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Augmented City in der Uni Palermo

Auf dem Weg vom Bahnhof zu unserer Mietwohnung gehe ich meistens über den Corso Tukory, der übrigens nach einem Garibaldiner aus der Türkei (Lajos Tüköry) benannt wurde, der 1860 bei der Erstürmung von Palermo in vorderster Front gekämpft hat. Am Anfang der Straße befindet sich der Eingang zur Universität Palermo. Aus Neugier und auf der Suche nach Fotomotiven bin ich dort reingegangen und habe mich erst einmal umgeschaut, weil oft gleich jemand angerannt kommt und einem das Fotografieren untersagt. Und tatsächlich kam ein Pförtner auf mich zu und fragte mich „Molino?“ und ich sagte nur, ohne zu wissen, was er wollte, „Si“, worauf er mich über den Hof zu einer Betonwendleltreppe führte und in den Dachstuhl eines älteren Gebäudes geleitete.
In den Räumen befindet sich die im Rahmen der Manifesta 12 Colleteralprojekte initierte Ausstellung „AUGMENTED CITY“, die unter der Leitung des Creative Mediator (neuer Begriff für Kurator, weil nicht so abgenutzt) Ippolito Pestellini Laparelli. Laparelli, der zu dem OMA-Büro von Rem Koolhaas gehört, hat unter den Dachbalken des alten Gebäudes dieses Projekt mit den Studierenden installiert. Es ist eine alte Getreidemühle, in der noch die historischen Mahlmaschinen und Füllanlagen zu sehen sind, deren frühindustrieller Charme eine Menge ausmacht. Laparelli präsentiert Erstaunliches. Vier renommierte Architektur-Universitäten haben das Projekt „Augmented City“ in eindrucksvoller Weise zusammengestellt. Zusammengestellt bedeutet in diesem Fall präzise wissenschaftliche Arbeiten, sehr gut konzipierte Dokumentationen und viele kreativ gestaltete Ausstellungsstücke zur Thematik „Hyperstadt, Metropolvergrößerung, Zuwachs der größeren Städte“.

Die beteiligten Universitäten kommen aus Palermo, London und Delft. Die Ausstellung ist unterteilt in die Themenbereiche Hyperstadt-Studio, die Manifesta Edition, Radikale Gartenplanung und -arbeit und lokale Institutionen und deren Entwicklungschancen. Dabei muss auch gesagt werden, dass diese Ausstellung, die so viele Aspekte der Stadtentwicklung in sich tragen, von den Studierenden der betreffenden Architekturklassen realisiert wurden. Am Beispiel Palermo werden Strukturwandel, soziale Brennpunkte und deren Verbesserung, unterschiedliche Wohnsituationen, urbane Stadtgestaltung, kulturelle Entwicklung als Motor für eine innovative Stadtplanung, urbane Naturplanung, stabile Digitalsysteme für die permanente Weiterentwicklung und politische Modelle der Koexistenz zwischen Stadtregierungen und Bürgern in vielen Fotos, Filmbeiträgen, Grafiken und Objekten gezeigt. 

Die Ausstellung enthüllt ein Palermo der unterschiedlichen Perspektiven in aktuell ausgearbeiteten Geschichten, die von Orten und Menschen erzählen. Hybride Standpunkte werden aufgezeigt und konkrete Methoden, Projekte oder Lösungsansätze durchgespielt. Kreativität, Energie, Innovation, Resilienz und Partizipation sind Ressourcen und bedeuten Macht, um eine Stadt zu gestalten, die auf Kultur, Kreativität, Kooperation, der Wiederbelebung der Natur und zukunftsweisenden Produktionsmöglichkeiten basiert.

Zum Abschluss unserer Palermo-Reise entdecke ich also ein Projekt, welches ich erstaunlich gut gelungen finde und dem Thema der Manifesta “The Planetary Garden” konzeptionell und präzise realisiert gerecht wird. 

Manchmal muss man eben nur eine Tür öffnen, einfach durch eine Toreinfahrt laufen, um das zu entdecken, was man nicht nur teilweise vergeblich gesucht hat, sondern was einen auch nach vielen vergeblichen Anläufen beglückt. Derartige Arbeiten sah ich auf der Architektur-Biennale in Venedig vor einem Jahr und war ebenso begeistert. Abschließend hatte ich im Lokal vor dem Theatre Garibaldi ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit einem Theatermacher aus Cardiff, der auch schon in Köln bei den Cityleaks mitgewirkt hat. Aber es ging hauptsächlich um den Status der Kunst im postdemokratischen, postkapitalistischen und vielleicht auch um die Frage nach der Postkunst in Zeiten überschwappender Eventomanie.