapitalismus entstanden ist. Nur in den preußisch besetzten Gebieten wie Metz oder Nancy, wo unter den Preußen eine militärisch gefärbte Monumentalarchitektur mit protestantischer Sprödigkeit entstand, wurde ein anachronistisch anmutender Gegenentwurf zu dem ästhetisch (bis kitschig) verspielten Schöpfungen des Jugendstils und des Art Deko im Fin de Siecle geschaffen. Im Süden, an den Küsten des Mittelmeeres erlebte dieser verschwenderisch erscheinende Stil der spielerischen Formgebungen, verschnörkelten Fantastereien mit viel Glas und Schmiedekunst eine wahre Glanzzeit.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann das, was die gesamte Côte d´Azur zu einem Magneten für wohlhabende Erholungssuchende, gut betuchte Müßiggänger und vor allem touristische Strandschwärmer gemacht hat. In Nizza ließ 1849 ein englischer Pfarrer die Uferpromenade für die überwinternden Briten anlegen, die als „Promenade Anglais“ mehreren Generationen sonnensuchender Nordmenschen eine Menge Freude bereitet hat. Der Pfarrer bezahlte den Bau mit den Einnahmen aus der Kirchenkollekte, wie es kolportiert wird.
Der eigentlich Tourismusboom begann ab 1850, als die Eisenbahnstrecke durch die Berge und Täler erbaut wurde. Zunächst kamen abenteuerlustige reiche Briten, Künstler, Schriftsteller und viele, die sich von TBC und anderen Haut-, Herz-oder Lungenerkrankungen Heilung versprachen. Die
Bewohner sorgten für Unterkünfte und die reichen Bürger und Adligen kauften Grund und Boden, um überall entlang der Küste Chalets, Villen und andere Feriendomizile zu bauen. Mit dem Tourismus entstanden Arbeitsplätze in den vielen Hotels, Pensionen, Sanatorien und einer aufstrebenden Gastronomiebranche. Der sich ausbreitende Tourismus verlangte mehr und mehr Personal, um die Wünsche der Gäste zufriedenstellen zu können. Die ohnehin landwirtschaftlich reiche Gegend, von der Sonne verwöhnt, vergrößerte ihre Anbauflächen und spezialisierte sich Produkte, die besonders begehrt waren, während die Seefischerei neuen Aufschwung erlebte, bis Mitte des zwanzigsten Jahrhundert die Hochseefischerei überall industrialisiert wurde. Der Aufschwung wurde durch eine mittelständische Industrialisierung in Handwerk und Manufakturen begleitet, die im 20. Jahrhundert zunehmend italienische Gastarbeiter anzog, die sich überwiegend in Nizza in den Vierteln Riquier und Madeleine niederließen. 

Neben unserem Parkhaus befindet sich das große Kongress- und Veranstaltungszentrum „Akropolis“, ein lang gestreckter Betonriegel, der von außen zunächst nichtssagend aussieht, bis man an der Frontseite den Schriftzug „ACROPOLIS“ entdeckt. Gleich nebenan an, wenn man die Straße überquert hat, ragt der „Quaderkopf“ des Architekten Sascha Sosno empor (auf einem Flachbau erhebt sich ein Hals bis zum Kinn als Sockel für einen darüber gesetzten begehbaren Quaderbau). Keine hundert Meter weiter erhebt sich das MAMAC, das zeitgenössische Museum und das Stadttheater über die Dächer der Stadt. Das Bauwerk, zwei 20-30 Meter hohe weiße Kuben, von denen jeweils zwei der rechten Winkel kantig gegenüber stehen. Dazwischen eröffnet sich ein großer Innenhof. Auf den Dächern, die man rundherum einen begehen kann, genießen wir einen weiten, überwältigenden Blick über Stadt, Meer und Gebirge. Die Architekten Yves Bayard und Henri Vidal erbauten das MAMAC 1990 und schufen in dem ersten Kubus eine 4500 qm große Ausstellungsfläche, während in dem zweiten Kubus das Stadttheater residiert.

Natürlich gehen wir zunächst ins Museum, aber wie so oft in Europa zeigt sich die permanente Ausstellung als Wiedergänger so vieler Ausstellungen in so vielen Museen, die wir schon besucht haben: Exponate von Robert Rauschenberg, Andy Warhol, Robert Indiana, Yves Klein, Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Tom Wesselmann, Claes Oldenburg, James Rosenquist, Roy Lichtenstein, Jim Dine und eine Sonderausstellung des Schweden Lars Frederikson, der in Südfrankreich in St. Saturnin d´Apt gelebt hat. Alles wie gehabt, alles schon gesehen. Man klebt an der klassischen Moderne als gäbe es keine Weiterentwicklung

Nachdem wir dieses prominent aus den rundum roten Ziegeldächern herausragende moderne Bauwerk verlassen hatten, schlenderten wir über die Promenade du Paillon in Richtung Beau Rivage und Promenade des Anglais. Das ehemalige Flussbett des Paillon, das in einem Tunnelschacht verschwunden ist, wird von den beiden Boulevards Jean Jaures und Avenue Felix Faure flankiert. Was einstmals Fluss war ist nun eine breite, begrünte Fußgängerzone mit vielen Palmen, Skulpturen, Wasserspielen, einem Riesenrad, zahlreichen Bänken, Kinderspielplätzen und allem, was dem Bewegungsdrang des Menschen zu Gute kommt. Die Promenade Paillon endet an der sieben Kilometer langen Promenade des Anglais, die wiederum bis in die Nähe des Flughafens reicht, der unmittelbar parallel zum Strand erbaut wurde. An diesem Tag ist es besonders schön, an der Promenade entlang zu flanieren, weil der sonnige Tag mit 18 Grad Frühlingsgefühle weckt und zahlreiche Menschen ans Meer gezogen hat. Nach ca. 2,5 km erreichen wir das Hotel Negrescu, dessen blassrote Kuppel, von Gustave Eiffel konstruiert, weit über die anderen Gebäude ragt. Darunter steht in großen Leuchtbuchstaben der Name HOTEL NEGRESCO.
Das Negresco wurde 1913 eröffnet und ist nach dem Erbauer dem rumänischen Geschäftsmann Henri Negrescu benannt und verfügt über 117 Zimmer und 23 Suiten. Das Hotel der höchsten Luxusklasse wurde durch Film und High Society weltweit bekannt, dort wurden über 20 Filme gedreht, am bekanntesten ist „ Über den Dächern von Nizza“ mit Cary Grant und Grace Kelly. 1967 drehte der deutsche Klaus Lemke „Negresco“ mit Ira von Fürstenberg, Gerard Blain und Paul Hubschmid. Das Hotel beherbergt neben den Schönen, Reichen und denjenigen, die sich gerne mit prominenten Namen schmücken viele einzigartige Kostbarkeiten aus den Möbel-, Accessoir- und Kunstkollektionen der letzten Jahrhunderte, die für den Normalverdiener immer unerreichbar sein werden, sofern er nicht über die Dächer der Stadt in die Nobelherberge unerlaubt eindringt. Die Pracht des Zurschaustellung von Reichtum birgt auch immer den Haut Gout der Arroganz und der Exklusion. Ab 200 Euro ist der verwöhnte Gast dabei und die Grenzen nach oben waren nach 800 Euro nicht mehr zu eruieren.
Besondere Aufmerksamkeit genießt eine 3m hohe Skulptur von Niki de Saint Phalle, der 5 m hohe und aus 16800 Teile Einzelglasstücken zusammengesetzte Baccara-Lüster und ein 375 qm großer Teppich, der als größter der Welt gilt. Dementsprechend kann sich jeder vorstellen oder ausmalen, wie die einzelnen Zimmer und Suiten ausgestattet sind. Kaiser, Zaren, Könige, Staatsmänner, Öl- und Filmmogule, Finanzjongleure, altes und neues Geld gaben und geben sich hier im ein Stelldichein. In den Fluren hängen große Porträtmalereien des Zaren Nikolaus, der Königin Viktoria von England, Napoleon und einigen anderen Fürsten oder hochrangigen Militärs

Sculptur Bernard Venet

Gleich nebenan steht die Villa Masséna, Prunkvilla des napoleonischen Marschalls Masséna, die inzwischen für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Auch hier geben Luxus, Pracht und Pomp den Ton an, der im 19. Jahrhundert und in der Belle Epoque unter den Superreichen Normalität darstellte. Weil ich dialektisch denke, ringt mir der Anblick der Salons und Säle kein Staunen ab, weiß ich doch, dass diese Art der Innenarchitektur überall auf der Welt des Mammons zu finden ist, denn diese Lebensart spiegelt eine Klassengesellschaft wider, die ihren Reichtum nicht mit eigenen Händen geschaffen hat. Wie viele Kunstschmiede, Möbelschreiner, Installateure, Stuckateure, Maurer, Glasbläser oder Marmorplattenverleger hier das geschaffen haben, das anschließend nur wenigen Menschen zugänglich gemacht wurde. Im oberen Stockwerk präsentierte sich eine Ausstellung über Geschichte und Geschichten des Zirkus. Plakate, Einladungen, Kostüme, Fotos, Gemälde und Modelle aus der Welt der Clowns, Artisten, Jongleure und Dompteure gaben einen farbenprächtigen Überblick dieses Metiers, früher auch bisweilen Wandermenagerien genannt. 

Zurück auf der Promenade des Anglais erinnert die 30 Meter hohe Stahlskulptur von Bernard Venet seit 2014 an den 150 Jahrestag der Annexion der Grafschaft von Nizza. Ganz in der Nähe der Villa Masséna wird mit einem Memorial den Opfern des Terroranschlages am 14. Juli 2016 gedacht. Wir erinnern uns: Ein Lastwagen fuhr mit hoher Geschwindigkeit in die Menschenmenge, die den Nationalfeiertag am 14. Juli miterleben wollte, bei diesem Terroranschlag starben 86 Menschen.

Nizza ist mit ca. 343tausend Einwohnern die nach Marseille zweitgrößte Stadt der provenzalischen Region PACA und fünftgrößte Metropole Frankreichs. 

Da wir nicht alles sehen konnten, was Nizza so besonders macht, zähle ich auf, was wir verpasst haben, aber was absolut sehenswert sein kann. Außer den erwähnten Museen gibt es das Matisse-Museum, jenes Impressionisten, der den Übergang zu den darauf folgenden Stilen eindrucksvoll schaffte, das Musée Chagall und das Musée des Beaux Arts mit vielen Exponaten des bekannten Plakatkünstlers Jules Cheret, der in Nizza geboren wurde. Außerdem muss die Russisch-Orthodoxe Kirche Saint-Nicolas erwähnt werden, die Zeugnis ablegt, wie viele russischen Adligen vor und nach der russischen Revolution Nizza als Refugium gedient hat. In der Nähe des Flughafens am westlichen Ende der Promenade baute der japanische Architekt Kenzo Tange 1987 im Auftrag das Musée des Arts Asiatiques. Am östlichen Ende erhebt sich der kleine Hügel Colline de Chateau, der „Burgberg“ über die Küste. Auf dem einstmals strategisch günstig gelegene Hügel am Meer wurden zwar nur noch Überreste der Festung und der Kathedrale gefunden, ansonsten sollte der fantastische Blick über die Altstadt von Nizza und über das Meer einen Spaziergang wert sein.

Nice Sophia Antipolis (UNS) heißt die Universität, die1965 als multidisziplinäre Hochschule gegründet wurde, deren Hauptcampus im Stadtteil Valrose liegt, aber deren Fakultäten über die gesamte Stadt verstreut sind. Weitere Standorte im Départment Alpes-Maritimes befinden sich beispielsweise  in Villefranche-sur-Mer, Antibes, Vallauris, Valbonne, Villeneuve Loubet und Biot 

Im Department wie im ganzen Land wird mit Stolz auf diese Universität geblickt, weil man das System und die Strukturen dieser modernen Uni mit der Silicon Valley zu vergleichen versucht. Das basiert auf der Tatsache, dass sich Unternehmen der Spitzentechnologie aus den Gebieten Telekommunikation, Informationstechnik, Medizin und Biotechnologie bei der Hochschule angesiedelt haben. 26.000 Studenten sind an der UNS eingeschrieben. Weiterhin ist der Blumenkorso an Karneval jedes Jahr eines der Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens der Stadt. 

Inzwischen hatte mich der Schmerz in Knie und Schienbein wieder eingeholt und wir beschlossen, langsam zum Auto zu zurückzugehen, um wieder heim zu fahren. Die Sonne bewegte sich schon auf die Schattengrenze des Horizontes zu und es war Zeit vor der hereinbrechenden Dunkelheit wieder zuhause zu sein.