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Von den Wellen über den Strand in die Berge
Nachdenken über das Mittelmeer

Mer au soir

Jeder der Urlaub, Ferien oder Auszeiten an den Küsten dieser Erde erlebt oder erleben will und das trifft für uns in Europa insbesondere auf das Mittelmeer und den westlichen Atlantik zwischen der Normandie und der Algarve zu, muss sich auch darüber klar sein, dass er sich aktiv am Klimawandel und der Zerstörung und Ausbeutung tausender Kilometer Küste beteiligt. Klingt wie eine steile These, entspricht aber den Fakten, die von der Wissenschaft empirisch herausgefiltert wurden. Die Sehnsucht nach Meer, Strand und Palmen, diese für viele so lebenswichtige Osmose zwischen Körper, Geist und Seele, ist seit Jahrhunderten in unser DNA gespeichert und treibt gerade Menschen in den klimatisch benachteiligten Zonen immer dahin, wo man sich Wärme, Sonne und die natürliche Schönheit einer einzigartigen Landschaft verspricht. Die Völkerwanderungen durch ganz Europa und Vorderasiens zeugen davon, dass schon vor mehr als 1500 Jahren viele Stämme oder Völker das warme Klima und die von der Sonne bevorteilten Länder des Südens suchten und sich dort niederließen. (Ostgoten, Westgoten, Normannen)

All diese so unterschiedlich geformten Landschaften, in Urzeiten durch gewaltige geomorpholologische Prozesse entstanden, wurden seit dem späten 18. und vor allem dem 19. und 20. Jahrhundert mehr und mehr als Tourismusziele durch Wohlhabende für Wohlhabende entdeckt. Wo einst Dörfer und Städte eher unter bescheidenen Verhältnissen ihr Dasein fristen mussten, entwickelte sich allmählich die Form der Kurzzeitvermietung, die nach und nach in organisierte und profitable Formen der Gastbewirtungen übergingen. Die Standards der neu entstandenen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen wurden den Verhältnissen angepasst, das Land wurde domestiziert und nach den Vorstellungen der Feriengäste entsprechend „zivilisiert“. Aus einem einfachen Zimmer in einem Fischer- oder Bauernhaus wurden nach und nach zwei oder mehr und schließlich entstanden überall Gästehäuser, Pensionen und Hotels. Mit dem Beginn der Freizeitgesellschaft in den großen Industriezonen des Nordens, die mit der Einführung des bezahlten Arbeitsurlaubs in eine dem Massentourismus entgegenkommende Transformation der Besiedlung und bauliche Umgestaltung überging, wurden die Städte und Landschaften an den Küsten so verfremdet, dass man die ursprüngliche Landschaftsformationen nicht mehr erkennen konnte, ja teilweise gar nicht mehr sah. Wenn wir uns einer Vorstellung hingeben könnten, wie der europäische Kontinent zu Zeiten des Neandertalers oder des Ötzis ausgesehen haben mag, würden wir uns ohnehin nicht mehr zurechtfinden, weil wir keine Autobahnen, keine Metropolen und keine Flugplätze entdecken könnten. Wie auch, der Neandertaler musste sich durch den dichten Urwald mit seiner Keule durchkämpfen. Alles muss grün und waldig, saftig und paradiesisch ausgesehen haben. Eine Vorstellung, die uns ratlos macht, wenn wir in Zeiten wie diesen durch Europa kutschieren.  

Griechenlandurlauber sind oft schockiert, wenn man ihnen klar zu machen versucht, dass Kreta und Naxos bis ans Ufer der jeweiligen Küsten vollständig mit Bäumen und Sträuchern überwuchert waren. Auch in Italien und vor allem im Apennin holzten schon zur Römerzeit die Kaiser und deren Senatoren einen sehr großen Teil des ehemals dort gewachsenen Waldes für den Bau von Kriegs- und Handelsschiffen ab, wie es die Geschichtsschreibung behauptet. Siziliens Wäldern erging es offenbar am schlimmsten, denn Griechen, Normannen und Römer gaben sich beim Waldroden das Beil gegenseitig in die Hände. Fährt der Besucher der Insel von Catania nach Palermo, muss er auf den Anblick von Bäumen weitgehend verzichten, dafür schlängelt sich die auf tausenden Betonstelzen errichtete Autostrada von Süden nach Norden die bergige Landschaft.   

Auf nächtlich aufgenommenen Satellitenbildern, die Europa aus dem Weltall zeigen, sehen wir die Erde dunkel mit vielen kleinen hellen Punkten gesprenkelt, Belgien, wo kaum jemand weiß, wo es genau kartografisch einzuordnen ist, erscheint gar wie ein glitzerndes Spinnennetz der beleuchteten Straßen und Autobahnen. Während man Norditalien deutlich abgegrenzt von der Alpenkette identifizieren kann, weiß man nicht so genau ob und was unterhalb von Neapel zu finden sein könnte. Wenn ich nachts mit dem Flugzeug nach Palermo, Palma oder Athen geflogen bin, konnte ich immer die Land-Wasser-Grenze unter mir exakt definieren, weil der Lichtschein der die Küsten säumenden Straßen und Siedlungen wie ein leuchtendes, sehr zackiges Kurvendiagramm aussah. Die Nordküste des Mittelmeeres ist streckenweise komplett zugebaut und was das für die einzelnen Küstenabschnitte bedeutet, wird spätestens dann sicht- und begreifbar, wenn man mit dem Auto von Perpignan nach Gibraltar oder von Marseille nach Neapel gefahren ist. Betonklotz an Betonturm, Asphalt wo immer Platz für Straßen und Brücken war und gut zu erkennen sind große Industrieanlagen oder Handelshäfen.
Strände existieren fast überall, auch vor den Steilküsten, es sei denn der Felsabhang fällt mit 90 Grad in die Meeresoberfläche. Die begehrten naturbelassenen Sandstrände sind an den Mittelmeerküsten immer seltener zu finden. Ist eine Strandregion touristisch verlockend, werden Planungen zur kommerziellen Nutzung vorgenommen und sie werden entsprechend den Dienstleistungsansprüchen der Freizeitgesellschaft so komfortabel ausgestattet, dass jeder Urlauber „all inclusive“ zufrieden gestellt werden kann.

Manche Strände sind allerdings als Naturschutzgebiete oder Tierreservate geschützt und unterliegen inzwischen sehr strengen Umweltschutzauflagen, um wenigstens kleine Küstenabschnitte so nachhaltig wie möglich zu belassen. Aber viele touristisch genutzte Strände sind verschmutzt und überall dort, wo die Menschen im Sommer Handtuch an Handtuch, Liegestuhl an Liegestuhl in der Sonne braten, müssen abends Aufräumkommandos den Unrat entfernen, der zurückgelassen wurde. 

Seit jeher befand sich an jedem Küstenstreifen, wo sich Meer und Erde berühren, ein spezielles sensibles Ökosystem. Je mehr Touristen die Strände überrennen und bevölkern, desto weniger werden diese wichtigen Ökosysteme zur Erhaltung der Diversität von Fauna und Flora geschützt. Die flächendeckende Bebauung der nördlichen Mittelmeerküsten sind in Südspanien bei Benidorm, Marbella, Alicante und Valencia genauso zu sehen wie in Südfrankreich zwischen Marseille und Collioure, zwischen Antibes und Nizza und gleich anschließend von Ventimiglia bis weit hinter la Spezia.
Entweder werden gesamte Küstenabschnitte in einer Art Manhattanbebauung zugemauert oder in den Hügeln und Wäldern und an Stränden stehen, einem großen Flickenteppich im grünen Umland gleich, vereinzelt, aber zahlreich viele Villen und großzügig angelegte Ferienhausanlagen. Im Winter ist erschreckend zu beobachten, dass entlang der Küstenstraßen die unmittelbar dahinter liegende Bebauung wie eine leer stehende Wohnwüste oder Geisterbahn wirkt. Experten vermuten, dass viele privat genutzte Ferienhäuser und Apartments lediglich an ca. 150 Tagen im Jahr bewohnt werden. Wirft das in allen Mittelmeeranrainerländern nicht auch die Frage nach der Lösung der Wohnproblematik für die einheimischen Bewohner auf und wird damit nicht die uralte Fragestellung, wem gehört eigentlich der Grund und Boden auf der Erde grundsätzlich zur Diskussion gestellt. An der ligurischen Küste wurden die Gewächshäuser für Tomaten, Zitronen, Orangen oder Erdbeeren bis in höchsten Erhebungen eingepflanzt. Das gleiche gilt für die Region Malaga, Almeria und Murcia in Südspanien. Zwischen Sète und Marseille bestimmen Ölraffinerien mit ihren riesigen Tanks und andere Großindustrieanlagen das Bild der Küste. Dabei darf nicht zu erwähnen vergessen werden, dass die vielen Golfplätze an den Küsten inzwischen ein belastendes Umweltproblem darstellen, auch wenn viele aus den Reihen der Golfer erstaunlich selbstvergessen behaupten, dass diese Spielstätten für Wohlhabende eigentlich dem Landschaftsschutz dienen. In Wahrheit verbraucht ein einziger Golfplatz soviel Wasser, wie in einem Dorf mit 4000-8000 Seelen für die tägliche Versorgung notwendig ist. Der spanische Greenpeace Manager Mario Rodriguez erklärte, dass täglich eine Fläche von acht Fußballfeldern zwecks Bebauung verloren gehen. Alle Yachthäfen entlang der Mittelmeerküsten gelten als Zerstörer der Vegetation und Mikroorganismen auf dem Meeresgrund. Die Verschmutzung der Meere durch Plastik und Mikroplastik kann keiner mehr leugnen, seitdem riesige hunderte Quadratkilometer große Unratteppiche auf der Wasseroberfläche zu sehen sind und in Fischen, die für den menschlichen Verzehr gefangen werden, unzählige Mikroplastikspuren nachgewiesen wurden.

Seit 1988 existiert in Spanien ein Gesetz, dass die letzten einhundert Meter zwischen Strand und Bebauung frei gehalten werden müssen, daran haben sich bis vor wenigen Jahren nur sehr wenige Kommunen gehalten. Aktuell möchte die spanische Regierung aus Umweltschutzgründen dieses Gesetz endlich durchsetzen und scheut in Einzelfällen auch nicht davor zurück, schon bebaute Flächen wieder abzureißen. Allerdings fehlt der Glaube, dass sich in Benidorm oder an der Costa Brava in nächster Zeit sichtbar etwas ändern wird.
Laut Erhebungen der einzelnen Länder und der Touristikverbände konnte die gesamte Mittelmeerregion 2013 1,5 Milliarden Übernachtungen verbuchen. Ein Fünftel der gesamten Erdbevölkerung, wenn man die Zahl verständlicher machen will. Das Mittelmeer wird im Volksjargon auch „Badewanne Europas“ genannt, was mit der boomenden Tourismusindustrie an den Stränden zusammenhängt. Leider wurde dieses Meer, das den armen afrikanischen Kontinent vom Europäischen trennt, auch zum Massengrab einer kriminell verfehlten Migrationspolitik fast aller Länder, die über einen Küstenabschnitt verfügen. Das muss erwähnt werden, um alle Aspekte dieses von 20 autonomen Staaten umzingelten Meeres aufzugreifen.  

Experten gehen davon aus, dass bis weit ins 21. Jahrhundert das Mittelmeer die weltweit wichtigste Tourismusdestination bleiben wird. Allein aus den Erfahrungen und gesetzlichen Maßnahmen der Lieblingsinsel der Deutschen „Mallorca“ können wir lernen, wie Naturschutz, Ökologie und Klimabegrenzung funktionieren könnten –  es gibt viele Bestrebungen, den urtümlichen Charakter der Insellandschaft soweit wie möglich zurückzuerobern. Auch in Kroatien wurde seitens der Regierung verfügt, alles daran zu setzen, die grandiose Küstenlandschaft so natürlich wie möglich für zukünftige Generationen zu erhalten.

Ein Paradox der Entwicklung des Massentourismus basiert auf der geschichtlichen Entwicklung der Industriegesellschaft. Als die Arbeiterbewegung sich aufmachte, ihr Los des täglichen Lebens so menschlich wie möglich zu gestalten, zwangen sie die Unternehmen mit der Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit auf acht Stunden, mehr Zeit zur Regeneration zu bekommen. Die Gewerkschaften erkämpften die 40 Stunden Woche und den bezahlten Urlaub und so entstand viel mehr Freizeit für eine stetig wachsende Bevölkerungszahl, als es sich die revolutionären Streiter aus dem 19. Jahrhundert vorgestellt hatten. Mit der gewonnenen Freizeit, die inzwischen etwa 150 freie Tage im Jahr ausmachen, und im Zuge der die Welt beherrschenden Mobilität ohne Grenzen, entstand im Laufe der letzten 100 Jahre der Massentourismus und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in fast allen Küstengegenden und in den alpinen Regionen der Hochgebirge. Redundanter Autoverkehr mit Staus und Verkehrsinfarkten in den Städten, Flugverbindungen zu allen Zielen in jedem Land und jeder Insel rund ums Mittelmeer, gesichtslose Bettenburgen mit Trabantenstadtcharakter, Abholzung der Wälder, Vernichtung von Ökosystemen, Artensterben, Umweltverschmutzung, Meeresverschmutzung, monokulturelle Agrar- und Wirtschaftssysteme – reicht das nicht aus, um sich zu besinnen und den Blick auf diese einstmals schönsten Landschaftsgebiete mit anderen Augen zu sehen.
Um es ganz deutlich zu sagen, sind all diese Phänomene im übrigen auch für die abnormen Klimaveränderungen in Europa und der gesamten Welt mitverantwortlich.

Dabei sind die kulturellen, nachhaltig zu bewahrenden Aspekte einer großen und tradtionsreichen Geschichte wie die immateriellen Schäden der unterschiedlichen Kulturregionen noch gar nicht mitgerechnet, die aus meiner Sicht die gleiche Bedeutung in den Bemühungen zum Schutz unseres Planeten erfordern.

Nur 12 km von uns liegen die Dörfer Dolceacqua, Apricale und Baiardo auf einer Höhe von 400 bis 700 Metern. Der archaische Charakter der Landschaft ist im weitesten Sinne so geblieben wie vor 200 Jahren, weil diese Siedlungen auf Bergkuppen errichtet wurden. Die Täler sind zu eng und die Berge zu steil, um noch mehr Naturwunder zu zerstören und die Umgebungen zu verschandeln. Wenn wir von der Küste kommend, diese Siedlungen, die immer noch so aussehen wie vor 100 und mehr Jahren, ist es wie eine Befreiung für die Augen, die Lungen und das Herz, dort durch den Wald zu laufen und die Natur wie sich selbst wieder zu spüren.