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Hinfahrt mit Hindernissen und Überraschungen

Üblicherweise kann man bei einer Autofahrt von Köln nach Südfrankreich von Anfang an auf der Autobahn bleiben, wenn man die A 61 in Richtung Koblenz nimmt und dann über die A 48 und A1 Richtung Luxembourg fährt. Wir haben aber diesmal bewusst die Strecke über die A1 bis Blankenheim und dann über die Schnellstraßen über Bitburg nach Wasserbillig gewählt, weil diese Strecke inzwischen sehr gut ausgebaut ist. Von Luxembourg aus kann man in Zukunft blind oder mit MIgefährlicherweise mit KI und ohne Navigationsgerät oder Streckenkarte immer Richtung Metz, Dijon, Lyon und dann Marseille weiterfahren und muss dann kurz vor Dijon die Mauträuberei von ca. 48 Euro bis Avignon bezahlen. Es ist aber für jeden unbenommen über „routes nationales“ zu fahren, aber auf diesen Nationalstraßen müssen viele Ortschaften oder Städte durchquert werden und diese Fahrweise kostet logischerweise etwas mehr Zeit. Wer die Landschaften Frankreichs mit seinen vielen schönen Städten mit all den Schlössern und Burgen, den Kirchen und Klöstern für sein Wissen, Herz und Seele in sich aufnehmen möchte, dem sei empfohlen, sogar auf untergeordnete Straßen mit der Bezeichnung D abzubiegen und langsam durch das größte Land Mitteleuropas motorgetrieben zu flanieren. Das dauert, aber ich kann es dem in sich zeitlos ruhenden Menschen mit viel Neugier nur ans Herz legen, wenn er mehr von Frankreich sehen und verstehen will. Wenn man den Begriff authentisch nutzen will, dann ist er auf einer Reise wie dieser, angebracht, weil man all das sehen kann, was man eigentlich nur über Bilder, sei es in Büchern oder in Fernsehberichten und Filmen sehen kann. Ich bin schon im Alter von 18 bis 20 Jahren durch ganz Frankreich getrampt und kann nur sagen, dass es der Beginn einer lebenslangen Liebe war. Da es vor 50 Jahren in Frankreich viel weniger Autobahnen gab und viele Autofahrer sich weigerten die ihre Freiheit beschneidende Mauterpressung auf den bestehenden Routes zu bezahlen, hatte ich die erste Gelegenheit, Südfrankreich, das Massiv Centrale, die Normandie, das Elsaß und den äußersten Südwesten zu erkunden. Mit 19 habe ich mich sechs Wochen in Sète aufgehalten und diese Zeit bleibt mir unvergesslich, weil die Jahre nach den wilderen 68er Umbrüchen mit der Musik, der unersättlichen Neugier auf alles Neue und der ersten internationalen Begegnungen und Freundschaften mit Gleichaltrigen der große Aufbruch war.

Im Studium arbeitete ich mehr oder weniger unweit von Orange in den „dentelles des montmirailles“ im „Atelier Internationale de Seguret“ und schuf zwei großformatige Lithografien und viele Zeichnungen, die inzwischen durch viele Umzüge verschollen sind. Der Leiter des Ateliers Arthur Langlet, der auch das halbe Dorf gekauft und die Häuser in kleine Ateliers ausgebaut hatte, studierte in seiner Jugend bei dem berühmten Maler Fernand Leger. Die Institution in Seguret mäanderte in jenen Jahren in den einschlägigen Kreisen als bekannte Adresse für Studierende und junge Künstler rund um den Globus. Außer der wunderschönen Zeit, die ich im Dorf der Künstler verbrachte, verbleibt mir lediglich eine Fotoserie in s/w über Boulespieler in Vaison la Romaine, die ich mit meiner ersten doppeläugigen Spiegelreflexkamera aufgenommen habe. Und das Boulespielen oder besser ausgedrückt Petanque wurde die zweite lebenslange Leidenschaft.

1974 bin ich mit dem Radl von Poitiers bis auf die Ile d´Oleron gestrampelt und diese damals noch sehr natürliche Insel im Atlantique blieb lange Jahre das Feriendomizil meiner Familie. Es gibt aber auch heute noch für uns beide immer wieder etwas zu entdecken und so fehlt noch der äußerste westliche Zipfel der Bretagne Finistère, die Baronies und das Doubs östlich von Lyon, die Dordogne oder Korsika, aber ich bin zumindest einmal in meinem Leben für einen Tag dort gewesen.

Back to les routes. 

Über eine Hotelreservierungsseite hatten wir ein chambre d´hotes bei Dijon gebucht und die Fahrt dorthin verlief sehr ruhig und ohne die üblichen Komplikationen wie Staus, Unfälle oder andere außergewöhnliche Zwischenfälle. Die Herberge im Ort Til-Chatel befand sich in einem Neubau-Wohngebiet der landesüblichen Einfamilienhausbauweise und bei der Begrüßung mit dem Besitzer, die etwas hektisch verlief, weil ihm seine beiden französischen Bulldoggen (oder Möpse) durchs Eingangstor entwischten und ihm in dem Durcheinander die Hose auf die Knie rutschte. Was von außen langweilig oder wenig überraschend wirkte, erwies sich im Haus als Mischung zwischen gepflegter Gastlichkeit mit allem Komfort, kreativen Ausflügen a la Gaudi oder Hundertwasser und einem partikulären „grand bazard“, wie man gewisse chaotische Zustände zu nennen pflegt. Das Zimmer, die Dusche und das WC zeigten sich in höchster gestalterischer und funktionaler Qualität. Die Frau des Gastwirtes erzählte mir in stark akzentuiertem Französisch, dass sie Russin wäre und ein Leben mit kleinen Kindern in ihrer Heimat nur unter schwersten Bedingungen zu leisten sei, weil die Zustände in russischen Städten von Kriminalität, Armut und Korruption geprägt seien.

Abends fuhren wir in ein nahe gelegenes Dorf, um in einem Restaurant unser Diner einzunehmen. Obwohl das Google-Navi funktionierte, zeigte sich eine allgemeine französische Malaisse, die man Beschilderungschaos nennt. 

Plötzlich blinkten im Armaturenbrett zwei kleine Warn-Ikons auf und wir waren zunächst ratlos, was die Elektronik wieder für Streiche auf Lager hatte. Nach einigen Umwegen erreichten wir das Dorf Bèze und welch Wunder, eine Idylle, wie man sie nur durch Zufall entdecken kann. Ein altes Kloster, ein kleines Chateau, eine zum Wohnhaus umgewidmete gotische Kirche und ein den Ort durchfließende Bach mit kleinen Katarakten und Nebenarmen macht das Pittoreske dieser Siedlung zu einem perfekten Stimmungsbild burgundischer Traditionspflege. Die Restaurants scheinen alle empfehlenswert zu sein, man kann sich auch über Nacht einmieten, wenn man sich vorher eine Reservation eingeholt hat.

Als wir zum Auto zurückkehrten, sahen wir, dass alle Bremslichter brannten und waren reichlich konsterniert, weil eine derartige Überraschung technisch sehr tief blicken lässt. Bremslichter hängen mit Bremsscheiben, Bremsflüssigkeit, Bremspedal oder ABS zusammen, alles Funktionsträger, die wirklich in der Tiefe des Autos zu finden sind. Wir fuhren zurück und es blieb keine andere Möglichkeit übrig, es war Freitag Abend, als die Batterie über Nacht abzuklemmen, weil uns ansonsten am anderen Tag die Zündung des Motors die ernüchternde Wahrheit der Leere gezeigt hätte.

Am anderen Morgen sind wir mit gebremstem Schaum nach Dijon getuckert, wo ich eine unserem Typ entsprechende Werkstatt im Internet gefunden hatte. Diese in einem südlichen Gewerbe- und Industriepark gelegene „Garage“ war nicht leicht zu finden und als wir endlich vor Ort waren, kam ein freundlicher Angestellter, machte die Fahrertür auf, fummelte unter dem Bremspedal herum und plötzlich waren zwei der Bremslichter ausgeschaltet. Wie ich schon vermutet hatte, lag der interne Konflikt der Funktionsweise des Wagens an einem kleinen Schalter, der unter dem Bremspedal bei leichtem Antippen dafür sorgt, dass jeder hinter einem herfahrende Automobilisten erkennen kann, dass ein Bremsvorgang eingeleitet wird. Dieser Schalter war defekt und die Werkstatt konnte an einem Samstag Morgen keine Reparatur durchführen. Der kenntnisreiche Helfer versicherte aber, dass die Fahreigenschaft des Wagens in keiner Weise beeinträchtigt sei. Wir fuhren wieder los und nun war klar, dass jeder Bremsvorgang nur bedingt zu bemerken sein konnte und unter Umständen gefährliche Situationen heraufbeschwören würde. Wieder zurück in der Werkstatt ließen wir sämtliche Bremslichter wieder anknipsen und so fuhren wir mit sichtbar angezeigter Vollbremsung durch Berg und Tal bis Arles, was für die hinter einem herfahrenden Autos verständlicherweise irritierend war. Ab Lyon zeigte das Thermometer 30 Grad und entsprechend heitzte sich der Innenraum des Wagens auf. Defekt am Auto und hohe Temperaturen, wer da nicht zu schwitzen beginnt, scheint zu viel unterkühltes Blut in seinen Adern zu haben. 

Wer fährt schon bremsend einen Berg hoch und wer fährt an einer Ampel mit durchgetretenem Bremspedal über eine Kreuzung. Wir haben es aber ohne in irgendwelche Schwierigkeiten zu geraten bis zu unserem Domizil in Arles geschafft. Das großzügige Apartment entspricht fast allen Erwartungen und wir fühlen uns hier ganz in der Nähe eines riesigen Leclerc-Supermarktes so wohl, dass wir jetzt allen kommenden Herausforderungen gewachsen sind. Leclerc ist zwar nicht der vollkommen sortierte Supermarché meiner Wahl, aber dieser große Basar aller Lebensmittel und sonstiger Produkte für das tägliche Leben zeigte dem kochenden Mann, dass er hier alles finden würde, was der Gaumen begehrt. Wer glaubt, dass ich mich nur in diesen großen Essproduktetempel wohlfühle, ist aber falsch gewickelt, denn in und um Arles gibt es viele Märkte, die qualitativ noch Besseres anzubieten haben. Die ersten Calamares sind schon verzehrt und die Lammkotelets sind heute Abend reif. Bis dahin ist noch viel Zeit. Und jeder weiss ja, dass die Erde rund ist und an jeder Ecke Überraschungen auf einen warten. Bis morgen bleibt die Batterie aber noch abgeklemmt.  

W.N. Arles 2. Juni 2019