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La Mer, la Seine und die Möven von Le Havre

Ein allseits beliebter, immer fröhlicher Rentnerfreund, meinte zu mir, dass ich inzwischen ein schönes Rentnerdasein führen würde, all die Reisen und die damit verbundenen Verlustigungen, da ich zur Zeit mitten in einer schönen Stadt an der Seine und am Rande des Atlantiks für drei Wochen die deutsch-französische Freundschaft und meine Affinität zum „welschen“ Nachbarn pflege. Stimmt, stimmt nicht, stimmt je nach Perspektive. Wieviel Wahrheit in derartigen Aussagen steckt, kann sich jeder nach seinem Gusto aussuchen. Allein die Tatsache, dass ich mich stundenlang hinsetze, um diesen Blog zu schreiben, zeugt entweder davon, dass ich vom Rentnerdasein nichts verstanden habe, dass die anderen das Renterdasein falsch verstehen und einseitig auslegen oder dass ich zum Glück für meine Mitmenschen meine Verrücktheiten immer noch ausleben kann.

Strand in Le Havre

Welcher deutsche Rentner würde aber mitten im Juli und zu Zeiten von Corona-Viren ausgerechnet nach Le Havre reisen, einer Stadt, über die die meisten Deutschen nur wissen, dass sie im Norden Frankreichs am Meer liegt, einen großen Hafen hat und dass diese Stadt während des Krieges durch einen Luftangriff nahezu ausradiert wurde. Da wurde keine Kathedrale verschont und die schöne normannische Stadt verlor fast alles, was den Charme des nordfranzösischen Bauern- und Fischerlandes ausgemacht hat. Vielleicht kennen einige Omaha Beach, Operation Overlord oder den D-Day, in dieser Region niemals vergessene Orte oder Begriffe mit inhaltsvoller Schwere, die als Sinonyme für die Invasion der alitierten Streitkräfte 1944 gelten. Der Strand und das Meer soll an den Landungsabschnitten nach Augenzeugenberichten am 6. Juni 1944 in ein sattes Rot vom Blut getöteter Soldaten getaucht sein. Die, die dabei waren, meinen, dass es der längste Tag in ihrem Leben gewesen sei und dass kaum jemand diese Schlacht mit Worten nacherzählen könne. Die Sturmtruppen der Briten, US-Amerikaner, Kanadier, Polen, Australier und Franzosen rannten immer wieder gegen die Maschinengewehrnester der vom Kadavergehorsam indoktrinierten NS-Truppen an, bis die Übermacht der Befreier ihnen keine andere Wahl ließen, als sich zurückzuziehen. Lange Stunden hielten sie ihre Stellungen bis viele von ihnen gestorben waren und der Rest sein Heil in der Flucht sah. Das ist 76 Jahre her und kaum jemand, der nach 1970 geboren wurde, kann sich dieses grausame Gemetzel  600 km von Köln entfernt, vorstellen. Unbeschreibliche Szenen,, die sich zwischen den Dünen und den anrollenden Wellen der Angreifer abgespielt haben. Selbst wer zigmal den „Soldat Ryan“ als Film gesehen hat. oder „Den längsten Tag“ kann nicht ermessen, was an diesem 6. Juni auf ein paar tausend Quadratkilometer Küstenlandschaft geschah. Dieser Krieg oder sollte ich genauer sagen die Befreiung Europas von der Nazidiktatur, ist schon so lange her, dass selbst die Beschreibungen in den Geschichtsbüchern wie alte Legenden klingen. Inzwischen liegen Franzosen und Deutsche politisch zumindest auf einer Wellenlänge und rühmen ihre freundschaftliche Verbindung, die 1955 zwischen General de Gaulle und Konrad Adenauer ratifiziert wurde. Die Liberation wird hier in der Normandie nicht vergessen werden, denn für die Menschen im Department Seine-Maritime, Eure oder Calavados hatten zu viele Tote zu betrauern, zu viel verbrannte Erde und zerbombte Städte sind zumindest im Gedächtnis der Älteren immer noch präsent. Wenn sich die Jüngeren keine Gedanken mehr machen oder von dieser Zeit nichts mehr wissen wollen, dass die Vergangenheit im Leben der Menschen immer der Nährboden für die Zukunft ist, werden sie, wenn sie genauer ihre Stadt betrachten, im Anblick der visuellen Neu-Formung dieser Stadt unterbewusst an das Vermächtnis ihrer Eltern und Großeltern erinnert. Auch wir sollten uns immer daran erinnern, welche folgen Hitlers Okkupationswahn für unseren Kontinent hatte, auch weil viele Städte Deutschlands, schmucke Zeitzeugen der Jahrhunderte, von Nord nach Süd und von Ost nach West ihr Gesicht verloren und viele Narben davongetragen haben. Hamburgs und Dresdens Feuersturm, die Ruinen von Köln, Pforzheim, Magdeburg und den Städten des Ruhrgebiets. Vergleiche zu suchen oder das eine Unheil mit dem anderen aufzurechnen ist nicht nur fatal und bar jeglicher faktischer und moralischer Zusammenhänge, aber wir müssen klar und deutlich sagen, dass Nordfrankreichs Erde zwischen 1940 bis 1944 versklavt und gedemütigt, vergewaltigt und beraubt wurde, während Deutschland den Irrsinn einer gewissenlosen Mörderclique bis zum buchstäblich letzten Atemzug ausgehalten hat. Im nachhinein wollten viele weder etwas gesehen, noch etwas gehört haben. Auch wenn es für sehr viele Deutschen ein Terrorregime war, das mit dem Holocaust oder der Shoah einen Tiefpunkt nationaler, kultureller und menschlicher Schande noch unterbot und auch wenn einige Deutschen meinen, diese zwölf Jahre Hitlerdiktatur nur aus Todesangst durchgestanden zu haben, die 50 Millionen Leichen, die unter Europas Erde verscharrt wurden, sprechen eine andere Sprache und es gibt auch heute nicht den Hauch einer Entschuldigung oder gar Entschuldung. Wenn überhaupt, können uns die unterjochten Völker Verzeihung gewähren. Als ich das erste Mal durch die Normandie fuhr, war ich sehr schnell in dieses manchmal spröde, manchmal in sich gelassen wirkende Land und seinem Menschenschlag verliebt, aber ich spürte immer eine Spannung und ein undefinierbares Unwohlsein, da ich wusste, was unsere uns noch bekannten Ahnen im letzten Jahrhundert mit diesem Land gemacht hatten. Es war auch nicht ein schlechtes Gewissen oder eine geerbte Form eines Schuldgefühls, es war lediglich ein von Angst und Unwohlsein besetzter Gedankencocktail. Wie würden mich diese Menschen als Deutschen einer neuen Generation sehen und wie würde ich mich als Deutscher eingedenk des Wissens über den Sumpf der Geschichte verhalten. Schon bei meinen ersten Aufenthalten im Pay de Calais um die Jahrtausendwende hatte ich Ressentiments gespürt und die Kommentare zu den monströsen Bunkern und Festungsanlagen waren immer mit einer scharfen Sauce verbaler Spitzzüngigkeit garniert. Einmal verfolgten und bepöbelten uns Jugendliche aus ihren Autos, als wir eine Übernachtungsmöglichkeit suchten. Als einer ausstieg und sagte: Ob wir nicht wüssten, dass der Krieg zu Ende sei und was wir hier noch wollten, habe ich es mit der Angst zu tun bekommen. Anschließens haben wir uns nach einer kleinen Verfolgungsjagd durch den Ort und die angrenzenden Weiler mit ausgeschalteten Scheinwerfern in ein Gebüsch geflüchtet. Wir wollten im Auto schlafen, aber ich habe in dieser Nacht kein Auge zugemacht. Dieses Erlebnis muss noch in die 80er Jahren gewesen sein, als die LePen-Partei mit ihrem Jean Marie selbst viele Franzosen in Angst und Schrecken jagten. Später, als wir mit Freunden deren Hof in der Charente-Maritime renovieren halfen, hatte ich immer wieder das Gefühl, dass die meisten von uns nicht kompatibel mit den Einheimischen sein konnten und auch nicht sein wollten. In Südfrankreich, auch wenn einige immer noch glauben, dass die sogenannte autonome französische Zone unter Petain, den Menschen bessere, humanere Lebensbedingungen zustanden, so kann ich nur sagen, lest die Geschichte der Résistance und lest vor allem auch die Geschichte der faschistoiden Kollaborateure aus den Reihen der „Action française“, der „Milice française“ oder der „Rassemblement national populaire“. Rene Char, Jean Moulin, Vercors (Jean Marie Bruller), Gerhard Leo, Germaine Tillion oder einige der deutschen Emigranten wie Rene Schickele, Walter Hasenclever, Walter Benjamin, Stephan Hermlin oder Anna Seghers haben alles aufgeschrieben und deren Schriften sind auch in den abstrusen Traumdeutungen der Tollhausprotagonisten von IT, KI, Instagram, google oder Elon Musk nicht nur hochaktuell, sondern tragen meines Erachtens eher dazu bei, die Welt mit Vernunft und gutem Willen wesentlich besser zu gestalten. Im Roboter liegt die Zukunft, aber diese Zukunft wird die Einzigartigkeit menschlicher Fähigkeiten wie Verfehlungen ins abseits drängen. Corona, das inzwischen berühmte Brennglas der Gegenwart, zeigt uns auch, dass wir uns in Illusionen und hedonistischen Selbstbeweihräucherungen verrannt haben.  Dazu empfehle ich Evgeny Morozov, Slavoj Zizek, Maja Göpel, Karl Marx oder Jaron Lanier. Wie auch Friedrich Schiller, Friedrich Nietzsche, Alain Badiou und immer wieder Hannah Arendt.  

Denkmal zum 5. September 1944

Zurück in die Normandie, denn wir haben dieses Jahr das Land so vieler geschichtlicher Brüche über zwei Jahrtausende bewusst ausgewählt, weil gerade Le Havre und Rouen zwei nicht weit entfernt voneinander liegende Pendants sind, die mit so viel Spannung und vorauseilender Neugier geladen ist, dass all diese Widersprüche, (Vor)urteile und Gemeinsamkeiten erreist sein wollen, wenn ich mir ein genaueres Bild machen will oder wenn ich daraus später aus dem Fundus meiner Fotos ein Bild gestalten will.

An der Mole

Den Calvados schmecken wir schon auf der Zunge, wenn wir nur daran denken, genauso geht es mit dem Cidre, der allerdings in deutschen Landen neben dem Äppelwoi ein eher beschauliches Dasein führt. La Coutance? Livarot? Pont  l`Evecque? Brillat Savarin (Burgund)? Ach ja, und den allseits beliebten Camembert nicht zu vergessen, aber nur wenn er a la louche und aus Rohmilch auf den Tisch kommt und nicht, wenn er sich als pasteurisierte Geschmacklosigkeit aus dem Sortiment der Discounter in unsere Küchen geschlichen hat. Vielleicht wissen einige mit dem Teppich von Bayeux etwas anzufangen und sicherlich haben zumindest die Kunstfreunde von Monets Zauberparadies Giverny gehört oder diese Kostbarkeit der Gartenkunst schon gesehen. Normannische Fachwerkhäuser kann der interessiert Reisende in Städten wie Bayeux, Rouen, Etretat, Fecamp, Honfleur oder Deauville immer noch bewundern. In Le Havre stehen nicht mehr so viele Originalarchitekturbauten, da haben die Bomben der britischen Flugzeuge zwischen dem 5 und 11. September 1944 gründliche Arbeit geleistet. 82 Prozent der Stadt waren ganz oder teilweise den zerstörenden Detonationen geleistet. Britische Bomberverbänden? Am 5. September warfen 348 britische Flugzeuge 1820 Tonnen Sprengbomben und 30000 Brandbomben im Südwesten der Stadt ab, nach den weiteren Angriffen in den folgenden Tagen war die Hafenstadt nur noch eine Trümmerwüste, über 2000 Zivilisten kamen im Bombenhagel und bei den Bränden ums Leben. « Als die englischen Truppen in Le Havre einmarschierten, wurden sie sehr kühl empfangen. Niemand hatte solche Bombenangriffe erwartet. Es gab nicht einen Einwohner der nicht einen oder mehrere seiner Angehörigen unter den Bomben verloren hatte. » Docteur François Périer. Seltsamerweise oder auch beklemmend weiß ich die folgende Berichterstattung nicht zu deuten, denn die deutsche Armee gab schon im August den Befehl, die Stadt zu evakuieren. Ohne Erfolg. Die Einwohner aus Le Havre gehorchten nicht und ein Großteil blieb zu Hause. Dann wiederum schlugen die Alliierten am 3. September schlugen eine Übergabe vor, aber die deutsche Armee lehnte ab. Beide Aussagen lassen in mir erhebliche Zweifel aufkommen, wie die Geschichte tatsächlich ablief und welche Entscheidungsträger an dieser „table rase“ beteiligt waren. Längst hatte das erste britische Armeekorps unter General Crocker die Stadt umzingelt und jeder wusste, dass weder die Nazibesatzer noch die Alliierten irgendeinen Fußbreit zurückgehen würden. Vielleicht finde ich in den nächsten Wochen heraus, was in diesen verhängnisvollen Septembertagen 1944 wirklich geschah.

St. Joseph Kathedrale

Die Stadt war dem Erdboden gleichgemacht und nun folgt ein Kapitel, dass wir als einmaliges Wunder in all diesem Wahnsinn mit den depressivsten Folgen bezeichnen müssen: der Wiederaufbau der Stadt und ein architektonisches Experiment, dass ich nur mit dem Wiederaufbau von Rotterdam oder der Renovierung von Krakau oder Wroclaw vergleichen kann.

Rathaus oder City-Centre

Wir wohnen ca. 77 Meter über dem Meeresspiegel, wie manch Wissende behaupten, und die Anhöhe zwischen Basse Le Havre und Haute Le Havre kann als ziemlich steil bezeichnet werden. Zwischen dem Seineufer, wo die Docks liegen und die Kräne wie Skelette von Sauriern an den Piers stehen, mögen es vielleicht vier Kilometer sein, aber gerade durch die geografische oder geologische Formation Fluss, Meer und Steilküste zieht sich die Stadt wie ein Schlauch an der Seine entlang. Dabei beanspruchen die Hafenanlagen mindestens zwei Kilometer und zum Meer hin haben wir höchstens zwei Kilometer zu gehen. Der von der Stadt autorisierte Bouleplatz liegt unmittelbar an der Stelle, wo sich Meer und Seine vereinigen und das zeitgenössische Museum Malraux zu besichtigen ist. Homo ludens und Homo artibus scheinen eben doch viel miteinander gemein zu haben.

Optimisten

Volcan von Oscar Niemeyer

Le Havre – Blick vom Salon – oh la la