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Eine Reise in den Süden

„Eine Reise in den Süden ist für manchen schick und fein, doch zwei Colonesen möchten schnell im Licht der Sonne sein.“ Wir haben es wieder getan. Und das ist auch gut so. Da der Klimawandel, der im Prinzip nichts anderes ist als eine „stetig fortschreitende globale Erderwärmung“ und inzwischen auch bei uns mit höheren Durchschnittstemperaturen angekommen ist, ziehen wir es dennoch vor, für eine gewisse Zeit das angenehme und belebende Licht am Mittelmeer zu suchen. Dass es da unten auch wärmer als in Deutschland ist, muss als weiteres Benefit gewertet werden. Nachdem wir vier Jahre hintereinander im Roussillon bei Perpignan unter dem schneebedeckten Gipfel des Pic de Canigou in ländlicher Provinzialität uns einer dörflichen Umgebung ausgeliefert hatten, verweilten wir im Januar und Februar 2019 fast sechs Wochen in Marseille. Das war eine wunderbar entspannende Zeit, weil wir einerseits unmittelbar am Vieux Port eine kleine Wohnung gefunden hatten und andrerseits die von uns so geliebte Stadt am Golfe du Lion jeden Tag neue Überraschungen bereit hielt, da wir die vielen Quartiere der historischen Hafenstadt ungezwungen und entspannt neu entdecken konnten. Marseille verfügt aber über ein sehr großes Manko: Man findet keine Parkplätze und wenn man das Auto in eine Tiefgarage stellt, wird man in sechs Wochen so sehr zur Kasse gebeten, dass man unter Umständen mehr Geld für Parkgebühren ausgibt als für leckere Fischlein. Es ist aber zu verstehen, dass der Magistrat das Parken erheblich erschwert hat, denn jede Großstadt dieses Ausmaßes leidet am unablässig fließenden Strom der Blechkarossen, der Verstopfung der Straßen und steht immer kurz vor dem sogenannten Verkehrsinfarkt. Wir hatten Glück, dass wir die einzige Straße im Panier fanden, in der man kostenlos den Wagen abstellen konnte. Das erforderte aber logistische Planung und immer eine schnelle Reaktion, weil prinzipiell im Normalfall kein freier Parkplatz zu finden ist und es fast unmöglich ist, in der an beiden Seiten zugeparkten Einbahnstraße eine Lücke zu ergattern. Einige Bürger der Stadt oder aus dem Umland, die in den Docks oder den anderen neu hochgezogenen Bürohäusern arbeiten, kennen diese Straße, Touristen haben wir keine gesehen. Das Glück des Insidertipps. Es ist also angebracht, entweder frühmorgens, wenn die Anwohner, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, auf der Lauer zu liegen, oder am frühen Abend, wenn die Pendler wieder heimfahren. Hat man sein Gefährt dann zwischen die anderen Autos gequetscht, sollte man die Karre so lange wie notwendig oder möglich dort stehen lassen. Den Tipp bekamen wir von unserem Vermieter, der uns aber trotzdem wenig Hoffnung auf Erfolg machte, aber nicht damit gerechnet hatte, wie hartnäckig die Auswirkungen deutscher Generaltugenden sein können.

Obwohl der Mistral an manchem Tag mit Eiseskälte die Kleidung zu durchdringen versuchte und obwohl sich die Nächte immer wieder dem Gefrierpunkt näherten, hatten wir in der ganzen Zeit anderthalb Tage Regen und ansonsten immer Sonnenschein mit teilweise Temperaturen, die 16 Grad plus hinter sich ließen. Wir haben die Zeit genutzt und Arles und Avignon vorbereitet, die als Reiseziele für philosophiekunst im Frühling und Sommer feststanden. Ich konnte in Ruhe zusätzlich an einem größeren Manuskript schreiben und sehr viele Fotomotive in meine Bildspeicher hinzufügen. Marseille ist und bleibt eine Stadt, die man immer wieder neu entdecken kann und in der jeder Fotograf ohnehin an jeder Ecke Neues findet, auch wenn das Objekt der Begierde schon sehr alt ist oder völlig vergessen zu sein scheint. Bei 17 Grad im Januar in einem Restaurant an der Pier draußen in der Sonne zu sitzen, ist ein Vergnügen der luxuriösen Art, wenn man den Begriff Luxus richtig zu deuten vermag.

Wir sind über Bregenz, den San Bernardino (durch den Tunnel), am Lago Maggiore entlang zunächst bis ins Piemont gefahren und haben in einem detailgetreu restaurierten 300 Jahre alten Castello in einer geräumigen Suite übernachtet. Wieder so ein Glücksfall, weil ich lange genug gesucht hatte und der Preis stand in keinem Verhältnis zu dem großzügigen Ambiente. Mit 70 Euro waren wir dabei.
Am nächsten Morgen durchquerten wir die Piemonteser Berge auf der Autostrada 26, Tunnel reiht sich an Brücke an Tunnel an Brücke. Unser Ziel Ligurien und das Meer, welches schon nach den letzten Hügelketten scheinbar greifbar nahe schien. Danach ging es so weiter, denn die Autostrada dei Fiori nach Ventimiglia gleicht einer Achterbahnfahrt im stetigen Wechsel gleißender Sonne und unwirklicher Höhlendüsternis. Bei Bordighera fährt man über atemberaubende Serpentinen und Haarnadelkurven von der höher gelegenen Schnellstraße bis an die Küstenstraße und nach wenigen Kilometern erreichten wir Vallecrosia an der Grenze zu Frankreich, der vom eigentlichen Sehnsuchtsort Menton nur wenige Kilometer entfernt liegt. Bislang hatte ich nur Fotos von der gemieteten Wohnung gesehen, aber die Wirklichkeit übertraf alle vorher ausgemalten Erwartungen in einem kleinen Paradies mit Palmen und Zypressen inmitten der hässlich einfallslosen Apartementhäuser aus den 60er und 70er Jahren, Schandflecken aus der Anfangszeit des boomenden Tourismus nach dem Zweiten Weltkrieg.
Diese Oase der Ruhe mit einer ästhetisch ambitionierten Atmosphäre in einem Gebäude, das laut der freundlichen Vermieterin vermeintlich im 17. Jahrhundert erbaut wurde. Was auch stimmen mag, aber im Laufe der Jahre und vieler geschichtlicher Umbrüche wurde das Haus baulich immer wieder den jeweiligen zeitgemäßen Ansprüchen angepasst, geblieben ist aber eine charmante Villa, die vielleicht auch die Plattenbauten drumherum noch überleben wird. Die Deckenmalereien, man versicherte mir, dass es Originale seien, zeugen davon, auch wenn sie im Laufe der Zeit mehrfach farbenprächtig restauriert wurden. Das Meer und der Strand sind fußläufig in fünf Minuten zu erreichen. Leider ist es vorwiegend Steinstrand und der Sand hat eine schmutzig graue Tönung.
Es ist das Licht und die immergrünen Bergausläufer, Pinien, Zypressen, Pinien, Olivenbäume und immer wieder die kleinen orange getüpfelten Orangen- und Mandarinenhaine, die schlagartig die Stimmung heben und zumindest mich, der ich dem Winter nichts abverlangen kann, nicht nur außerordentlich Antrieb verleiht und mich unmittelbar in eine kreativ inspirierende Stimmung versetzt. Es geht uns gut.

In einem der Zimmer haben wir uns ein kleines Büro eingerichtet, damit ich in der nächsten Zeit die nun kommenden von mir noch zu schießenden Fotos am großen Computer weiterverarbeiten kann und neue größere Bildcollagen entstehen lasse. Eva ackert sich durch das Mamutwerk von Jürgen Habermas, das erst im Dezember veröffentlicht wird. Aber gemach, denn schließlich sind wir noch ein paar Wochen hier und keine Macht der Welt wird uns zwingen, in zwanghafter Weise die Zeit so einzuteilen, dass Körper und Seele auch nur den geringsten Schaden erleiden – im Gegenteil.

Wir haben die Wohnung über AirBnB gefunden und gerade auf diesem bekanntesten Wohnungsharingportal wird mit Euphemismen, Weglassungen, Falschaussagen und Weitwinkelfotos dermaßen geschummelt, dass man viel Geduld aufbringen muss, um ein Refugium zu finden, das absolut stimmig ist. Aus Erfahrung weiß ich, dass man hin und wieder am Rande eines Nervenzusammenbruchs hereinfallen kann. Ich untersuche und analysiere die Texte wie die Fotos genauestens und versuche über e-mails mit den Vermietern offene Fragen zufriedenstellend zu klären. So fand ich leider in Menton nichts passendes, aber in Vallecrosia das ideale Quartier für die ansonsten so tristen Wochen zwischen Januar und März.

AirBnB wird in Europa inzwischen von vielen Kommunalpolitikern verteufelt und in einigen Städten zurecht in die Schranken gewiesen, weil die Ansicht zur Meinung wurde, dass dieses Sharingportal anderen einheimischen Menschen Wohnraum entzieht. Das mag in vielen Städten Deutschlands und den Hotspot-Metropolen des übrigen Europas durchaus stimmen, aber man muss schon das gesamte System des Sharings wie des Wohnungsmarktes genau überprüfen, um zu einem einigermaßen klaren Resultat zu kommen. Viele Politiker und Meinungsmacher der Medien greifen die Sharingeconomy deshalb an, weil sie in den letzten zehn bis zwanzig Jahren versäumt haben, genügend Wohnraum für ihre Bürger zu schaffen. Die Wohnungsnot in Deutschland spricht eine eindeutige Sprache des Versagens und einer asozialen Hinhaltetaktik, die durch Bauvorschriften noch dramatisiert wird. Außerdem geht es vielen Entscheidern in der Kommunalpolitik lediglich darum, die originäre Touristikwirtschaft wie Hotels und Pensionen nicht als Wählerpotential zu vergraulen. Deren Lobbyisten tun alles, um eine neue Struktur sozialer Gesellschaftsformen innerhalb der inzwischen zwangsläufig entstandenen globalen Neuordnung, die kaum noch aufzuhalten ist, zu diskreditieren, weil der Profitprogrammierte an den alten, profitablen Systemvoraussetzungen unbedingt festhalten will. Natürlich müssen bestimmte Auswüchse wie beispielsweise die wuchernde AirBnBnisierung der Alfama in Lissabon oder des Gracia-Viertels in Barcelona eingedämmt und reguliert werden, aber hier an der italienischen Riviera, die von Savona bis Ventimiglia flächendeckend zugebaut wurde, gleichen die Apartmenthäuser und Hotels im Winter Geisterbunkern, die Villen und Chalets an den Berghängen stehen ebenso leer und die Orte sind wochentags über nahezu ausgestorben. Mir fällt immer wieder auf, wieviel gut zu nutzender Wohnraum periodisch leer steht, denn auch im Sommer sind viele Privathäuser lediglich in den Ferienmonaten bewohnt. Besitz von Immobilien gilt als wichtiger Grundpfeiler einer marktkonformen Konsumgesellschaft, Besitz bedeutet Macht und Einfluss und Besitz trennt die Gesellschaften in Klassen. Besitz ist in einer Welt die von 7 Milliarden Bewohnern in wenigen Jahrzehnten auf 10 Milliarden hochschnellen wird, eine der Hauptgründe weltweiter Ungerechtigkeit. Das hat nichts mit dem kleinen Eigenheim zu tun, dass der Besitzer ohnehin ein Leben lang abbezahlen muss. Angesichts einer sich dramatisch schnell verändernden Gesellschaftstransformation im Zeichen des Klimawandels (globale Erderwärmung mit möglichen katastrophalen Folgen) muss auch der Begriff „Besitz“ rechtlich und sozial im Sinne der Gerechtigkeitsfrage zwischen den Klassen neu definiert werden. Während sich in der dritten Welt und in vielen Schwellenländern wie Brasilien oder den Philipinen Millionen Menschen in Blechbehausungen drängeln oder obdachlos sind, leben die reicheren Klassen wie die Maden im Speck in den von hohen Zäunen umgebenen Latifundien ihrer oft ererbten oder oft illegal zusammengerafften Reichtümer, wer reich ist, wird nicht mehr gefragt, woher seine Reichtümer stammen. Ob an der Copacabana oder am Starnberger See, ob in Saint Tropez oder in Andratx, Reichtumsexklaven blicken oft von ganz oben auf die unter ihnen liegenden Siedlungen oder Slums herab oder sind so dicht an der Küste gelegen, dass ohnehin kein Unbefugter bis ans Wasser vordringen kann. Der Streifen zwischen Meeresdünung und Exzellenzbehausung oder die am Berghang gelegene Landhausvilla mit Pool und Tennisplatz ist im allgemeinen  für das „gemeine Volk“ nicht zugänglich. Der international tätige Immobilienvermittler John Taylor bietet allein an der Côte d´Azur 662 Villen zwischen 1  und 15 Millionen Euro zum Verkauf  an. Das führt dazu, dass ein großer Teil unserer Erde, da wo sie durch außergewöhnliche landschaftliche Prägung einem verlockenden Idealbild gleicht, vielen Menschen, die unsere vielfältige Marktwirtschaft erst von der Basis her am Laufen haltem, vorenthalten wird. Außerdem erscheint es für eine demokratische Gesellschaft ungerecht und unsozial, wenn nicht alle Menschen Teilhabe am Schönen, Erholsamen, Gesundheitsfördernden und Beschaulichen haben.

Hier an der Riviera Liguriens, die wie so viele Küsten des Mittelmeeres mit Betonklötzen zugeschissen wurde, grenzt es an ein Wunder, zu einem bezahlbaren Preis eine der vielen leer stehenden Wohnungen in Meeresnähe ergattert zu haben. Im Winter ist Leerstand der Normalzustand. Deshalb muss man die Nutzen wie die Überfremdungen und Schäden aller Arten des touristischen Reisens und speziell der Wohnungsvermietung anders bewerten als in Orten, deren explodierende Bevölkerungszahlen jeden Rahmen sprengen. Im digitalen Zeitalter und gerade nach dem Jahr 2000 wurde es durch die rasante Verbreitung des Internets erst möglich, sämtliche Angebote des Marktes so zu konzentrieren, dass jeder am Computer mit wenigen Clicks Reisen buchen kann, Immobilien findet, Autos mietet, Einkäufe tätigt oder über Suchmaschinen in Sekundenschnelle Antworten auf offene Fragen bekommt.  Ferienimmobilien werden über mehrere globale und regionale Portale angeboten und viele Angebote werden in den unterschiedlichen Portalen gleichzeitig präsentiert. Unter AirBnB subsumieren sich die vielen Sharingangebote als Möglichkeit, leer stehenden Raum zu vermieten, allerdings scheint gerade in den Metropolen das geschäftsmäßige Offerieren auch dazu geführt haben, dass den eigentlichen Bewohnern Mietraum entzogen wird. Diese gesetzeswidrigen Umtriebe können nur durch sanktionierte Regulierungen der Kommunalpolitik nachhaltig gestoppt werden.

Bei allen Beurteilungen versuche ich immer die Eigenheiten des Reisens wie des touristischen Ortswechsels in Betracht zu ziehen, weil die bürgerlich nachhaltige Form des einstmals als “Reisen” bezeichneten Ortwechsels mit dem Turbotourismus des 21. Jahrhunderts wenig Gemeinsamkeiten aufweisen kann. Tourismus ist nicht nur eine kleine Verschnaufpause im streng organisierten Lebensablauf des Menschen innerhalb der Entfremdung des Neoliberalismus globaler Prägung, Tourismus ist die zwangsläufige Folgeerscheinung seit Beginn der Industrialisierung und der darauf fußenden kapitalistisch und materialistisch strukturierten Konsumgesellschaft, die mit der Arbeitskraft, der Nützlichkeit oder der kreativen Weiterentwicklung des Menschen einen faustischen Pakt geschmiedet hat. All das, was der Mensch mit seiner Tatkraft erwirtschaft, muss auch ge- oder verbraucht werden. So entwickelt sich eine Gleichzeitigkeit des Kosten-Nutzen Kalküls, indem wir nahezu  ausweglos im Reigen der Produktion und des Konsums gefangen sind. Wir bauen Flugzeuge, um den Erdball zu umrunden, wir bauen Hotels, damit wir darin kurzzeitig wohnen können, wir haben die digitale Technologie so perfektioniert, dass wir inzwischen von ihr dermaßen abhängig geworden sind, dass ohne die digitale Flächenvernetzung nichts mehr geht. Marx und Engels vertraten im 19. Jahrhundert die These, dass der Arbeiter sich im Kapitalismus zwangsweise für sein Leben verausgaben muss, um sich dann in der Freizeit nach vorgefertigten Mustern regenerieren zu können, um wieder an die Werkbank zurückzukehren. Was erarbeitet wird, braucht er schließlich auch selbst, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können und gerät so in eine doppelte Ausbeutung. Der Tauschwert des Geldes und die einseitige Berufslebenszeit sorgen dafür, dass der Arbeitnehmer die Lebensmittel kaufen muss, die in der einseitigen Landwirtschaft produziert werden und umgekehrt braucht der Bauer oder Agrararbeiter die Werkzeuge oder Chemikalien, die der Arbeiter wiederum produziert. Alle Produkte des Schaffens, gleichgültig in welcher Produktionssparte, müssen wiederum redundant verbraucht werden, um den Kreislauf der Wirtschaft und des damit verbundenen endlosen Wachstumsfetisch immer im Gang halten zu können. „Die Differenz zwischen Tauschwert der Arbeit und Tauschwert der von den Arbeitern produzierten Güter wird als Mehrwert bezeichnet.“ (Marx)

Die ländlichen Gebiete im Süden Europas, viele Jahrhunderte ein Armenhaus, bekamen den Mehrwert durch die günstigen klimatischen Verhältnisse, der Anwesenheit des Meeres und einer immergrünen Vegetation quasi als Mehrwert geschenkt. Die Bewohner der Mittelmeerküsten konnten diesen Mehrwert aber erst mit Beginn der Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Reisende aus dem Norden als Mehrwertnutzer langsam aber stetig für sich verbuchen. Nach dem 1. Weltkrieg, in Frankreich auch der „Große Krieg = Grand Guerre“ genannt, zog es das begüterte Bürgertum der nördlichen Länder, mehr und mehr zur Erholung nach Süden. Die französische und italienische Riviera zwischen Cannes und Genua profitierte zunächst am meisten von den Errungenschaften der neuen Zeit: Eisenbahnen und Automobile machten es möglich, dass sich die Zahl der Reisenden permanent potenzierte. Nizza, Monte Carlo, Menton, Bordighera, Albenga, Portofino oder San Remo sind die Namen an der Côte d´Azur und in Ligurien, die als Reiseziele von den Wärme- und Lichtsuchenden genannt wurden. Die milden Winter und die überaus warmen Monate zwischen Frühling und Herbst sorgten schließlich dafür, dass mehr und mehr kleine Fischerdörfer die Zeichen der Zeit erkannten und sich auf die Bedürfnisse der Reisenden einstellten. Im Sprachgebrauch entstanden die geografischen Bezeichnungen „Côte d´Azur und Riviera dei Fiori“, die nach und nach als Gütesiegel für anspruchsvolle Ferienaufhalte galten. Ende der Zwanziger Jahre fuhren Erika und Klaus Mann die Küste entlang und verfassten einen sehr subjektiv gefärbten Reiseführer, der allerdings das Selbstverständnis der damaligen „Jeunesse dorée“ unter den Bildungsbürgern treffend wiedergibt. Die mediterranen Küsten erlebten in den Jahren zwischen 1919 und 1933 eine Blütezeit, in der Reisende trotz der Mussolini-Faschisten kaum Beeinträchtigungen verspürten, was sich aber spätestens nach den Nürnberger Rassegesetzen 1936 schlagartig änderte. Die Côte
d´Azur entwickelte sich gerade für deutsche Juden, Kommunisten, Schriftsteller und Intellektuelle zu einem einzigartigen Emigrantenexil in Europa. Allein in Sanary-sur-Mer lebten zeitweise Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Egon Erwin Kisch, Thomas, Katja und Heinrich Mann und die Geschwister Golo, Erika und Klaus,Walter Hasenclever, Joseph Roth, Stefan Zweig, Rene Schickele, Hermann Kesten, Alfred Kantorowicz, Erwin Piscator, Ludwig Marcuse, Erwin Piscator, Franz Werfel und Franz Hessel. Das Buch „Die Witwe Bosca“ von René Schickele, der seine Exilzeit in dem kleinen Ort beschreibt, brachte mich schon vor vielen Jahren auf die Spur dieser ersten Garde deutscher Exilanten und in 80er Jahren verbrachte ich zwei Wochen in Sanary, obwohl ich ziemlich enttäuscht wurde, weil ich die beschreibungen von Schickele nicht mehr fand und inzwischen die gesamte Küste durch die Betonimmobilien unkenntlich geworden war. Allein im kleinen Hafen verspürte ich noch den Hauch einer lebendigen Vergangenheit, die ansonsten unwiederbringlich im Grab der Geschichte gelandet war. Das Sehnsuchtsziel Riviera, wie es vor 60 oder 90 Jahren noch meine Phantasie beflügelte, gibt es nicht mehr, wenn man aber zufälligerweise einmal in eine der alten Hotels, Villen und Landhäuser eingeladen wurd, vermeinte man in den authentisch erhaltenen Ambienten des Luxus das Stimmengewirr und Gläserklingen dieser verlorenen Zeit nachzuempfinden.

Als wir von Alessandria kommend, die Küste erreichten und auf der „Blumenautobahn“ Richtung französische Grenze fuhren, sah man bereits, dass zwischen Meer und den Bergen der Immobilienwahn eine durchgehende weiß-grau-rosa-rote-gelbe Betonspur, einem unregelmäßig zusammengestückelten Flickenteppich gleich, entstanden war. Die größeren Bettenburgen ragten überall heraus und immer wieder wurde der Farbenbrei durch hochstehende Zypressen, Palmen oder Pinien durchbrochen. Viele Einzelbebauungen und großflächige Gewächshauskolonien standen bis hoch in die waldigen Hügel des Appeninausläufers. An der Küstenstraße angelangt, fuhren wir durch eine einzige Häuserschlucht, die nicht anders aussah, wie die Vorstadtstraßen in Palermo, Mailand oder Genua. Es  handelte sich um 4-8stöckige Wohnblocks oder Ferienapartmenthäuser, in deren Erdgeschossen Geschäfte, Bars oder Restaurants untergebracht waren. Das ist die italienische Variante der allgemeinen Küstenverbauung. Ich muss dieser anarchischen Art der planlos erscheinenden Grundstücksbebauung  aber zugestehen, dass es lebendiger und kraftvoller wirkt, wenn ich daran denke wie es in Mülheim, Chorweiler oder sogar in den steril wirkenden besser situierten Vorstädten unserer Heimatstadt aussieht. Würde man sich die Stein- und Betonwüste wegdenken, bleibt es aber die große Landschaftszerstörung entlang des nördlichen Mittelmeeres zwischen Gibraltar und Dubrovnik.

Umso begeisterter und überraschter waren wir, als wir das Haus betraten, in dem wir jetzt bis Ende Februar bleiben werden. Ein Schmuckstück, eine Oase, die Erfüllung eines kleinen Traumes.

Der gefräßige Fortschritt kann nicht alles verschlingen, was in einer gewachsenen Kulturlandschaft über Jahrhunderte entstanden ist und die Natur außerhalb der Besiedlungen schert sich ohnehin einen Deut um die Bemühungen des Menschen, sie zu bändigen. Geht der Mensch oder muss er zwangsläufig seinen angestammten Wohnort verlassen, holt sich die Natur nach und nach wieder alles zurück. Und das ist tröstlich.

„Je geringer die Zahl der absolut zu befriedigenden Naturbedürfnisse und je größer die natürliche Bodenfruchtbarkeit und Gunst des Klimas, desto geringer die zur Erhaltung und Reproduktion des Produzenten notwendige Arbeitszeit. Desto größer kann also der Überschuss seiner Arbeit für andere“(535) sein. Es waren die fruchtbaren Flussniederungen des Altertums, in denen erstmals viel frei verfügbare Arbeitskraft vorhanden war, um die kolossalen Bauwerke der Antike zu schaffen. Aber daraus folgt keineswegs, „dass der fruchtbarste Boden der geeignetste zum Wachstum der kapitalistischen Produktionsweise“ gewesen wäre. „Eine zu verschwenderische Natur“ hält den Menschen „an ihrer Hand wie ein Kind am Gängelband. Sie macht seine eigne Entwicklung nicht zu einer Naturnotwendigkeit(!). Nicht das tropische Klima mit seiner überwuchernden Vegetation, sondern die gemäßigte Zone ist das Mutterland des Kapitals.“

„Durch den romantischen Liebesroman „Il Dottore Antonio“ von Giovanni Ruffini, der in San Remo und Bordighera spielt und 1855 erstmals in Edinburgh erschien, wird der Ort in ganz England bekannt. Dies löst eine Reisewelle an die italienische Riviera insbesondere von England, aber auch von Frankreich, Russland, Deutschland und Österreich vor allem nach Bordighera und San Remo aus.“

Aus Wikipedia

55 Badeorte mit knapp 800 Badeanstalten säumen die 342 Kilometer lange Steilküste zwischen Ventimiglia und La Spezia. Zusammen bringen sie es auf über 2875 Hotels und Gastbetriebe, auf beinahe 100 000 Hotel- und doppelt so viele Privatbetten. 13 Prozent allein der italienischen Touristen strömen jährlich in klassische Orte wie San Remo, Portofino oder Alassio, aber auch in die vielen weniger berühmten Nachbardörfchen. Deutsche Urlauber kommen ebenfalls in Scharen – wenngleich es in den vergangenen Jahren leichte Rückgänge zu verzeichnen gab.

Aus der ZEIT 1985 – Isolde von Mersi