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Palermo, es gibt ein Wiedersehen

Nachdem ich einen Tag lang geschlafen habe, offensichtlich war der abrupte Wechsel vom warmen und immer mit Wind eingehülltem Seeklima des Mittelmeeres zum Landklima der rheinischen Bucht mit seiner Schwüle zu extrem, so dass ich permanent völlig müde und abgeschlagen war. Inzwischen fühle ich mich wieder sehr viel besser und bin auch diesem Deutschland mit all seinen Seehofers, Merkels, Matusseks, Gaulands und Löws wieder gewachsen (schließlich gibt es auch neben vielen anderen noch die Welzers, Habecks, Petzolds oder Kermanis) und will zum Abschluss unserer Sizilienreise von den letzten Tagen berichten. 

Am Samstag Nachmittag haben wir die letzte Gruppe verabschiedet und ich habe im Cantieri Culturali noch einmal meinen Exkurs über die Geschichte und die Phänomenologie der Mafia in einem schönen Auditorium der Restauration dieses einzigartigen Kulturzentrums vortragen dürfen. 

Abends sind wir essen gegangen, weil ich absolut keine Lust hatte, zu kochen. In unserem Viertel hatte ich ein entsprechendes Restaurant ausgesucht, als wir aber vor der Tür standen und den anwesenden Kellner fragten, mussten wir wieder einmal einsehen, dass die meisten Lokale in Parlermo erst um 19-20 Uhr öffnen. Gleich um die Ecke gab aber es das Restaurant Spillo Birrothek, versteckt in einer winkligen Gasse. Als wir fragten, wurde die Küche gerade geöffnet. Erstaunlicherweise standen auf der Speisekarte sehr viele Biere, deshalb der Begriff Birrothek, unter anderem sämtliche belgischen Trappistenbiere, sogar Westvleteren war dabei, zum für Sizilien adäquaten Preis von 19 Euro. Das Essen auf der Speisekarte war nicht umwerfend, aber da wir keine Lust hatten, noch einmal in die Stadt zu gehen, blieben wir, aßen und am Schluss trank ich noch ein kleines Chimay. 

Am nächsten Tag, Sonntag, wussten wir erst nicht, was wir machen sollten und ich kam auf die Idee, nach Ballestrate zu fahren, einem Badeort bei Castellammare del Golfo, ca. 60 km von Palermo entfernt. Im Internet hatte ich eine Zugverbindung herausgesucht und um 10:00 Uhr sind wir zum Bahnhof geeilt, um den Zug noch zu bekommen. Nun fuhr der Zug leider nicht, aber ein Busersatzverkehr überbrückte die Hälfte der Strecke, so dass wir dann wieder in einen Zug steigen konnten, der uns nach Ballestrate brachte. Die Busfahrt erwies sich als Stop and Go-Tour, denn dieser Bus fuhr alle Orte an, die in der Nähe der Bahnhöfe waren, an denen der Zug ansonsten gehalten hätte. Und es war Sonntag und halb Palermo war auf den vier Rädern, um irgendwie aus der Stadt heraus zu kommen. Der Bus musste über die kleinen Straßen durch sämtliche westlichen Viertel fahren und an zwei Gabelungen entstanden lange und zeitfressende Staus. Nach einundeinhalb Stunden gelangten wir zu dem angekündigten Bahnhof, der Zug wartete schon und wir fuhren an der opulent mit Zypressen, Pinien, Olivenbäumen und Obstplantagen bewachsenen Küste entlang, bis der Zug an einem kleinen Bahnhof oberhalb eines langen Strandes anhielt. Ballestrate. Nachdem wir ausgestiegen waren, stellten wir fest, dass wir in einem Niemandsland gestrandet waren, denn hier fuhr sonntags weder Bus noch Zug und der Ort schien in der Mittagshitze völlig verlassen zu sein. Nachdem wir einen kleinen Imbiss gefunden hatten, fragte ich noch einmal die Bedienung nach Möglichkeiten, am Nachmittag wieder nach Palermo zu kommen. Aber neben Ratlosigkeit entstanden Kommunikationsprobleme und die Kommunikationsproblemen führten zu Ergebnislosigkeit, die wiederum einem inneren “Quo vadis” führten. Letztendlich beschlossen wir, zunächst an den Strand zu gehen, um uns ein wenig abzukühlen. Der Strand erwies sich auch nicht als so ideal wie ich es mir beim Anschauen mit google maps vorgestellt hatte, denn es gab keinen Schatten und der Sand war so heiß wie glühende Kohlen, so empfand ich es wenigstens, als ich mit nackten Füßen darüber lief. Im Wasser selbst war es wunderbar, nur der Untergrund war sehr steinig, es gab viel Plankton und die Verschmutzung war nicht sichtbar, aber garantiert vorhanden. Es tummelten sich  auch sehr viele Menschen an diesem schmalen Streifen zwischen Wasser, Straße und Schienen, so daß hinter den kleinen anlandenden Wellen auf einen Streifen von mehreren Metern alles vereinnahmt war. Alle lagen unter Sonnenschirmen, hatten Essen und Trinken dabei und wir saßen da mit fast nichts auf einem kleinem Badetuch und die Sonne hatte darüberhinaus kein Erbarmen mit uns. Aus- und Ankleiden erwies sich als akrobatischer Akt, weil ich zu allem Überfluss meine hohen Sneaker angezogen hatte – und Socken dazu. Nach einer Weile bemerkte ich, dass unglaublich viele Russen oder Ukrainer dort waren und als wir später in einem kleinem Strandcafé saßen, kam der Besitzer, der gut deutsch sprach und offensichtlich 23 Jahre in Weißenburg in Bayern gelebt hatte, zu uns und erzählte, dass die gesamte Küste bei Ukrainern sehr bleibt war, weil man die Krim nach der Annexion nicht mehr betreten konnte oder wollte. Wir sprachen auch über die Möglichkeit, nach Palermo zurückzukommen und der Mann meinte nur, dass es an diesem Tag wahrscheinlich erst spät am Abend einen Zug geben würde, der wiederum nicht ganz bis Palermo fahren würde. Er schlug uns vor, ein Taxi zu nehmen und bis Punta Raisi, also dem Flughafen Falcone-Borsellino, zu fahren, was nicht mehr als 30 Euro kosten würde. Von dort aus kam man immer mit dem Shuttlebus bis nach Palermo. Er bestellte ein Taxi, das nach ca. fünfzehn Minuten kam. Der Fahrer bot an, uns bis Palermo zu bringen, was bei ihm 50 Euro kosten würde, so würden wir viel Wartezeit und das Geld für die Bustickets am Flughafen sparen. Wir überlegten nicht lange und er bot uns eine sehr schöne Autofahrt durch die Provinz über Landstraßen und die südlichen Berge bei Palermo mit spektakulären Ausblicken auf das Meer und die Stadt. Wir fuhren an Montelepre vorbei, wo der mafiöse Bandit Salvatore Giuliano gelebt hatte, ließen Monreale und das Flußtal des Orete unter uns liegen und kreuzten bei Altofonte, das wie aneinandergeklebte Adlerhorste an einem Steilhang verankert war die Autobahn und fuhren auf die Schnellstraße von Mazara nach Palermo. Am Normannenpalast stiegen wir aus und gingen nach Hause, froh diese Tour gut überstanden zu haben. Obgleich gerade die Unwägbarkeiten und scheinbar widrigen Umstände den Tag doch noch zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließen. 

Am Montag bin ich in der Wohnung geblieben und habe an meinem Manuskript weitergeschrieben, während Eva noch einmal in der Stadt war. Leider mussten wir am Dienstag Morgen die Wohnung räumen und trieben uns in Palermo herum, nachdem wir die Koffer am Bahnhof in einer Gepäckaufbewahrung abgegeben hatten. Nach einem Abstecher ins Konsumparadies bei Roccella und einem wunderbaren letzten Spaghetti-Vongole-Genuss in einer kleinen Trattoria in Bahnhofsnähe fuhren wir mit dem Shuttlebus zum Flughafen. Dort trafen wir noch ein Ehepaar aus der letzten Gruppe und überstanden die Wartezeit bis 20 Uhr relativ problemlos, plaudernd in kurzweiligen Gesprächen.

Im Sonnenuntergang sind wir gestartet und nach einem ruhigen Flug um 23 Uhr in Köln angekommen. Ich bin hier, im Kopf aber noch in den südlichen Gestaden und werde die Erlebnisse und die fast viertausend Fotos, die ich geschossen habe, nun peu a peu zu neuen Bildern verarbeiten.