Gedanken zum Reisen

“Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,

Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,

Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,

Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,

Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.”

So beginnt der Dichter Homer seine Fortsetzung der „Ilias“, in denen er die „Irrfahrten“ des Odysseus schildert, dieses ersten Prototyps eines reisenden Helden. Odysseus lernte die Welt auf seinen abenteuerlichen Reisen kennen, doch dieses Erkennen der Welt war mit vielen schweren Prüfungen verbunden. Odysseus, der Listenreiche, entkam oft nur knapp dem Tod und eigentlich war er während der Reise immer unterwegs nach Hause.

Im Mittelalter waren es Händler, die sich auf die weite Reise begaben. Sie reisten, um zu kaufen und zu verkaufen. Die Pilger machten sich zum Beispiel nach Rom auf, um einen Sündenablass zu erwirken. Maler, Handwerker, Architekten und Schriftsteller reisten in andere Ländern, um bei den dortigen Meistern in die Lehre zu gehen und um sich künstlerisch neu inspirieren zu lassen. Der reiche Bankier Fugger schickte seinen Sohn nach Venedig, um dort das Bankgeschäft zu erlernen.

 

Im 18. Und 19. Jahrhundert wurde es dann in vielen reichen Familien Englands, Frankreichs und Deutschlands Mode, ihre herangewachsenen Söhne und Töchter auf Bildungsreise nach Italien zu schicken. Auch Goethes „Italienische Reise“ stand anfangs sicherlich unter dem Anspruch der Bildung, allerdings interessierte er sich vor allem für die griechisch-römische Kultur des klassischen Altertums. Doch Goethe entdeckte in Italien nicht nur die Schätze der Kultur, sondern auch das ganz „Andere“ in seinem Selbst und in seinem Leben. Die Arbeit als Minister in Weimar hatte ihn in seiner Kreativität gelähmt. Unter der Sonne des Südens lernte er wieder die unterdrückte Seite seiner Seele kennen: seine Leidenschaft und Sinnlichkeit.

Und warum reisen wir heute?

Die Tourismusbranche boomt. Heute ist das Reisen nicht mehr einer elitären Gesellschaftsschicht vorbehalten. Viele Menschen reisen, um der Gewöhnlichkeit des Alltags zu entfliehen, um sich zu vergnügen, vielleicht um das „Glück“ zu finden. Das Angebot an Reisezielen wächst ständig und die Werbung wird nicht müde, uns mit schönen Bildern zu verführen. Oft reisen wir dann mit diesen Bildern im Kopf an unsere Reiseziele und lassen uns von ihnen den Blick auf die Wirklichkeit verstellen, gewollt oder ungewollt.

 

In einem Gespräch über das Reisen, veröffentlicht in der Kulturzeitschrift des Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann[1] im September 2008, äußerte der schweizerisch-britische Philosoph Alain de Botton folgenden Gedanken:

Ich glaube, eine der größten Herausforderungen beim Reisen ist es, zu lernen, was man wirklich sehen möchte. Viele Menschen schlucken unverdaut eine Art von Vision dessen, wohin sie reisen sollten und was sie sehen sollten, auch wenn das nicht wirklich zu ihnen passt.

Für de Botton könnte das Reisen einen lebensbereichernden Aspekt haben, vielleicht auch unserem Leben eine andere Richtung geben. Früher fasste man diesen (um)formenden Prozess unter den Begriff „Bildung“. Leider assoziieren wir heute mit „Bildung“ eine anstrengende und mühsame Tätigkeit der Wissensaneignung.

[1] Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

 

 

 

Reisen erfordert eine gewisse Spannung zwischen dem Nicht-Alles-Wissen und dem Nicht-Nichts-Wissen. Wer zum Beispiel keine Ahnung von Geschichte hat, kann nicht wirklich wissen, wohin er reist und was er dort alles sehen könnte. Wenn man aber zu sehr informiert ist, zu genau weiß, was man alles sehen und fühlen müsste, kann das auch hemmend sein. Ein Problem des modernen Reisens ist, dass der Gedanke an eine spontane Entdeckung stark gefährdet ist, weil man alles auf einer Webcam oder in einer Broschüre sehen kann, bevor man überhaupt dort hinfährt. (de Botton, siehe oben)

Wenn man sich noch dem Begriff der „Bildung“ in seiner die Routine und den Alltag verändernden Wirkung verpflichtet weiß – wie wir es tun – dann kann man eigentlich nie sagen: Das habe ich schon gesehen, dorthin reise ich nicht mehr! Wenn man sich das kindliche Staunen bewahrt hat, sich immer wieder von der Atmosphäre und dem Augenblick überraschen lassen kann, dann erlebt man die Menschen, Orte und Landschaften immer wieder anders.

Wir glauben nicht, dass man sein Glück an einem bestimmten Ort dieser Welt findet, aber wir halten es für ein Glück, reisen zu können.