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Odd, Out and Old in Bad Wildungen

Wie viele den Namen des kleinen Städtchens mitten in Deutschland schon gehört haben, ist ungewiss, aber sehr viele wissen sicherlich nicht genau, wo sich Bad Wildungen topografisch verortet. Dabei steht der Name Bad Wildungen für eines der ältesten Badekurorte in Deutschland. Seit 1906 gehört Bad Wildungen zu den bekanntesten Bade- und Kurorten in Deutschland und wird zu den fünf hessischen Staatsbädern gezählt. Inzwischen dominieren die Rehakliniken und Seniorenstifte die Stadt und das eingemeindete Reinhardtshausen. Sie sind offensichtlich wichtigste Einnahmequelle der Stadtverwaltung. Allein die Asklepios-Klinikgesellschaft betreibt 4-5 Kliniken oder Krankenhäuser, wobei der Fürstenhof als imposantes Gründerzeitgebäude, ein ehemaliges Nobelhotel, mit vier Ecktürmen das Bild der Stadt mitunter prägt. Aber auch das städtische Krankenhaus und das Schloss befinden sich im Besitz von Asklepios.
Bad Wildungen liegt in Nordhessen etwa 50 km südlich von Kassel in einer Mittelgebirgslandschaft und ist nur wenige Kilometer von einem der größten deutschen Stauseen oder Talsperren Deutschlands, dem Edersee, entfernt. Über dem Edersee thront die Burg Waldeck, von der man weithin übers nordhessische Land blicken kann. Während der Teilung Deutschlands bis 1989 befand sich der Eiserne Vorhang oder die Staatsgrenzen BRD/DDR nur etwa 80 km von der Stadt entfernt, was sich in der BRD auch infrastrukturell bemerkbar machte.
Als Staatsbad lebte die Stadt seit Jahrzehnten von den Kurgästen und später von der Rehabilitationsklienten in den diversen Kliniken. Hauptsächlich werden die Folgen von operativen Eingriffen in den Krankheitsbilder Krebs, Prostatakrebs, Rückenleiden, Schmerzbelastung, Adipositas oder Traumaerkrankungen therapiert.

Trotzdem galt Nordhessen in der Fläche gegenüber dem Rhein Main Raum oder dem Rheinland wie dem Hochsauerland während des Kalten Krieges als ökonomisch unterbelichtet, allerdings lockte die ländlich attraktive Mittelgebirgsgegend Wanderer und Touristen an, die Ruhe und Erholung in einer touristisch wenig frequentierten Gegend suchten. Zu Zeiten der Bundesrepublik sahen viele die nordhessische Landschaft als terra incognita unmittelbar vor Russland, auch wenn dazwischen noch die DDR und Polen lagen. Kassel war vielen bekannt, allein wegen der in den 50er Jahren von Arnold Bode gegründeten documenta strömten alle fünf Jahre Kunstliebhaber aus der ganzen Welt in die größte Stadt im Osten der BRD. Nach der sogenannten Wende oder sollte man vielleicht doch eher den Begriff einer westdeutschen Einverleibung ins System der sozialen Marktwirtschaft verwenden. Nach der Wiedervereinigung (euphemistisch) entdeckten auch die neuen östlichen Bundesländer wie die ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes die große avantgardistische Kunstschau. Kassel führte trotz documenta, Wilhelmshöhe, dem Herkules, der Orangerie in der Karlsaue, weiteren kleineren Museen, insbesondere hervorzuheben ist das Museum für Sepulkralkultur, eine renommierte Kunsthochschule wie die Universität und dem heute kaum noch bekannten LKW- und Flugzeugmotorenhersteller Henschel, welches nach Ende des Krieges und der Bildung der Bundesrepublik von der Volkswagenwerk AG übernommen wurde, gegenüber anderen westdeutschen Städten ein Mauerblümchendasein, obwohl die Stadt alles bietet, was eine moderne Großstadt vorweisen muss. Der Filmemacher Adolf Winkelmann, den wahrscheinlich auch nur wenige kennen, stammt aus zwar nicht aus Kassel, wurde aber die Kassler Szene bekannt. „Die Abfahrer“ und „Jede Menge Kohle“ sind Kultfilme der 80er Jahre. Er hat im Obergeschoss der Dortmunder Union Brauerei, jetzt ein Museum, mit einer außergewöhnlichen Film-Lichtshow über die Grenzen für Anerkennung gesorgt. Ferdinand Sauerbruch ist ebenso Kasseler wie Ulrike Folkerts und Hans Eichel.  Achim von Armin, Clemens von Brentano und die Grimm-Brüder gelten als die intellektuellen Säulenheiligen der Romantik.

Die Großstadt Kassel ist weitläufig in alle vier Himmelsrichtungen von Agrar- und Waldland umgeben. Die kleineren, dünn besiedelten Mittelgebirgszüge wie der Kellerwald, der Reinhardswald, der Habichtswald, der Meißner oder das Knüllgebirge erstrecken sich nach Westen bis zum Rothaargebirge, nach Norden bis zum Harz, nach Osten bis zum Thüringer Wald und nach Süden bis zur Rhön. Die Namen der größeren Ortschaften und Städte werden den meisten auch nicht so geläufig sein, denn wer war schon einmal in Melsungen oder Arolsen, in Fritzlar oder Korbach, in Hofgeismar oder Hessisch Lichtenau. Natürlich kennen Wanderer und Erholungssuchende diese Gegend und in der Zwischenzeit hat sich auch überall mittelständische Industrie angesiedelt, aber diese Unternehmen sind im Vergleich zu Baden-Württemberg oder Bayern überschaubar. Nach Westen ist Köln und nach Osten Erfurt die nächste Großstadt, aber da liegen mindestens 200 km dazwischen.

Wanderer oder Automobilist kommst du nach Bad Wildungen siehst du zunächst den Kirchturm in der Altstadt, der das gesamte Stadtgebiet überragt und an der nächsten Windung der Straße das auf einem Berg thronende, hochherrschaftliche Schloss Friedrichstein. Früher eine Burg, regierten seit 1263 die Grafen und späteren Fürsten von Waldeck das gesamte Umland. Ab 1474 bis 1692 gab es eine Erbteilung, die die Herrschaft über das große Besitztum teilte, bis 1692 Waldeck-Eisenberg entstand. Soviel zu den älteren Klamotten, deren bauliche Zeugen mit Fachwerkhäusern, Türmen und Burgen zu betrachten sind. Die Namensgebung führt im 17. Jahrhundert auf Graf Friedrich Anton Ulrich von Waldeck zurück

Im 19. Jahrhundert, die Aufbruchstimmung des Industriezeitalters war in fast allen größeren Städten und Siedlungen deutlich zu erkennen, entdeckten kundige Forscher Heilquellen in und um Wildungen. Das unermüdliche Stampfen der Turbinen und die Aushöhlung des Bodens, um alle möglichen Erze und vor allem Kohle zu fördern, ließ anfangs die unermüdlich planenden und bauenden Strippenzieher des Kapitalismus allmählich ermüden und sogar erkranken, sodass die Direktoren und Kommerzienräte dringend Auszeiten brauchten, um die Schwerstarbeit in ihren Büros bewältigen zu können. Da kam die Entdeckung der Quellen, wie auch aller anderen Naturheilmittel gerade recht. In Wildungen gründete man 1855 die Wildunger Mineralquellen-Aktiengesellschaft und die geschwächten Konzernlenker wie auch andere reich gewordene Unternehmer zog es ins Tal der Wilde. Obwohl erst acht Heilquellen nutzbar waren, blühte das Geschäft in allen Bereichen. Unterkünfte und Heilanstalten mussten gebaut werden, um die Wüsche der Herbei strömenden zu befriedigen. Die Helenenquelle soll eine der ersten gewesen sein, aber es folgte gleich darauf die Parkquelle. Schon 1869 entdeckte man die Königsquelle, die von einem weitläufigen Parkgelände umgeben wurde. Hotels entstanden, Villen und mondäne Häuser, denn auch die höhere Ärzteschaft benötigte entsprechend große Räume, um den vielfältigen Verpflichtungen eines aufstrebenden Kurbades nachgehen zu können. 1906 bekam Wildungen den endgültigen Ritterschlag zum Kur- und Heilbad, indem die Stadt Nieder-Wildungen in Bad Wildungen umbenannt wurde.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gab es vor allem in den adligen Familien, deren Söhne in Flandern und in Verdun oder Sedan gegen die französische Armee gekämpft hatten, viel Bedarf, um die Leiden der versehrten Blaublütler zu lindern.  Lungenverseuchte, der Zitternde, Einbeinige und Einarmige, Blinde und im Kanonendonner Durchgedrehte versuchten in Bad Wildungen mithilfe der Ärzteschaft wieder ins Leben zurückzukehren. Ich habe keine schriftlichen Quellen gefunden, die beweist, dass auch dem einfachen Soldaten eine Kur in Bad Wildungen zugesprochen wurde. Wer die Literatur der 20er Jahre kennt, weiß, dass es den Tausenden Versehrten und Kranken, vom Krieg ausgespuckte Frontsoldaten aus den niederen Rängen, wie Abfall behandelt wurden, und oft nur Leid, Elend und Tod ernteten. Nur wer Geld genug besaß, war es vergönnt, von erstklassigen Ärzten in Bad Wildungen gepflegt oder sogar geheilt zu werden. Letzteres gilt immer noch, mit Geld kann man sich zwar nicht die vollkommene Gesundheit erkaufen, aber immerhin den Komfort, um sich einzubilden, dass es so sei. Offensichtlich gibt es inzwischen eine Hierarchie der Menschen, die in Bad Wildungen Linderung ihrer Gebrechen suchen. Da die Krankenkassen und die Rentenversicherung jedem, der eine schwerwiegende Erkrankung mit oder ohne chirurgischen Eingriff durchgemacht hat, eine Rehabilitation von mindestens drei Wochen verordnen müssen, erwirtschaften viele Kliniken ihr Betriebsvermögen durch Kassenleistungen. Schon Pensionäre und freiwillig Versicherte können in den Genuss weitaus umfassender Heilbehandlungen in einem angenehmen Ambiente gelangen.

Soweit ich mich erinnere, wurden noch vor 2 oder 3 Jahrzehnten mindestens 4 Wochen REHA bewilligt, während in den 70er und 80er Jahren teilweise eine Kur sechs Wochen dauern konnte. Aber die Krankenkassen darben am hohen Krankenstand, den Arzthonoraren und den teuren Medikamenten. Sie jammern Jahr für Jahr, dass die Leistungen der Bürger nicht ausreichen würden, um mit ihren Budgets klarzukommen. Somit reichen drei Wochen im Regelfall aus, sie müssen ausreichen, denn wir können laut vielen Unkenrufen aus bestimmten politischen Kreisen diese ausufernden Sozialleistungen nicht mehr stemmen. Oder doch, denn bis jetzt scheint unser Gesundheitssystem noch zu funktionieren.
Was zum Teufel mache ich in diesem Ort mitten in der nordhessischen Wildnis, warum hat man mich dazu gebracht, hier eine Weile zu verbringe? Zwischen Rentnern mit Rollatoren und Pensionären mit erotischem Nachholbedarf in einer Stadt der Langeweile und der Gebrechensbekämpfung lasse ich in einer sogenannten Rehabilitationsklinik meine Muskeln, Faszien und Sehnen auf den neuesten Stand meiner Altersklasse bringen. Mein Gesundheitsexil liegt im Bergland unweit des Edersees, die sich durch die Täler windet und durch die Burg Waldeck bekannt geworden ist. Vielleicht haben die Gebrüder Grimm hier den Stoff für ihre Märchen gefunden, wo anstelle Räubern und Strauchdieben neonazistische Mordbrenner und Waffennarren durch die Gegend schleichen und bestimmt nichts Gutes im Sinn haben. Vielleicht erinnert sich jemand an den Grafen Poppo 1. von Ziegenhain, den Entdecker des Musculus Gluteus Maximus oder auch Gesäß genannt.
Wenn die sogenannte Zeitenwende tatsächlich irgendwann in nächster Zeit Wirklichkeit werden sollte, ist im Sinne der großen Transformation ein Systemwandel der Demokratie unumgänglich, der sich auch auf alle sozialen Bereiche unserer Gesellschaft auswirken muss. Das bedeutet, dass unsere alternde Gesellschaft entsprechend finanziell umgebaut werden muss, damit alle Altersgruppen gleichermaßen in den Genuss des medizinischen Fortschritts kommen können. Je älter wir werden, desto mehr werden wird ein neu strukturiertes Gesundheitssystem umso wichtiger. Soll es demokratisch gerecht zugehen und das Leben der Menschen solidarisch begleitet werden, muss sich einiges ändern. Allerdings muss konzediert werden, dass sich die moderne Behandlungsvielfalt mit digitaler Medizinaltechnik enorm erhöht hat. In den meisten Kliniken werden immer mehr maschinell betriebene Geräte für den Heilungsprozess eingesetzt als früher. Ob das aber immer den notwendigen Erfolg bringt, sei dahingestellt. Im Ranking der Kliniken gibt es große Unterschiede, die sich vor allem auf die Spezialisation der Krankheiten beziehen. So gibt es Kliniken, die außerordentlich gute Leistungen und Erfolge für Herzkranke erzielen, während andere sich im Bereich Orthopädie, Krebs oder anderen Symptomen beschäftigen.
Bad Wildungen lebt von der Demografie und profitiert vom Umbruch der Arbeitsbedingungen hin zur Kommunikations- und Bürogesellschaft. Zwischen Methusalemdasein und Motorradunfall, zwischen künstlichen Hüften und chirurgischen Robotern. Sicherlich bereitet die jährliche Bilanz dem Stadtkämmerer keine schlaflosen Nächte.
Die auch im Ausland bekannten, prominenten Großbäder Deutschlands wie Bad Pyrmont, Bad Hersfeld, Baden-Baden, Bad Oeynhausen oder Bad  Wörishofen können nach den bisherigen Begutachtungen relativ sorglos in die Zukunft schauen.

Auch über das Leben in den 20er Jahren, die in den Großstädten wie in Berlin, Paris oder Wien in rauschhafter Attitüde als Abgesang auf eine marode Welt abgefeiert wurden, fand ich keine schriftlichen Zeugnisse über Bad Wildungen. Die heutige Asklepios Klinik Fürstenhof, einst ein Hotelbau mit weltstädtischem Flair und großzügigen Ausmaßen, auf dem Wildunger Boulevard Brunnenallee zeigt mit welchem Pomp und verschnörkelter Verschwendung am Anfang des 20. Jahrhunderts vom boomenden Kapitalismus der neuen bürgerlichen Feudalherr scher profitiert wurde.
Die halbrund gebaute Kurwandelhalle mit den angedachten ionischen Säulen wie das benachbarte Kurhotel Maritim lassen ahnen, dass der Geldadel, die jeunesse dorée wie die schwerreichen Unternehmenslenker ihr Leben genossen haben müssen. Allerdings bezweifle ich, dass es junge Leute überhaupt in das von Wäldern umgebene Städtchen verschlagen hat.
Die Wandelhalle wurde 1929 errichtet und ist in den letzten 50 Jahren zu einem ansehnlichen Gebäudekomplex gewachsen, in dem Events, Ausstellungen und offizielle Empfänge stattfinden. Jährlich werden im Herbst die deutschen Billardmeisterschaften ausgetragen werden.

Als 1933 die NSDAP mit ihrem teuflischen Furorführer an die Macht kamen, begann auch in Nordhessen eine andere Zeit. Ich habe Einsicht in unterschiedliche Dokumente über dieses zwölfjährige Dritte Reich mit tausendjähriger Selbstprognose einsehen können und kam zu dem Schluss, dass die Nazis hier besonders rabiat auftraten. Im Jahre 1933 hatten 150 jüdische Personen in der Stadt ihre Heimat und spielten in kommunalen, aber auch in gesundheitspolitischer Hinsicht eine wichtige Rolle. 35 Familien lebten in Bad Wildungen. Sie hatten eine repräsentative Synagoge erbaut und es gab ein reges jüdisches Gemeinschaftsleben. Nach den Rassegesetzen und mit dem Beginn des Weltkrieges wurden sie pausenlos von den Faschisten schikaniert und täglichen Repressalien ausgesetzt. Die Henkersknechte der Nazis deportierten sämtliche Juden in Konzentrationslager und damit in den Tod. Offensichtlich konnten nur wenige Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor den schlimmsten Verfolgungen ins rettende Ausland fliehen. Bevor der Furor der Braunhemden seinen Höhepunkt erreichte, gelang es einem Teil von ihnen aufgrund der zunehmenden Repressalien und Entrechtung auszuwandern.

Auszüge und Quellen aus; http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20421/Bad%20Wildungen%20Stolpersteine_Begleitbroschuere.pdf

Viel nachweisbare Anekdoten oder Ereignisse während der Nazizeit, sind im Internet nicht zu finden, dafür müsste ich in Archive gehen. Der Bürgermeister Sempf von Bad Wildungen erklärte 1952 bezüglich der 1938er Pogromnacht: „In Bad Wildungen sind keine Ausschreitungen gegen jüdische Bürger und deren Eigentum vor der Pogromnacht im November 1938 vorgekommen. Die Wohnung des jüdischen Lehrers befand sich in der Synagoge, die auch erst durch den Brand in der Pogromnacht demoliert wurde. Es konnten keine Zeugen ermittelt werden, die nähere Angaben über die Ausschreitungen in der Pogromnacht machen könnten.“  (Seit 1928 war Sempf Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 91403) Weiter berichtet er: . . . . . . . . „Das Gebäude stand in hellen Flammen, die Feuerwehr hat nach wenigen Minuten die Brandbekämpfung und den Schutz der angrenzenden Kreissparkasse aufgenommen. Die Synagoge brannte vollständig aus, es standen am anderen Morgen nur noch die ausgebrannten Trümmer. Die Synagoge befand sich an einem steilen Abhang inmitten der Stadt, es bestand Einsturzgefahr. Ich habe daraufhin mit dem Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde wegen Beseitigung der Trümmer verhandelt. . . . . . . . . . . . . . . Der Regierungspräsident von Mombart habe auf der Trümmerbeseitigung bestanden, „da Wildungen internationales Weltbad sei und im Jahr 1939 noch Ausländerbesuch hatte. Um jede Gefahr bei Beseitigung der Synagogenreste auszuschalten, mussten Sprengungen vorgenommen werden.“
Selma Hammerschlag, eine jüdische Mitbürgerin, schildert: „Im November 1939 mussten wir innerhalb 48 Stunden Bad Wildungen verlassen und wurden in Kassel bei einer jüdischen Familie untergebracht.“
Im Amt lag eine „Liste von Abmeldungen“ vor, die eine Zahl von 33 Personen mit „neuem Wohnsitz“ angibt: „Tag der Abmeldung: 15.11.1939“. Sempf ergänzte in einem Schreiben an die Gestapo Kassel am 17.11.1939: „Im hiesigen Polizeibezirk ist nur noch der Jude Jakob Berentz hier, Brunnenallee 20a wohnhaft, anwesend.“ Bad Wildungen galt ab jetzt als „judenfrei“

In Bad Wildungen gaben sich auch die Granden der NSDAP und deren Regierungsapparat mehrmals ein Stelldichein. Ribbentrop und Göring besuchten das Kurbad. Für die Stadtbonzen war es immer heikel, ausländische Gäste jüdischer Herkunft, die trotz des offenen Antisemitismus in den ersten Jahren der Hitlerregierung in den Heilbädern und -kliniken kurten, nicht zu vergraulen, weil sie eine Menge Geld in der Stadt ließen. Überall prangten antisemitische Parolen in Schaufenstern und im öffentlichen Raum und der Hass auf alles Jüdische zeichnete die allgemeine Stimmung auf. Wegen der jüdischen Gäste war es den Parteioffiziellen peinlich, wenn Nazihorden mit dem Hitlergruß durch die Stadt marschierten und eine beängstigende Atmosphäre erzeugten. Es wird beschrieben, dass man auf Schritt und Tritt man den Schergen der SA und der SS begegnete und wie sie sich großspurig aufführten. Oppositionelle aus den inzwischen verbotenen Partei SPD und KPD flohen rechtzeitig oder verschwanden über Nacht aus der Stadt. Ähnlich erging es Sinti und Roma und alle, die nicht mit den Nürnberger Rassegesetzen im Sinne der Nazis kompatibel waren.
Im Jahre 1944 versuchte das Oberkommando der Wehrmacht ihren Standort für alle Fälle nach Bad Wildungen zu verlegen. 17 Bunker, von denen bis heute einige wenige noch nicht entdeckt worden sind, zeugen von diesem Vorhaben, aus dem aber nichts mehr wurde. In der Nähe der Wandelhalle fiel mir an einem Hang eine Betonmauer auf, deren Front schmale, vertikale Schlitze zu sehen waren. So wurde Wildungen die erste Stadt mit einem Bombenschutz für alle Bewohner. „Der Auftrag, inmitten der Altstadt und den neuen Stadtteilen solche Schutzanlagen zu schaffen, für die es keine Vorbilder gab, stellte den Planer vor eine Aufgabe […] es mussten trotz der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit Lösungen gefunden werden.“

Als im Frühling die us-amerikanische Armee Bad Wildungen befreite, beschlagnahmten sie die best erhaltenen Gebäude an der Brunnenallee und in dem angrenzenden Villenviertel. Die Ortskommandantur verlegten sie zunächst  ins Café Schwarze. Bald siedelten sie in das Hotel „Fürstenhof“ um und nutzten es bis 1958.
Im Mai 1945 fand ein Treffen hoher US und sowjetischer Militärs im Fürstenhof statt. Ein wichtiger Punkt waren sicher erste konkrete organisatorische Maßnahmen im Umgang mit dem besiegten Feindstaat Deutschland. Dazu zählte auch die Zusammenführung durch den Krieg versprengter Familien. So gab es in Bad Wildungen noch 1947/48 in der Dr.-Born-Straße 7 eine Zweigstelle des Kindersuchdienstes.
Die Besatzer oder Befreier, je nach Sichtweise, gingen am Anfang mit harter Hand gegen die ehemaligen NS-Bonzen vor. Es wird keinen verwundern, dass sie  enteigneten, was zu enteignen war, schließlich musste Strafe sein und ohnehin war der meiste Besitz der Nazis geklaut. Der Bürger Pusch zählt die Maßnahmen auf, die von den Amerikanern eingeleitet wurden: „Die politischen Leiter werden mit Zwangsarbeiten beschäftigt. Gestern sah man Ortsgruppenleiter Emil S. mit zwei weiteren Parteigenossen auf dem Friedhof Gräber ausschaufeln. Kurdirektor de H., Hoteldirektor S. und andere schaufelten Müll zusammen auf dem Sportplatz vor dem Bunker im Breiten Hagen.“ Andere ehemalige Parteimitglieder waren mit „Straßenkehren beschäftigt“

Wer die Akten im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden einsieht, bekommt den Eindruck, dass die „Entnazifizierung“ zwar gut gemeint gewesen sei, aber lasch durchgeführt wurde. Aus den Stellungnahmen oder Erinnerungen der Beklagten stehen Ausflüchte, Abstreitungen und Relativierungen. Schuldbewusstsein im Vordergrund. Eigentlich entstand der Eindruck, dass es über 12 Jahre sehr friedlich und moderat zugegangen sei.

Was in Bad Wildungen und vielen anderen Orten in Deutschland damals geschah, hat Ralph Giordano die „zweite Schuld der Deutschen“ genannt. Er meinte damit das Unvermögen und den Unwillen, sich selbst Jahrzehnte nach Kriegsende den NS-Verbrechen (als der ersten Schuld der Deutschen) gestellt zu haben, so dass eine Aufarbeitung oder auch nur ein Bedauern unterblieben. Eine solche Aufarbeitung dauerte denn auch in der Badestadt bis weit in die 1980er-Jahre.

Am 23. September 2008 erhielt die Stadt den von der Bundesregierung verliehenen Titel „Ort der Vielfalt

Die Gästezahl betrug 129.424 im Jahr 2015 bei 1,43 Mio. Besuchern

Im Oktober 2022 – Wolfgang Neisser