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Katharina Sieverding

Im April waren wir zum ersten Mal in den Cantieri Culturali della Zisa, dem meiner Meinung nach wichtigsten Kulturzentrum Palermos mit eindeutig zeitgenössisch und international geprägter und Ausrichtung. Allerdings konnten wir im Frühjahr noch nicht viel Programmatisches oder schon Realisiertes entdecken, so dass wir uns vornahmen, lediglich die alte Chemiefabrik „Chimica Arenella“, die ehemaligen Ducrot-Werkstätten, in denen edle Jugendstilmöbel für betuchte Kunden und auch für Kreuzfahrtschiffe gefertigt wurden sowie die Räume des Architekturzentrums von Ernesto Basile anzusehen, die sich inzwischen im Ruhestand befanden. Leider konnten wir nur einige kleinere Ateliers und die große, langgestreckte Ausstellungshalle besichtigen. Wir fanden aber, dass dieser Ort im Westen von Palermos Innenstadt eine wichtige und energiegeladene Atmosphäre in sich trug und waren gespannt, was während der Manifesta hier stattfinden würde. Die Hochschule der Bildenden Künste Palermo betreibt in den Cantieri Culturali den Lehrbetrieb für Bildhauerei und Malerei und etliche Studierende, die in diesem weiträumigen Areal offensichtlich eine künstlerische Heimstätte gefunden hatten, hielten sich dort auf. Seit 2012 wird ein öffentiches Kino bespielt, das nach dem sizilianischen Filmer Vittorio de Seta benannt wurde. Das auch das auf dem Gelände befindliche Goetheinstitut erwies sich als Kommunikationsglücksgriff, denn dort trafen wir einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, der uns viele Insiderinformationen über das Cantieri Culturali vermitteilte und ebenso wertvolle Tipps für die Erkundung der Stadt verriet.

Inzwischen lebten wir schon vier Wochen in der Metropolstadt Siziliens und nachdem ich nach einigen Besuchen in verschiedenen Palazzi und im Orto Botanico das Aufspüren nach Ausstellungsorten für einen Tag hinter mir gelassen hatte, verspürte ich allmählich eine Art Manifesta-Müdigkeit. Vielleicht war es aber nur eine Sehnsucht nach wirklich innovativen oder auch tradierten Aspekten zeitgenössischer Kunst, die meinem Faible für qualitativ und inhaltlich ergreifende oder überwältigende Kunstprojekte oder Kunstobjekte entsprach. Aber wo sollte ich hingehen? Mir fiel wieder ein, dass mich das Cantieri Culturali della Zisa schon im April begeistert hatte. Der Tag war heiß und schwül und ich nahm mir vor, über noch von mir nicht gegangene Wege zum Castello della Zisa und zum Cantieri Culturali zu gelangen. Außerdem wollte ich unbedingt das Parkgelände der Villa Malfitano des schon erwähnten Giuseppe Whitaker in Augenschein zu nehmen. 

Erneut streifte ich mit ungebrochener Begeisterung durch das gesamte, sehr weitläufige Gelände des Castello della Zisa. Der zentral auf das Kastell führende, langgestreckte in Marmor gefasste Treppenkanal führte inzwischen Wasser und die Fassade des alten Bollwerks glühte im Nachmittagslicht. Bis auf eine Familie, die auf der Wiese spazieren ging, befand ich mich auf dem gesamten Areal alleine. Das war auch gut so. Wenn mich jetzt eine Horde Kreuzfahrtreisender in visueller Buntheit bedrängt hätte, würde ich mich schnell verkrümelt haben. 

Schon der erste Ausstellungsraum des Vereins Düsseldorf-Palermo e.V. mit großformatigen Digitaldrucken von Katharina Sieverding überraschte mich nicht nur in der übersichtlich formierten Anordnung der Bilder, sondern auch durch die gestalterische Qualität wie durch die inhaltlich verarbeiteten Themenbereiche, die auf den 16 Großdrucken zu sehen waren. Die meisten collagierten Arbeiten waren schwarz-weiß, teilweise in Rastertechnik, teilweise sehr zurückhaltend gestaltet oder puristisch miteinander verwoben. Sieverding nutzt als Künstlerin mit einer kritisch-medialen Position die inzwischen fast unendlichen technischen Möglichkeiten der Fotografie und anderer Medien und stellt Fragen, die ein(e) Künstler_in angesichts der globalisierten Vernetzungen als wachsamer Beobachter der weltweiten Entwicklungen stellen muss. Es geht um die Wahrhaftigkeit des Sehens und Verstehens und um eine Stellungnahme der kritischen Vernunft wie der Integrität in Zeiten gefälschter oder falscher Informationen. Sie zeigt, dass man als Künstlerin Verantwortung zeigen und seine Einstellung in der Öffentlichkeit vertreten muss.
Ob der kaum erkennbare Kim Jong Un mit seiner Entourage aus den AMAZON-Filmstudios in Phoenix/Arizona kommt oder ob durch die Überlagerung der Strukturen der Berliner Holocaust-Gedenkstätte mit den Luftbildaufnahmen des Konzentrationslagers Sachsenhausen ein unmittelbares Verstehen freisetzt, beides zeigt die Dialektik kommunikativer und reproduzierbarer Gegensätze. Oder vielleicht doch surrealer und absurder Zusammenhänge?
Auch die Abbildung des Kimlau-Square in New York mit dem auf einen Sockel stehenden chinesischen Ging-Dynastie-Beamten Lin Zexu (1785-1850), der für seine Integrität  bekannt war, wurde mit dem Blick auf das Goetheanum in Dornach mit dem Bild von Chinatown in New York zu einer Fragestellung, deren Antwort wir selber finden müssen. Auf dem Bild „AM FALSCHEN ORT“, dessen Titel von weißen Versalien einer Groteskschrift überlagert ist, sieht man das größte syrische  Flüchtlingslager in Zaatari (Jordanien) mit dem schemenhaften Ausschnitt des Bildes eines russischen jener Jagdbomber, die bekanntlich die syrischen Rebellen aus der Luft gnadenlos bekämpft haben. Der Satz „Am falschen Ort“ bezieht sich auf die Autobiografie des bedeutenden Theoretikers Edward Said, der in seinen Schriften den Postkolinialismus kritisiert. Als bekennender und selbst tätiger Collagekünstler, der gesellschaftskritische Themen der Urbanität behandelt, waren diese Bilder eine Wohltat für meine Assoziationen und ästhetischen Überzeugungen.

Mit einer jungen Frau, die als Angestellte des Städtepartnerschaftsvereins arbeitete, habe ich dann noch lange in ausgesprochen entspannter Form über Kunst, Kunstorte, Theorien der Gestaltungsformen und Aspekte des aktuellen Kunstgeschehens geplaudert.

Aber es sollte noch besser kommen. Als ich die Ausstellung in der großen Industriehalle der ehemaligen Ducrot-Werke betrat, die mit seinem halbrunden Dach wie ein alter Flugzeughangar aussieht, geriet ich staunend in eine sehr gut kuratierte Ausstellung über die Kulturentwicklungen afrikanischer Völker im Lauf der Jahrhunderte. Mit Fotografien, Malerei, Skulpturen, Multiples und Keramikobjekten, deren Qualität und gestalterische Realisierungen ein Genuss für meine Augen waren. Weil ich diese Ausstellung als einen Höhepunkt dieser Palermoreise bezeichne, werde ich einen gesonderten Artikel darüber schreiben.

(wn)