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Allons Enfants. Quatorze Juillet

Eric Vuillard, der bekannte französische Schriftsteller und Goncourt-Preisträger, erzählt über bedeutende Ereignisse der Weltgeschichte in seinen Dokufiktionsromanen und widmet sein Buch „14. Juli“ den einzigen Protagonisten, die es verdient haben, mit Würdigung in die Geschichte einzugehen: dem Volk. Sie erstritten ihre eigene Befreiung und leiteten die Wendung ein, die Europa über den heutigen Tag hinaus nachhaltig verändern sollte. Dieses Ereignis erschütterte nicht nur das französische Feudalsystem, sondern eroberte im Laufe der kommenden Jahrhunderte der Demokratisierung den gesamten Kontinent. Durch die Entstehung nationalistischer Tendenzen in den neu entstandenen Republiken wurde im Zuge der sich schnell ausbreitenden Industrialisierung und der daraus folgerichtigen Entwicklung des Kapitalismus und Kommunismus alle demokratischen Erfolge über Jahrzehnte wieder in Frage gestellt.

„Und vor allem wird in Versailles gespielt, man spielt auf unverschämte, unermüdliche, verrückte und leichtfertige Weise, spielt um unerhörte Summen, ganz Versailles spielt. Der König. Und die Königin. In allen Räumen, in allen Gebäuden stehen Spieltische. Man spielt Pharo, Würfelspiele oder Lotto, einfach alles. Ein Bankier kommt eigens aus der Stadt, um die Tische mit Bargeld zu versorgen und die Schulden zu notieren. Das grüne Tuch wird bombardiert. Während die Pariser Menge für 10 Sous spachtelt und in der Kneipe ihren Schnaps schlotzt, während Raffetin mit Cottin im Grand Faucheur zulangt, während man im verrauchten Radau zwischen Fischresten und Brotkrumen für ein paar Groschen pfeift und spielt, während eine Kundin neben einem Haufen von Bettlern und Lumpenhändlern ihren Bälgern den Hintern abwischt, während das Königreich haarscharf am Bankrott vorbeischrammt, beziffert sich das Defizit der Königinnen-Pension zu Jahresende auf fast fünhunderttausend Livres.“

Seite 19, 14. Juli, Eric Vuillard

Seit diesen Julitagen in der Spätzeit des 18. Jahrhunderts und allen nachfolgenden politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, all den Umstürzen und Verwerfungen, den bahnbrechenden Erfindungen und philosophischen Diskursen, der industriellen Revolution oder den blutigen Kriegen entwickelte sich dieser 14. Juli zu einem Mythos und dem sakrosankten Tag aller französischen Republiken, die aus dieser Revolution erwuchsen. Die erste Republik entstand 1792, endete aber schon 1804 und die zweite Republik wurde durch den Aufstand des Volkes 1848 ausgelöst, endete aber auch nach nur wenigen Jahren 1852.

1789 entschloss sich das einfache Volk ihrem Hunger, ihren Demütigungen und ihrer Wut ein Ende zu bereiten, indem sie mit Wucht und Entschlossenheit dem Treiben der feudalen Blutsauger ein Ende bereiteten. Es folgten die Jakobiner, die Schleifung der Bastille, die Nationalversammlung, Danton, Robespierre, Marat, die Guillotine, der Bürger Capet, die Girondisten, die Säkularisierung und schließlich – wie der Dolch des Brutus – der korsische Terminator Napoleon. Auch wenn Napoleon Europa, den nahen Osten und Nordafrika mit zahlreichen Kriegen blutig überzog, wird er von den Franzosen immer noch ehrfürchtig und ein wenig verschämt „heldenhaft“ verehrt.

In Paris stand der von den Gelbwesten als „Sonnenkönig“ verhöhnte französische Präsident Emmanuel Macron zufrieden lächelnd auf der Tribüne zur Ehrenparade der Nationalfeiertages und schaute hoch zu der Fliegerstaffel der französischen Luftwaffe, die aus ihren Triebwerken Bleu, Blanc und Rouge mit langen, hinter sich herziehenden Kondensstreifen in den Himmel malten. Was Hollywood als FiktionFake mit Superman den Zuschauern vorzugaukeln versucht hatte und schon bei anderen Großevents als spectaculum furioso inszeniert wurde, ließ Macrons Träume kämpferischer Zukunftsvisionen eines starken Frankreichs und Europas zumindest in der Show wahr werden. Oder war Fantomas auferstanden und präsentierte den Franzosen, dass der Esprit und die Kraft der Bastillestürmer immer noch lebendig sein können. Die stolzen Generäle der „Force de Frappe“ ließen einen martialisch uniformierten Soldaten (allerdings den weltbekannten Stuntman Franky Zapata) auf einer Art Düsenskateboard über die City von Paris und den Triumphbogen fliegen. Frankreichs junger und dynamischer Präsident präsentierte damit als Highlight des Polittheaters dieses militärische Zauberkunststück der ganz besonderen Art und demonstrierte eindrücklich, wie sich die französische Politik die Zukunft ihrer Verteidigungspräsenz gegen alle Feinde diesseits und jenseits des Atlantiks vorstellt. Der Vergleich mit Ikarus, wie es in einigen Medien beschrieben wurde, hinkt, denn in der schönen neuen Welt der digital gesteuerten Roboterflugmaschinen steht bislang nur eine utopistische Show und nicht die pragmatische Funktionalität im Vordergrund des Interesse, deshalb stürzt vielleicht nur der Glaube an die Allmacht der Technik auf den harten Asphalt. Die Menge am Champs Elysee jubelte und klatschte und in diesen Augenblicken erinnerte nichts mehr an die Verwüstungen auf der Prachtstraße, die von den Protestaktionen der Gilet Jaunes wie dem brutalen Polizeieinsatz angerichtet worden waren. Als aber die Tribünen, Barrieren und Sicherheitsvorkehrungen an dem weltberühmten Boulevard weggeräumt waren und sich scheinbar wieder zivile Ruhe über die Seinestadt zu legen versuchte, tauchten die Gelbwesten wieder auf und bewiesen auf brachiale und radikalere Weise, dass das staatskritische Element und das Misstrauen in die Machteliten im französischen Charakter nie zu unterschätzen sind. In Frankreichs Hauptstadt lassen sich die Bevölkerungsschichten auch bedingt durch die geografische Lage der Arrondissements in Klassen aufteilen. Zwischen dem 16. A. und dem 19. A. liegen Einkommensunterschiede zwischen 500 Euro und 5.Millionen und wenn man die Banlieus genauer untersucht, so macht es nicht Wunder, dass gerade die Mehrzahl der Gelbwesten bei den Samstagdemonstrationen aus diesen Vierteln rund um die Stadt kommen. Und mitten in der Cité, rund um Notre Dame und die lebenshungrigen Boulevards, muss man als Normalverdiener schon sehr viel Sous in der Schatulle haben, um sich nur eine Kammer leisten zu können.

„Um für die königliche Mundküche zuständigen eintausendfünfhundert Personen unterzubringen, hatte man die ganze, ja tatsächlich die gesamte Bevölkerung des ehemaligen Dorfes Versailles enteignet! Geht doch woanders zum Henker, ihr Lumpen und Trunkenbolde! Man machte den Weiler dem Erdboden gleich und stampfte die Erde fest, um dortselbst das Grand Commun zu errichten, ein schlichtes, harmonisches Corps de Logis, ein Beispiel an Ausgewogenheit und Ebenmaß. Und bis zum Schluss, bis zur Revolution, herrschte in Versailles eine Überzahl an verschiedenerlei Dienern, diversen Lakaien, Bratspießdrehern, Violinisten, Instrumententräger, Laufburschen für Wein, Kurtisanenkutschen, Salatlieferanten, Suppenköchen und Küchenjungen; das alles neben einem Haufen von Ämtern, Gesellschaftsdamen, Pagen und nicht weniger als vierzig Kammerdienern allein für den König, erlesene, um das königliche Bett, den königlichen Spiegel und den königlichen Nachttopf seiner Majestät schwirrende Schmeißfliegen.“ 

Seite 22, 14. Juli, Eric Vuillard

Der 14. Juli ist mehr als nur ein Nationalfeiertag, dieser Tag feiert das Selbstverständnis französischer Kultur vor und nach der Revolution von 1789, vor und nach Henry IV, vor und nach Ludwig XIV, vor und nach Napoleon und vor und nach dem großen Krieg zwischen 1914 und  1918. Der 14. Juli ist der Tag, an dem Frankreich der ganzen Welt zeigen will, dass es zu Recht das Volk ist, dass in seiner Selbstbetrachtung die vereinigende Identität besitzt und sich erkämpft hat, die kein anderes Volk in Europa zu haben glaubt. Aber die wichtigste Erkenntnis aus den Ereignissen des 14. Juli besteht in dem stolzen Selbstbewusstsein, aus den Wurzeln des einfachen Volkes zu einer großen Nation geworden zu sein. Dabei liegen die Wurzeln dieses Frankreichs in dem gleichen Nährboden wie die der Deutschen, denn über Jahrhunderte erwuchs aus den ungleichen Brüdern und Schwestern eine Sippe, die später zweigeteilt und mit den britschen Empireregimes in einzigartiger Weise Europa dominiert, beherrscht und geprägt haben.

„Schon morgens war der Menschenauflauf um die Bastille weiter angewachsen. Bellende Hunde, ein Maulesel, der nach Paris gezogen wurde, betrunkene junge Leute. Ja, bettelarme Greise, dickbäuchige Ladenbesitzer und bildschöne Mädchen. Ab sechs Uhr morgens stand Nicolas d`Arras im Hof des Arsenals. Mit ihm die Brüder Moreau, François, Oberleutnant, dreiundzwanzig Jahre alt, und Philippe, Hauptmann, der nur ein paar Jahre ältere. Angehörige der Gardes françaises, kleine blau-weiß-rote Männlein. Eine vorerst noch verstreute Menschenmenge ist fast nichts, sie bekommt auf allen Seiten Luft, man hat keine Angst, noch ist die Aufregung überschaubar. Doch dann zieht sich die Schlinge unmerklich zusammen, so als würde Wasser steigen, und plötzlich berühren sich die Ellbogen, der Lärm ist immens. Ah! Wie es anschwillt, und diese zerzausten jungen Leute dort, die ihren Spaß haben! Un da, das alte Mütterchen, das sich in die Schürze schnäuzt!“

Seite 43, 14. Juli, Eric Vuillard

Karl der Große installierte mitten in Europa im 9. Jahrhundert ein riesiges Frankenreich und seitdem sind die Volksstämme des heutigen Frankreichs und Deutschlands miteinander verbandelt, im Guten wie im Schlechten. Schon in jenen Tagen kamen die ersten großen Animositäten und Zwistigkeiten auf, die sich zunächst in unterschiedlich ausgelegten Begrifflichkeiten und Abstammungsargumentationen äußersten, aber im 19. Jahrhundert offen als Erbfeindschaft bezeichnet wurden. Schon damals zeigten sich die ersten Ursprünge dieser stetig wachsenden Feindschaft. Um ein wenig diese bis heute andauernde „Hassliebe“ zwischen Franzosen und Deutschen zu verstehen, muss man bis zu den Franken zurückgehen, einer der germanischen Großstämme, die sich im 2./3. Jahrhundert im Umfeld des von den Römern besetzten Teiles Germaniens formierten. Salische Franken drangen bis nach Gallien vor, die Rheinfranken zogen über den Mittelrhein und das Moselgebiet nach Süden. Die Römer verstanden es, die eindringenden Völker in das Römische Reich zu integrieren: Fränkische Krieger dienten dem Kaiser im 4. und 5. Jahrhundert als foederati. Als der letzte weströmische Kaiser 476 abgesetzt worden war, vereinigte der Merowinger Chlodwig I. Ende des 5. und Anfang des 6. Jahrhunderts erstmals die Teilverbände der Salfranken und Rheinfranken und schuf das Fränkische Reich, das unter dem Karolinger Karl dem Großen seine größte Ausdehnung erfuhr. 

Franken und die einheimische Bevölkerung vermischten sich im Laufe der Zeit sprachlich und kulturell. Im Westen dominierte die galloromanische Volkssprache, im Osten die fränkische Sprache, dazwischen bildete sich bis zum 9. Jahrhundert eine Sprachgrenze aus. Der Großteil der Salfranken verschmolz später im Volk der Franzosen und Wallonen. Die Salfranken an der IJssel und am Niederrhein sowie die Mosel- und Rheinfranken behielten ihre fränkischen Mundarten bis in die Neuzeit bei und gingen in den Völkern der Deutschen, Niederländer, Lothringer, Luxemburger und Flamen auf. 

Interessanterweise wird Karl der Große gerade im 19. Jahrhundert von deutscher Seite vehementer vereinnahmt als von den Franzosen. Vielleicht weil auf deutschen Boden doppelt so viele Kaiserpfalzen lagen als auf französischem Gebiet oder weil das von Herzog- und Fürstentümern wie einzelnen Königshäusern zerstückelte Gebiet zwischen Rhein und Oder aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, einen bedeutenden Ahnherrn brauchte, weil es keinem einzigen der adligen Herrschaften gelungen war, die deutsche Einheit zusammenzupuzzeln? All das geschah natürlich ungeachtet der Tatsache, dass unsere Nachbarn in „Charlemagne“ ihren wahren Ahnherr sehen, aber zwischen Ludwig, dem XIV. und der Napoleonmischpoke kein weiterer historischer Superstar passte, so dass sie gelassener sein konnten. Wer weiß?

Tatsache ist, dass mit den so genannten Reunionskriegen (in Deutschland „französische Raubkriege“ genannt) über die Koalitionskriege, die Befreiungskriege, den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und den Ersten Weltkrieg (auch großer Krieg – Grand Guerre genannt) bis zum Zweiten Weltkrieg das Verhältnis zwischen den beiden Völkern (obwohl Deutschland erst 1866 zu einer geeinten Nation wurde) wie eine von Gott gewollte Feindschaft betrachtet wurde. Das führte im offiziellen Sprachgebrauch zur Erbfeindschaft und über 200 Jahre standen sich die einen wie die anderen als unerbittliche Gegner gegenüber, bis in den deutsch-französischen Verträgen von 1963 der schwelende Konflikt und die gegenseitige Verteufelung eines jeden Bürgers links und rechts des Rheines mit friedlichen Mitteln gelöst wurde.

Der deutsche Romantiker Ernst Moritz Arndt schrieb im 19. Jahrhundert ganz prosaisch provokativ:

Das ist des Deutschen Vaterland,
wo Zorn vertilgt den welschen Tand,
wo jeder Franzmann heißet Feind,
wo jeder Deutsche heißet Freund.
Das soll es sein! das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein

Die über 100jährige Tradition der Tour de France, eines der größten sportlichen Spektakel zur Bespaßung eines Millionenpublikums und zur Vermehrung merkantiler Interessen weltweit, gehört ebenso wie Karl Martells großer Sieg bei der Schlacht von Poitiers 732, den Kathedralen in Reims und Chartres, dem Bau des Versailler Schlosses, den großen Aufklärern Rousseau, Voltaire und Descartes, dem Ballonflug Montgolfiers, der französischen Revolution, den napoleonischen Strukturreformen, dem Eiffelturm und dem Einzug des Landes in die Elite der Atommächte zum unnachahmlichen Erbe französischer Kultur- und Wissenschaftsleistungen. Seit 26 Jahren leiden die tourverrückten Fans und Sympathisanten zwischen Atlantik, Pyrenäen, Mittelmeer und Alpen, weil seit dem Sieg Bernard Hinaults 1985 kein weiterer Triumphator der Grande Nation in Paris Einzug gehalten hat. Die glorreichen Helden Bobet, Anquetil, Fignon (die tragischen 8 Sekunden) und Hinault waren die Letzten der großen Kilometerfresser, die in Frankreich beheimatet waren. Dabei schmiegten sich in der Geschichte der Tour mehr als 350 Maillot Jaunes um die mächtigen Brustkörbe der durchtrainierten Muskelkraftrennfahrer – mit und ohne Doping. Als Höhepunkt des Nationalfeiertages gilt immer noch, wenn ein französischer Strampler entweder die Etappe des Tages gewinnt oder das gelbe Trikot erringt oder schon trägt. Dabei errangen französische Bicyclettisten über 350 gelbe Trikots seit dieses Kleidungsstück offiziell für den Führenden der Tour erfunden wurde. Dieses Jahr war es aber wieder einmal soweit, denn ab dem 13. Juli trägt der Publikumsliebling Julien Allaphillippe vorläufig die strahlenden Insignien des Gesamtleaders. Mit 23 Sekunden wird es allerdings fraglich sein, ob er das Leibchen auch über die Pyrenäenpässe behalten wird, aber sein Erfolg schmeichelt der Seele und dem Nationalstolz aller Franzosen, denn die Tour hat immer noch einen höheren Stellenwert als eine Fußballweltmeisterschaft oder ein Sieg auf den Ascheplätzen von Roland Garros. Immerhin gestehen die Experten und Sportjournalisten den Fahrern Thibaut Pinot und Romain Bardet geringe Aussenseiterchancen zu. Wer nach 3480 km in Paris ganz oben auf dem Treppchen stehen wird, ist noch völlig offen, aber eins ist sicher: Die Organisationsleitung wird es auch 2019 als großen Erfolg in sämtlichen Bereichen feiern.

„….als Thuriot de la Roziere aus der Bastille kam, noch weit entfernt von diesem Dithyrambos; die Menge pfiff ihn aus. Thuriot wurde am Kragen gepackt, mit Äxten bewaffnete Männer umringten ihn. Man brüllte ihm ins Gesicht. Bourlier und Toulouse, die beiden Füsiliere in seiner Begleitung, waren in der Menge verloren; er war für einen Augenblick allein, mutterseelenallein. Man rempelte und rief ihn an, machte ihm Vorhaltungen. Bestimmt wurde ihm schwindlig. Er war damals sechsundreißig; als Wahlmann der Abgeordneten des Dritten Standes bei den Generalständern mag er als Mann der Tribüne und des Salons zwar einen brauchbaren Redner abgeben, aber vor der Bastille fühlte er sich, umringt von einfachen Handwerkern, Kistenmachern, Schneidern und Kesselschmieden, nicht so wohl wie auf dem Podium. Und man versteht ihn, zwischen all diesen Leuten sieht er aus wie ein Herr. Es ist nicht wie in der Nationalversammlung, als er nach dem Sturz von Robespierre eine Versöhnung zwischen Montagnards und Thermidorianern versuchen wird, hier retten ihn keine Hinterzimmerhandlungen, wenn ihn ein Marmorpolierer und ein Hafenarbeiter am Kragen packen. Jacques-Alexis Thuriot de la Rozière – er, der 1791 Abgeordneter der Gesetzgebenden Nationalversammlung werden sollte, Vertrauter Dantons, eifriges Mitglied des Jakobinerclubs, der später in den Konvent gewählt wurde, dort auf den Bänken der Montagnards saß und für den Tod Ludwigs XVI. stimmte, der sich in vorderster Front am Sturz der Girondisten beteiligte, in den Wohlfahrtsausschuss aufgenommen wurde, sich aber im Herbst den gegen die Terrorherrschaft protestierenden Gemäßigten anschloss und plötzlich unauffällig werdend, dem Karren entkam – sollte sich schließlich aus dem politischen Leben verabschieden; und lange nach dem 14. Juli, sehr lange danach, sollte er eine glänzende Karriere als Richter machen; so glänzend, dass er Staatsanwalt am Kassationsgericht wurde und Napoleon ihn am 15. Mai 1813 zum Chevalier de l´Empire ernannte. Und auch wenn das ein bisschen gemein ist, weil die Menschen womöglich einen Teil ihrer Zukunft in unguten, manchmal überwältigenden Determinierungen ausbrüten, kann man sich fragen, ob er an diesem 14. Juli 1789 nicht schon ein bisschen himmelblaues Kreuz auf silberweißem Grund war, das in der Mitte des Schildes mit einem zwölfzackigen Stern verziert ist, heraldisch rechts – statt des tapferen Soldaten Bourlier – mit einem offenen Auge, und heraldisch links – statt des treuen Toulouse – mit einer Sandwaage gerahmt, so wie sein Wappen ihn später heiligen sollte.

Ich war an einem 14. Juli einmal in St. Jean d`Angely in der Charente Maritime und allein der Aufmarsch der Veteranen, die so diszipliniert und aufrecht wie eben möglich durch die Stadt defilierten, hat mich emotional tief beeindruckt. Alle trugen Uniformen und einige mussten wohl an die 100 Jahre alt sein. Ich stand da an einer Straßenecke und dachte an mein Deutschsein und was diese furchtbaren Kriege des 20. Jahrhunderts an Leid, aber auch an Stolz und Haltung hinterlassen hatten. Allein dass ich als Deutscher mich so frei und ungezwungen in Frankreich bewegen konnte und dass ich inzwischen viele Freunde unter den Menschen gefunden hatte, bewegte mich tief, denn die Veteranen zeigten, dass sich vor vielen Jahren Franzosen und Deutsche bis auf den Tod bekämpft hatten.
Der Tag war schön, und ich sah mich als Zuschauer in einem großen Tableau der Geschichte. Wie die vielen Orden an den Uniformjacken und die Instrumente der Blaskapelle in der Sonne brillierten, machte den Tag noch strahlender als er ohnehin schon war. Der Pineau, eisgekühlt, schmeckte besonders gut, als die Marsellaise ertönte.

Seite 66, 14. Juli von Eric Vuillard

W.N. 17. Juli 2019 in Köln