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Die Macht der Lobbyisten

Bei arte anschauen: ab 13.6.2019

Macht gehört zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen. Gewalt jedoch nicht. Gewalt ist ihrer Natur nach instrumental; wie alle Mittel und Werkzeuge bedarf sie immer eines Zwecks, der sie dirigiert und ihren Gebrauch rechtfertigt. Der Zweck des Krieges ist der Friede; aber auf die Frage: „Und was ist der Zweck des Friedens?“ gibt es keine Antwort. Friede ist etwas Absolutes. Ein solches Absolutes ist auch die Macht; sie ist ein Selbstzweck.

Hannah Arendt, Macht und Gewalt

Der Titel „Giftige Saat“ irritiert, denn auch wenn Saatgut chemisch behandelt oder gentechnisch erzeugt wird, geht es in dem Film „Giftige Saat“ (ab 13.6.2019 bei arte) um das flächenfüllende Spritzen des schon ausgesäten und wachsenden Saatgutes mit Pestiziden. Im Originaltitel bezieht sich die spannende und blendend inszenierte Miniserie des französische Regisseurs Xavier de Lestrade auf die ineinander verkettete politische und ökonomische Wirkungsweise zwischen Landwirtschaft, Chemiekonzernen, Medien, Politikern, Lobbyisten und letztlich den Konsumenten. „Jeux d`Influences“

Der Landwirt Michel Villeneuve bewirtschaftet einen mittelgroßen Hof im Norden Frankreichs und setzt wie fast alle Bauern für die erfolgreiche Bewirtschaftung seiner intensiv genutzten Ackerflächen Pestizide ein. Etwas anderes ist in der Agrarökonomie nach den Gesetzen der Marktwirtschaft ohnehin kaum noch möglich, weil Bauern durch EU-Gesetze, Intensivanbau, Klimawandel und die Macht der Supermarktketten wie auch durch Sorglosigkeit und den Überlebenskampf im Wettbewerb in eine Art ausweglose Situation gezwungen werden.

Seit Bayer Monsanto gekauft hat, wissen wir, dass mit dem Einsatz von Glyphosat, eines der gefährlichsten Gifte in unserer Nahrungsmittelproduktion, Getreide, Früchte und Gemüse verseucht werden und darüber hinaus das Leben vieler Menschen, nicht nur der Konsumenten, sondern auch der damit arbeitenden Bauern hochgradig gefährdet. Auf Kosten der Gesundheit ganzer Gesellschaften, mehr noch der globalen Ernährungsökonomie wird die landwirtschaftliche Ausbeutung der Erde von einigen Chemiegiganten wie Monsanto, Syngenta, Bayer, Dow Chemical, DuPont, BASF oder ChemChina skrupellos mit nahezu krimineller Energie beherrscht und vorangetrieben.

Als Michel seinen Traktor besteigen will, dessen Tanks der Sprühmaschine er vorher mit Chemieflüssigkeit gefüllt hatte, versagen ihm die Kräfte und er bricht ohnmächtig zusammen. Später im Krankenhaus wird Leukämie diagnostiziert und die Ärzte ziehen in Betracht, dass die Pestizide Ursache für seine Krebserkrankung sein könnten, legen sich aber aus Eigenschutz nicht fest. Offensichtlich sind in der Gegend schon einige Landwirte plötzlich erkrankt und gestorben und auch in der Bevölkerung treten immer wieder Fehlgeburten, Allergien und lebensbedrohliche Krankheiten auf. Michel´s Freund Guillaume Delpierre, ein Deputierter der Volkskammer in Paris, der ihn im Hospital besucht, bekräftigt vor Empörung, dass unbedingt ein Verbot dieser Pestizide beschlossen werden muss und rät dem Bauern, die Verursacherfirma zu verklagen.

Die Journalistin Claire Lansel, eine exzellente Insidekennerin der französischen Politikszene, wird nachts um 2 Uhr von einem irritierenden Telefonanruf geweckt, bei dem der bekannte Besitzer einer Beratungsagentur Matthieu Bowman ihr den Vorschlag unterbreitet, so schnell wie möglich in seiner Unternehmensberatungsfirma mitzuarbeiten. Am nächsten Tag treffen sich die beiden und es wird klar, dass der Beratungsanwalt ein einflussreicher Lobbyist für einen mächtigen Chemiekonzern ist. Ein sehr großzügiges Gehalt plus Boni wischen bei Claire alle Bedenken beiseite und sie übernimmt den Job als persönliche Assistentin der Geschäftsleitung.

Der Deputierte Delpierre und sein Assistent Romain verhandeln im Büro der Fraktionsvorsitzenden über den Posten eines neuen landwirtschaftlichen Referenten innerhalb der Regierung, wobei sich Delpierre Hoffnungen auf eine Nominierung macht. Die Chancen stehen zwar nicht besonders gut, aber durch eine taktische Kommunikationbeeinflussung des Assistenten wird er dennoch einstimmig gewählt.

Der Marketingmanager Didier Forrest sitzt mit seiner Tochter Chloé im Fond seines Autos und sie proben miteinander eine bevorstehende Präsentation in der Firmenleitung des Chemiekonzerns durch, bei dem Didier angestellt ist. Offensichtlich aus Angst vor dem eigenen Versagen ist er sehr nervös, wird aber von seiner Tochter ermutigt und rhetorisch vorbereitet. Beide scheint eine sehr enge symbiotische Beziehung der Zuneigung und des gegenseitigen Verstehens zu vereinen. Nach dem eher misslungenen Vortrag wird klar, dass sich Forrest und sein Chef, mit dem er befreundet ist, schon lange in einer heftigen Konfliktsituation befindet. Am Ende der ersten Folge wird nach einer nächtlichen Reise zu einem geheimen Treffpunkt in Middelkerke die Leiche des Marketingmanagers aus der Seine gefischt. Mehr kann ich nicht verraten, weil man die gesamte Geschichte sehen muss, um zu verstehen, wie Menschen durch äußere Einflüsse in Gewissensnot, Angstzustände, Hilflosigkeit oder Schuldgefühle geraten können, aber auch wie  Zynismus, Brutalität und Misanthropie entsteht und im Business wie in der Politik eingesetzt wird.

Allmählich verdichten sich die Hinweise, dass alle Fäden beim Agrochemiekonzern SASKIA und dessen Vorstandsvorsitzender Andrew Percy wie dem Lobbyisten Bowman zusammenlaufen. Involviert sind aber auch dessen neue Mitarbeiterin Claire, der Politiker Delpierre, der Marketingchef Forrest, der Landwirt Villeneuve und deren Familien. Das große Unternehmen vertreibt das hochgiftige und Krebs erzeugende Pestizid LYMITROL.
Es geht um Betrug, Fälschung, Korruption und politische Einflussnahme seitens des Konzernführung und der skrupellos agierenden Beraterfimra und um den nahezu unmöglichen Kampf des geschädigten Opfers Villeneuve wie dessen Mitstreitern aus den (un)mittelbar betroffenen Familien Forrest und Delpierre. Im Laufe der sechs Folgen wird durch mehrere Erzählstränge eine miteinander verwobenen Handlung verdeutlicht, dass die aktuelle, industriell durchgeführte Lebensmittelproduktion durch zügellosen Lobbyismus, politische Intrigen, Erpressung, physische wie psychische Bedrohungen, Macht und Einflussnahme mit allen Mitteln geprägt sind. Es geht um Geld und um Gier, um Macht und Gewalt, aber auch um Gradlinigkeit, Standhaftigkeit, Solidarität und Mut.

Das Drama um die einzelnen Schicksale der Protagonisten und der Kampf um Gerechtigkeit und Wahrheit bewegt sich meines Erachtens sehr nahe an der Wirklichkeit politischer Strukturen und gesellschaftlicher Zustände wie deren Entwicklung in einem System, das man als Marktwirtschaft im Kapitalismus bezeichnen kann oder zwangsläufig unter die Schwächen der Demokratie, der Justiz und des Parlamentarismus einordnet.

Eine Serie bleibt eine Serie und sechs Stunden bleiben sechs Stunden, aber im Vergleich zu anderen Serien, die zeitlich ausufernder oder gar in mehreren Staffeln gedreht werden, kann man sich alle Folgen von Jeux d´Influences tatsächlich wie einen überlangen Spielfilm anschauen.

Der Spannungsbogen mit überraschenden Wendungen, die exzellenten Darsteller und die sich verquickenden Erzählstränge erlauben mühelos einen derartigen TV-Marathon. Der Regisseur beschränkte sich auf wenige Schnittszenen und die Kamera blieb immer dicht an den Darstellern, deren stärkste Szenen in den Dialogen der handelnden Personen liegt. Außerdem gibt es keine zahlenmäßige Überfrachtung der wichtigsten Protagonisten und jeder einzelne Schauspieler ist in seinem Auftritt, seiner ihm gewidmeten Sequenz der Hauptdarsteller, so dass eine angenehme Parität im Ensemble entsteht. Hin und wieder gelingen berührende kammerspielartige Glanzpunkte wie in einer Szene, als Vater und Tochter nebeneinander sitzend einen Pop-Song interpretierten, den sie vorher als Diebstahl aus einem Beethovenkonzert entlarvt hatten. Aber auch die Begegnung zwischen der sich als tough darstellenden Claire mit dem präpotenten und zynischen Lobbyisten Bowman zeigt deutlich, wie Macht ausgeübt wird und wie man ihr entgegentreten kann. Das Ende lässt vieles offen, aber so, dass der Zuschauer versteht, wie Realpolitik oder Politik als Machtausübung funktioniert und wie die einzelnen Menschen, die in dieses Räderwerk  geraten, zerrieben werden können. Es gibt kleine Erfolge und ernüchternde Wahrheiten, desillusionierende Enttäuschungen und immer eine kleine Hoffnung, dass die verlogene und vernichtungswillige Kumpanei zwischen den Mächtigen und deren Helfershelfern nicht alles unter sich erdrückt.

Nachdem ich dieses „Binge-Watching“ hinter mir hatte, dachte ich an all die Klassiker aus dem Genre politisch konnotierter Filme, die ich gesehen hatte, und auch wenn diese Serie lediglich Fernsehunterhaltung war, brauchte sich dieses filmische Werk nicht zu verstecken. Die Intensität und Komplexität der gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge können auch in einer Serie sehr eindringlich erzählt werden, wie es schon in dänischen oder neuseeländischen Produktionen vorexerziert wurde. Auch wenn alles fiktiv ist, kann man sich sehr gut vorstellen, dass diese zustände in der Wirklichkeit kaum anders aussehen.

„Wer die Saat hat, hat das Sagen“, lautet ein Bonmot. Wer sich genetisches Material über Patente sichert, erhält perspektivisch die Kontrolle über das Saatgut und damit über die Landwirtschaft sowie über die nachgelagerte Lebensmittelerzeugung – und am Ende über die Welternährung.

Aus der ZEIT

Macht gehört zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen. Gewalt jedoch nicht. Gewalt ist ihrer Natur nach instrumental; wie alle Mittel und Werkzeuge bedarf sie immer eines Zwecks, der sie dirigiert und ihren Gebrauch rechtfertigt. Der Zweck des Krieges ist der Friede; aber auf die Frage: „Und was ist der Zweck des Friedens?“ gibt es keine Antwort. Friede ist etwas Absolutes. Ein solches Absolutes ist auch die Macht; sie ist ein Selbstzweck.

Hannah Arendt, Macht und Gewalt

Inzwischen gibt es 11.2000 Kläger, die Bayer wegen der gesundheitlicher Auswirkungen von Roundup und Ranger Pro verklagen, den Unkrautbekämpfern auf Glyphosat-Basis. Die von AI angetriebenen Unkrautjäger könnten bald den Bedarf an Herbiziden und gentechnisch veränderten Pflanzen verhindern.

Dass die Belastung durch Pestizide mit Unfruchtbarkeit, Geburtsschäden und sogar mit Krebs in Verbindung gebracht wird, verschweigen Konzerne wie Bayer, der erst 2018 Monsanto gekauft hatte.

Zitate aus dem Netz webfrauen.de, ZEIT online

Welche Macht diese Konzerne haben, sehen Sie daran, dass das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, deren Zulassung durch Zeitablauf endete, verlängerte. Warum heißt dann dieses Bundesamt überhaupt Verbraucherschutz, wenn doch der Verbraucher überhaupt nicht im Mittelpunkt steht?

Schätzungsweise werden rund 30 Prozent der in Deutschland ausgebrachten Pestizide illegal importiert. Landwirte mit Internetanschluss müssen dafür nicht mehr nachts verbotene Pflanzenschutzmittel über die Grenze schmuggeln. Sie können nahezu alle Wirkstoffe bei Händlern für landwirtschaftliches Zubehör online bestellen. Zwar sind die Anbieter verpflichtet, auf den Zulassungsstatus in den verschiedenen Ländern hinzuweisen. Dies unterlassen sie jedoch meist und unterlaufen auch dadurch die gesetzlichen Bestimmungen. Manche Händler machen mitunter darauf aufmerksam, wenn georderte Substanzen in Deutschland nicht erlaubt sind, schlagen dann aber vor, die Ware an eine zu benennende Adresse im nahen Ausland zu schicken. Geht der Landwirt darauf ein, macht er sich vor allem selbst strafbar.

Dazu gehört, dass Pestizide keine EU-Zulassung erhalten, bevor nicht ihre Unbedenklichkeit nachgewiesen ist, wenn sie also weder krebserregend sind noch die Fortpflanzung beeinträchtigen, Embryonen oder das Hormonsystem schädigen. Vermutlich wird Bayer auch die Zulassungs- und Kennzeichnungspflicht von Gentech-Pflanzen als Wachstums- und Handelshemmnis stärker angreifen.

In Deutschland werden jährlich 46.000 Tonnen Pestizide versprüht. (SZ)

W.N. Arles, 10. Juni 2019